INTERVIEW MIT SANDRA HÜLLER „Man ist angreifbar, wenn man sich auszieht“

Sandra Hueller Nacktheit Artikel Intro
© Mathias Bothor

Nackt oder im Badetuch?

„Sweating for Europe“ holt Europa-Parlamentarier von 24. bis 26. April 2017 in die Sauna. Politiker aus allen EU-Ländern sind eingeladen, abseits ihrer gewohnten Arbeitssituation über brandaktuelle Themen zu diskutieren. Die Teilnehmer sollen nach finnischer Tradition in ruhiger, aber schweißtreibender Atmosphäre mit kühlem Kopf Antworten finden auf europäische Fragestellungen. Ob nackt oder in ein Badetuch gewickelt, das können sie selbst entscheiden. Die mobile Sauna steht in unmittelbarer Nähe des Parlaments. Nach dem Saunagang werden die Diskussionen dann mit Publikum fortgesetzt. Melden Sie sich jetzt an!

Ein Projekt des Finnischen Kulturinstituts, des Goethe-Instituts Brüssel, der Alliance française sowie EUNIC und Visit.Brussels

„Toni Erdmann“ von Regisseurin Maren Ade ist einer der erfolgreichsten deutschen Filme der vergangenen Jahre. Sandra Hüller spielt darin eine ehrgeizige Unternehmensberaterin, die sich der konfliktreichen Beziehung zu ihrem Vater stellen muss. Für ihre herausragende Leistung erhielt die Schauspielerin zahlreiche Auszeichnungen, neben anderen den Europäischen und den Bayerischen Filmpreis. Außergewöhnlich lange 15 Minuten ist Hüller darin völlig unbekleidet zu sehen. In dieser Szene wirkt die blonde Leipzigerin genauso unaufgeregt, wie sie auf Interviewfragen antwortet.

Frau Hüller, was bedeutet Nacktheit für Sie?

Für mich ist das etwas ganz Privates. Aber es gibt Situationen in Filmen oder Geschichten, wo Nacktheit etwas erzählt, mehr als dass einem warm ist oder dass zwei Leute miteinander ins Bett wollen.

Wie im Film „Toni Erdmann“, wo Sie an einer Stelle ohne Kleidung Ihre Partygäste empfangen. Soll diese Szene provozieren?

Darüber haben wir mit der Regisseurin Maren Ade nicht gesprochen.

Wie sehen Sie diese Szene?

Ich kann sagen, was ich daran schön finde: dass da jemand eine Konvention bricht, in der man immer funktioniert. Als es an der Tür klingelt, beschließt Ines, die ich im Film darstelle, dass ihr die eigene Nackheit egal ist. Für mich ist das eine große Befreiungsszene. Ein großer Zusammenbruch auf der einen Seite, auf der anderen ein großer Aufbruch. Ich mag, dass die Leute sich in der Szene wirklich begegnen, dass man sie nicht nur körperlich nackt sieht, sondern auch seelisch. Man sieht zum ersten Mal deren Nöte. Die Kleinheit des Chefs, die Assistentin, die sich auch auszieht, um ihrer Chefin zu helfen, und Ines‘ Freund, der eine Entscheidung trifft. Er will nicht mitmachen bei diesen Machtverhältnissen.

Er stiehlt sich davon.

Vor ein paar Jahrzehnten war Nacktheit ein Protestmittel. Oder ein Mittel, um auf bestimmte Dinge hinzuweisen. Heute geht es mehr um ein angepasstes Schönheitsideal, das in einer Überflussgesellschaft entsteht. Gerade in meinem Beruf ist spürbar, dass der Druck immer größer wird, einen schlanken Körper zu haben. Früher, in Zeiten von Not, waren dicke Körper das Schönheitsideal. Es geht immer darum, dass sich Menschen absetzen wollen von anderen.

Die Filmszene wirkt spontan, war sie das?

Nein, sie war so geplant. Das war der Wunsch von Maren Ade.

Wie haben Sie sich gefühlt?

Ich wusste natürlich, was da auf mich zukommt. Dennoch war das sehr aufregend, ist ja klar. Aber es führte auch kein Weg daran vorbei. Ich war zu diesem Zeitpunkt in dem Film voll drin. Man kann so eine Handlung ins Drehbuch schreiben, aber dann muss man erst mal sehen, ob sie sich organisch in den Film einfügt. Ich denke, es hat funktioniert.

„Es wird friedlicher, wenn man sich auszieht“

Sie haben in einem Interview gesagt, es sei keine so große Leistung, sich auszuziehen, eher eine Leistung, sich rückwirkend darüber nicht zu schämen, wie man aussieht.

Das ist ambivalent: Es ist mir bewusst, dass mein Körper meine sterbliche Hülle ist. Insofern ist es eigentlich egal, dennoch weiß ich, dass man angreifbar ist, wenn man sich auszieht. Das ist schon riskant. Aber ich will keinen Applaus dafür haben, dass ich mich ausgezogen habe.

Werden die Leute gleichwertiger, wenn sie ihre Kleider nicht mehr als Statussymbol tragen können?

Ich habe das Gefühl, das ist so. Man kann aber auch nackte Körper verändern. Manche Leute stylen ihn ja regelrecht. Die Individualisierung, die ganze Ambivalenz ist spürbar. Wir gehören zu einer Spezies und sind doch einzeln und unterscheiden uns.

Bei einem Projekt des Goethe-Instituts sprechen Europaabgeordnete in der Sauna über politische Themen. Würden Sie bei so einer Aktion mitmachen? Können Sie sich vorstellen, nackt in einer Sauna über wichtige Themen zu sprechen?

Eigentlich ziehe ich mich überhaupt nicht gerne aus und gehe auch nicht so gerne in die Sauna. Vor allem nicht in eine gemischte Sauna, weil unsere Körper nur sehr selten ohne Wertung und ohne Gefühle wahrgenommen werden. Und ich finde, es ist auch nicht so angenehm, dort Gespräche zu führen.

In Finnland ist die Sauna ein heiliger Ort, in dem Entscheidungen getroffen werden.

In einem Land, in dem das gang und gäbe ist, würde ich das wohl auch so halten. Immerhin wird es friedlicher, wenn man sich auszieht. Und wenn man sich einmal darauf eingelassen hat, ist das sicher sehr interessant. Dann wird das Gespräch bestimmt auch anders als in anderen Zusammenhängen. Es erfordert ja auch einen gewissen Humor, und das ist immer gut.