Residenzprogramm „Spekulatives Design“ (01.-22.09.17, Namur, Belgien)

Les Abattoirs de Bomel © Jean-Fraçois Flamey

Spekulatives und kritisches Design oder Design fiction sind die Themen eines neuen deutsch-belgischen Residenzprogramms für Studierende, junge Absolvent/innen und Kunstschaffende im Bereich Design/Kunst oder in anderen Disziplinen. Das Programm bietet je einem/r Residenten/in aus Belgien und Deutschland die Möglichkeit, sich kreativ mit neuen Technologien auseinanderzusetzen, auszutauschen und auf Wunsch gemeinsam ein Projekt zu entwickeln. Das Residenzprogramm ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Goethe-Institut Brüssel, dem KIKK Festival, dem Kreativzentrum TRAKK und dem Kulturzentrum Les Abattoirs de Bomel.

Wir danken allen Bewerbern für ihr Interesse und gratulieren den beiden Residenten Caroline Wolewinski (B) und Pedro Oliveira (BR/DE)!

Caroline Wolewinski © Foto: Pauline Miko, 2017 Worin bestehen Ihr Interesse und Ihre Vorstellung von Design?

Design ist Bestandteil unseres Alltags. Alles um uns herum wurde designt — von den Lebensmitteln, von denen wir uns ernähren, bis zur Kleidung, die wir tragen. Die Welt, in der wir leben, zu verstehen, heißt, die Bedeutung und den allgemein anerkannten Stellenwert von Design nachzuvollziehen. In diesem Sinn vermittelt uns die Frage nach dem Wesen und Ursprung von Design ein genaueres Bild von unserer Welt. Man könnte annehmen, dass Design nur dazu dienen würde, Dinge zu verschönern oder Lösungen für unsere Bedürfnisse zu finden. Die wirtschaftlichen und ideologischen Aspekte von Design sind jedoch komplizierter. Es ist Aufgabe des Designers, in einem wirtschaftlichen Kontext praktische und ästhetische Lösungen zu liefern, die uns alle Fragen des Designs vergegenwärtigen.

Worum geht es bei dem Projekt, das Sie in Namur entwickeln?

Meine Untersuchungen konzentrieren sich auf Fragen, die durch zukünftige Bedürfnisse entstehen: Wie könnten die Bedürfnisse und Gewohnheiten künftiger Generationen aussehen? Welche Hilfsmittel könnten dann vorhanden sein? Wie kann man sich Lösungen/Objekte vorstellen, die noch nicht existieren? Wie kann man Verhaltensweisen und Einstellungen plastisch darstellen? Durch das Konzipieren zeitgenössischer Artefakte schlüpft der Designer in die Rolle eines Archäologen der Zukunft.

Warum haben Sie sich für die Residenz in Namur entschieden und welche Erwartungen haben Sie?

Als Designer habe ich durch die Residenz die Möglichkeit, mich in die eigene Forschungsarbeit zu vertiefen oder auf Projektaufträge zu konzentrieren. Das Thema der Residenz wirft eine ganze Reihe von Design-bezogenen Fragen auf – seine Funktion im Alltag und im weiteren Sinne in der Gesellschaft. Der Begriff des mondänen Lebens und seine Objekte sind schon seit geraumer Zeit Teil meiner Arbeit, wobei sich mir jetzt eine neue Gelegenheit bietet, mich mit dem Thema ausführlicher zu beschäftigen. Die Idee der Residenz liegt darin, neue, unbekannte Techniken auszuprobieren, die meine praktische Tätigkeit bereichern können. Durch TRAKK Fablab und seine Ausstattung wird diese Erfahrung hoffentlich umfassend und erfüllend sein.

http://carolinewolewinski.info/
Pedro Oliveira © Foto: Luiza P. / A Parede Worin bestehen Ihr Interesse und Ihre Vorstellung von Design?

In meiner Forschungsarbeit und Praxis interessiert mich die Vorstellung von Design als ontologische Kraft (gemäß Anne-Marie Willis und Tony Fry) sowie Designen als materielle und diskursive Praxis. Aus pragmatischer Sicht bedeutet dies, dass ich Design als das verstehe, was die Bedingungen für unsere Existenz in dieser Welt gestaltet und was durch diese Bedingungen gestaltet wird; dabei war Design für die Konstruktion der Realität, wie wir sie kennen, von größter Bedeutung. Das bedeutet, dass Design für die Einrichtung und Verstetigung einer Vielzahl von Unterdrückungsformen verantwortlich zu machen ist, wie Kolonialismus, struktureller Rassismus, Diskriminierung von Behinderten, Diskriminierung von Frauen, wirtschaftliche Verarmung usw.

Worum handelt es sich bei dem Projekt, das Sie in Namur entwickeln?

Für diese Residenz initiiere ich einen Teil eines größeren Projekts namens „Verfluchte Materialitäten“, bei dem wir (meine Partnerin Luiza P. und ich) Kolonialbauten und ihren Spuren in der modernen Technologie auf den Grund gehen. In Namur werde ich insbesondere Technologien zur Sprach- und Akzenterkennung erforschen, vor allem in grenznahen Gewerbegebieten, wo sie eingesetzt werden, um Migration drastisch zurückzuschrauben. Das ursprüngliche Ziel meiner Arbeit ist es, eine entkolonialisierende Poetik für Maschinentraining zu entwickeln, aber das dürfte sich im Lauf dieser drei Wochen ergeben.

Warum haben Sie sich für die Residenz in Namur beworben und welches sind Ihre Erwartungen?

