Wagner-Verdi-Performance Alain Platel über seine Vorstellung „C(h)œurs“

Alain Platel
Alain Platel | © Chris Van der Burght

Der belgische Choreograf und bekennende Bach-Fan Alain Platel hat mit einer Performance zu Wagner den Nerv der Zeit getroffen. In „C(h)œurs“ inszenierte er auf Initiative von Gerard Mortier zu Musik von Wagner und Verdi. Eine Thema, das schon die beiden Komponisten verbindet, ist auch bei Platel zentral: die Spannung zwischen Individuum und Masse. Doch die Tänzer haben es nicht leicht mit Wagners Musik und auch die Reaktion des Premierenpublikums fällt unerwartet heftig aus. „C(h)œurs“ ist seiner Zeit voraus gewesen und so, ganz ungeplant, ein wichtiger Beitrag zum Wagner-Verdi-Jahr 2013.

Herr Platel, Richard Wagner und Giuseppe Verdi würden 2013 ihren 200. Geburtstag feiern. Sie bringen die als Antipoden geltenden Komponisten in Ihrem Stück „C(h)œurs“ zusammen. Hatten Sie dabei keine Bedenken?

Doch, natürlich. Das Ganze war die Idee von Gerard Mortier, er hat mich gefragt, ob ich zur Musik von Verdi arbeiten möchte. Als ich die Musik anhörte, reizte mich vor allem der Chor. Ich bin immer daran interessiert, einen Zusammenhang zwischen der Bühne und dem aktuellen Weltgeschehen herzustellen, und es gab ein paar sehr offensichtliche Verbindungen zwischen der derzeitigen globalen Krise und den Opern Verdis. Gerard schlug vor, auch Musik von Wagner zu verwenden. Ich kannte beide Komponisten nicht besonders gut. Ich wusste nur, dass sie in derselben Epoche lebten und in Ländern, die damals noch keine Länder waren. Zu dieser Zeit drängte das Volk darauf, eine Nation zu werden. Es gab also eindeutig ein Thema, das beide Komponisten miteinander verband.

Was genau verbindet die beiden Komponisten? Was trennt sie?

Wagner und Verdi waren beide sehr sozial – und sogar auch politisch – engagiert. Aber sie schlugen unterschiedliche Wege ein, vor allem gegen Ende ihres Lebens. In Bezug auf ihre Musik hatten sie nur wenig gemeinsam: Sie drücken ihre Meinungen, ihre Ideen und ihre Gedanken auf sehr unterschiedliche Art und Weise in Noten aus.

Eines Ihrer Haupthemen in „C(h)œurs“ ist die Gegenüberstellung von Individuum und Masse und der Drang nach Einheit. Wie kann diese Einheit erreicht werden?

Hier in Belgien gibt es ein paar Autoren, die vom so genannten „dringenden Problem der westlichen Gesellschaften“ sprechen. In den 1950ern, 1960ern und 1970ern gewann das Individuum immer mehr an Bedeutung, während alle möglichen Arten von Gemeinschaft verschwanden. Heute verstehen wir, dass dies alles in eine ziemlich extreme Richtung ging, sodass die Menschen ein immer stärkeres Bedürfnis nach Einheit haben: Auf der einen Seite steht das Streben nach einem vereinten Europa, auf der anderen, auf lokaler Ebene, die Verteidigung nationaler Identitäten. Darüber hinaus sehe ich das Bedürfnis der Individuen, wieder eine Gesellschaft zu werden. Es gibt hier also einen Kampf – und dieser Kampf interessiert mich.

Ist Kunst ein Mittel, das uns Menschen vereint?

Heutzutage kann sich jeder überall und zu jeder Zeit von Computern und Internet unterhalten lassen. Trotzdem gehen die Leute nach wie vor ins Theater. Es ist ein Ort, wo die Leute hingehen, um etwas gemeinsam zu erleben. Ich glaube, dass dies auch das Ziel meiner Arbeit ist. Wonach ich suche, ist fast so etwas wie ein Ritual, ein kollektives Ritual, das auf der Bühne passiert, aber auch mit dem Publikum geteilt wird. In diesem Sinne stimmt es, dass Kunst uns verbinden kann.

Bezieht sich darauf auch der Titel „C(h)œurs“, im doppelten Sinne von „Chor“ und „Herz“?

Wir hatten uns schon lange vor Beginn der Proben auf den Titel geeinigt, denn ich wusste, dass ich den Schwerpunkt auf zwei Dinge legen wollte: den Chor („chœur“) als Ausdruck von Gemeinschaft und das Herz („cœur“) im Sinne der sentimentalen und emotionalen Ebene der Musik im Allgemeinen. Das waren die Ausgangspunkte. Aber je länger wir an der Performance arbeiteten, umso klarer wurde uns, dass diese Spannung zwischen Individuum und Masse im Vordergrund stehen würde: der Chor, der für die Masse steht und die Tänzer, die für die Individuen stehen.

Wenn Worte nicht mehr ausreichen

Die Tänzer sind oft nackt oder teilweise nackt und bewegen sich demütig oder zittern. Warum müssen sie so viel leiden?

Ich glaube, es gibt auch einige sehr anmutige Szenen. Aber es stimmt wahrscheinlich, dass die Menschen sich an die harschen Szenen am besten erinnern. Das hängt mit dieser Art körperlichen Sprache zusammen, die wir schon seit Jahren versuchen zu entwickeln. Wir versuchen, diese tieferen Gefühle auszudrücken, die man so schwer in Worte fassen kann. Es ist ein bisschen so, als würden die Worte nicht mehr ausreichen und dann der Körper übernehmen.

Wie entwickeln Sie diese körperliche Sprache?