Meine Arbeit der letzten Jahre hatte viel zu tun mit spekulativem Design und der sich daraus ergebenden Problematik, wer für wen welche Zukunft gestaltet. Durch die Bewerbung für die Residenz bekam ich die Zeit und die Mittel, die notwendig sind, um eine spekulative Praxis mit einem gegen-hegemonialen und entkolonialisierenden Ausgangspunkt zu entwickeln. Die Verbindung zwischen verschiedenen (insbesondere auch nicht-akademischen) Einrichtungen wie das Goethe-Institut und das KIKK-Festival ist eine sehr willkommene Verlagerung auf meine gewohnte, nicht wissenschaftlich motivierte Arbeitsweise und zudem äußerst wichtig, um dem Projekt eine gewisse Sichtbarkeit zu verleihen.

http://a-pare.de

Video

Spekulatives und kritisches Design / Design fiction
„Kritisches Design“ ist ein von A. Dunne und F. Raby angeregter, praktischer wie theoretischer Umgang mit Gestaltung. Design wird hiernach als Medium verstanden, das Diskussionen unter Designer/innen, der ökonomischen Welt sowie der Öffentlichkeit  anregen kann und dabei auf die ethischen, sozialen und kulturelle Zusammenhänge neuer Technologien aufmerksam macht. Es ist eine kritische Annäherung an Design mit dem Ziel, sich der durch Massenproduktion bedingten Entfremdung entgegenzustellen, indem Alternativszenarien und Utopien entworfen werden. Die Aufgabe der Designer/innen ist hier nicht mehr nur Objekte für den industriellen Markt zu produzieren, sondern Erfahrungen und Ideen in Szene zu setzen und selbige zu teilen. Diese neue Herangehensweise erlaubt Spekulationen darüber, wie die Zukunft sein könnte und macht somit eine Debatte über die Formen der Zukunft, die wir uns wünschen (oder die wir ablehnen), möglich. „Design fiction“ lässt Interaktionen und Diskussionen bezüglich einer möglichen Zukunft entstehen, die andernfalls nicht oder nur in geringem Maße existieren würden. Es ermöglicht spezielle Zukunftsvisionen für die Teilnehmer „real erfahrbarer“ zu machen und erlaubt eine grundlegende Konversation über die behandelten Themen.
 
Der Fokus des Aufenthalts soll für die Künstler/innen, Designer/innen und Forscher/innen vor allem darauf liegen, sich im TRAKK-Labor neuen Technologien zu nähern und diese mit fachlicher Unterstützung auszuprobieren. Ein finales Produkt ist nicht obligatorisch. Die Resident/innen sind hierbei frei in der Umsetzung und Gestaltung ihrer Projekte. Es besteht die Möglichkeit, ein Projekt gemeinsam mit dem/der anderen Resident/in zu entwerfen. Das Projekt kann nach Rücksprache mit der Organisation außerdem auf dem KIKK-Festival im November präsentiert werden.
 
Das Stipendium beinhaltet:

  • Ein Gesamtbudget von 10.000 € (5.000 € pro Resident/in). Dies beinhaltet Materialkosten, Verpflegung und Reisekostenfür eine Periode von drei Wochen.
  • Eine eigene Wohnung (39 bis 47m²) mit Bad, Kochecke, Schlaf- und Arbeitsplatz sowie Internetanschluss.
  • Zugang zum Fab Lab TRAKK, inklusive Nutzung aller Maschinen (3D-Drucker, Schneideplotter, Fräsmaschine mit numerischer Steuerung, Laserschneidemaschine, Holzbearbeitung, andere Technik).
  • Nutzung der Ateliers im Abattoirs de Bomel (Werkstatt für Holz- und Eisenbearbeitung, Siebdruck; Unterstützung- und Einführung durch die technische Leitung).
Partner
  • Goethe-Institut, das weltweit tätige Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland
  • Les Abattoirs de Bomel, ein neues, interdisziplinäres Kulturzentrum mit Ausstellungs- und Residenzmöglichkeiten der wallonischen Hauptstadt Namur
  • KIKK Festival zu kreativer und digitaler Kultur, das erforscht, wie sich neue Technologien auf die Bereiche Kunst, Wissenschaft und Design auswirken. Zugehörig zum Festival ist das Kreativzentrum TRAKK, ein Raum gemeinsamer, multidisziplinarer Gestaltung, das sein Labor (Fab Lab: LABoratoire de FABrication) den Resident/innen zur Verfügung stellt
Adressen
Abattoirs de Bomel: Traverse des Muses 18, B-5000 Namur
Ein/e deutsche und eine belgische Resident/in  leben für drei Wochen in zwei der fünf Künstler/innen-Wohnungen des Kulturzentrums in Namur.
www.centrecultureldenamur.be/a-propos/lieux/abattoirs-de-bomel
 
Fab Lab TRAKK: 118 Avenue Reine Astrid, B-5000 Namur
Die Resident/innen werden in die Benutzung des Labors eingewiesen und während ihres Aufenthalts durchgehend betreut.
www.trakk.be/espaces/fablab/

Austausch
Das Residenz-Projekt bietet viele Möglichkeiten für Austausch auf professioneller und interkultureller Ebene. Da Unterkünfte und Ateliers sich im Kulturzentrum befinden, ist es möglich, sich mit Künstler/innen vor Ort sowie mit dem Publikum des Kulturzentrums auszutauschen.
 
Ansprechpersonen
Abattoirs de Bomel | Marylène Toussaint
E-Mail: marylenetoussaint@centrecultureldenamur.be
www.centrecultureldenamur.be/a-propos/lieux/abattoirs-de-bomel
 
Goethe-Institut Brüssel | Maud Qamar
E-Mail: maud.qamar@goethe.de
www.goethe.de/bruessel
 
TRAKK & KIKK Festival | Marie du Chastel
E-Mail: marie@kikk.be
www.kikk.be