Ich bin vom Beruf her Psychologe. Ich bin weder Tänzer noch Choreograf und wurde mehr oder weniger zufällig zum Theaterdirektor. Es sind also die Tänzer selbst, die diese körperliche Sprache entwickeln. Natürlich gebe ich ihnen viele Anweisungen und sie sich untereinander auch. Es ist eine Art Dialog.

An manchen Stellen – gerade auch in den Intermezzos – kommt eine gewaltige Kraft und Wildheit zum Ausdruck. Man spürt den revolutionären Geist, der ja auch in der Zeit der Komponisten eine Rolle spielte. Doch die Tänzer sind oft geknebelt oder öffnen den Mund für lautlose Schreie. Ist dies ein Symbol der Ohnmacht oder eher ein Aufruf, laut zu werden?

Es gibt dieses große Bedürfnis der Leute, laut zu schreien und gegen alle Arten von politischen und wirtschaftlichen Grausamkeiten zu protestieren, die auf der Welt passieren. Gleichzeitig gibt es dieses Gefühl der Machtlosigkeit, nicht zu wissen, wie man gewisse Systeme ändern kann. Letztlich ist es also beides, ein Schrei nach Veränderung und gleichzeitig die Einsicht, dass man nur sehr wenig erreichen kann.

Musik mit historischer Last

Bei Richard Wagners Musik scheiden sich die Geister. Auch als Person ist Wagner wegen seines Antisemitismus und seiner nationalen Haltung umstritten. Wie stehen Sie zur Person und zum Komponisten Wagner?

Wir haben die Musik gehört und darauf geachtet, wie sie auf jeden einzelnen wirkt. Ich muss sagen, dass es nicht selbstverständlich war, mit dieser Art von Musik für die Performance zu arbeiten, zumal drei der Tänzer jüdisch sind. Einer von ihnen lebt in Israel. Mit dieser Musik zu arbeiten, die in seinem Land nicht aufgeführt werden darf, war nicht ganz leicht für ihn. Als sie die Musik zum ersten Mal hörten, waren die meisten Tänzer überfordert. Nur durch die tägliche Arbeit über drei, vier Monate hin erkannten wir, dass wir damit arbeiten können. Und am Ende waren sich alle einig, dass sie die Stücke, die wir ausgesucht haben, sehr gerne mochten. Es gibt also zwei Dinge: das musikalische Element und die Emotionen der Leute – und die Geschichte Wagners und des Wagner-Clans. Beim Kreieren der Performance haben wir versucht, diese beiden Dinge nicht zu vermischen.

Sind Sie selbst auch von Wagners Musik fasziniert, seit Sie an dieser Performance arbeiten?

Ja, absolut. Ich habe seine Musik natürlich schon früher gehört, aber sie hat mich nie inspiriert und ich gehe nur sehr selten zu einer Wagner-Oper oder einem Wagner-Konzert. Ich begann mich wirklich nur dank Gerards Initiative für Wagners Musik und sein Leben zu interessieren. Ich muss sagen, dass ich von der Musik, zumindest den Stücken, die wir für die Performance ausgewählt haben, sehr begeistert bin. Aber ich würde nicht sagen, dass ich ein Fan von Wagners Gesamtwerk geworden bin. Ich bin ein großer Bach-Fan, wissen Sie.

Wut und Begeisterung

Nach der Uraufführung am Teatro Real in Madrid wurde „C(h)œurs“ in Amsterdam, Brügge und Ludwigsburg gezeigt. Wie reagierte das jeweilige Publikum?

Die ersten Aufführungen in Madrid waren wirklich hart. Die Leute reagierten sehr heftig, manche waren sehr wütend. Ich hatte die Gelegenheit, mit einigen dieser Leute zu sprechen und dann verstand ich auch ihre Wut. In der Performance gab es etwas, das viel mit der aktuellen Situation in Spanien und vor allem in Madrid zu tun hat. Am ersten Abend waren auch sehr viele ziemlich wohlhabende und konservative Leute im Publikum, die darüber verärgert waren, dass wir die Außenwelt in ihr Opernhaus brachten. Das haben wir später nicht mehr erlebt. Nach der dritten Aufführung waren die Leute begeistert und genauso war es auch in Amsterdam, Ludwigsburg und Brügge.

Planen Sie weitere Stücke im Wagner-Verdi-Jahr 2013?

Ich würde mich freuen, wenn diese Performance öfter gezeigt werden würde. Aber das ist auch für uns schwierig, weil 150 Leute darin involviert sind. Ich habe ein bisschen zu spät gemerkt, dass wir so kurz vor dem Jubiläumsjahr an der Performance arbeiten, sonst hätte ich die Aufführungen ein bisschen verschoben. Aber wenn etwas einen Beitrag zu all den Wagner-Verdi-Feiern leisten kann, dann ist es sicherlich C(h)œurs.
 

Biografie

Alain Platel, 1959 in Gent geboren, ist ausgebildeter Pädagoge, autodidaktischer Choreograf und Theaterdirektor. Bereits mit elf Jahren besuchte er die Schauspiel- und später die Ballettschule. Seit 1980 kreiert er seine eigenen Choreografien. 1984 gründete er in Gent seine Ballettequipe Les ballets C de la B, die 1998 mit lets op Bach internationales Ansehen erreichte. Platel erzielte weitere Erfolge mit unter anderem Wolf (2003) und Ramallah! Ramallah! Ramallah! (2004). Vsprs, das er 2006 produzierte, stellt einen Wendepunkt in seiner Karriere dar: Seine Choreografien sind seitdem zunehmend emotional geprägt, wie Nine Finger (2007) oder Out of context – for Pina (2011). C(h)œurs (2011) entstand auf Initiative von Gerard Mortier, Direktor des Teatro Real in Madrid.