Brüssel–Molenbeek Radikalisierung: Einwohner Molenbeeks geben Antworten

Chaussée de Ninove - Ninoofsesteenweg bei Nacht
Chaussée de Ninove - Ninoofsesteenweg bei Nacht | Foto: © Aktron Wikimedia Commons

Wie kann man gewalttätige Radikalisierung auf lokaler Ebene verhindern? Dieser Frage widmet sich eine aktuelle Studie des European Institute of Peace. Ort der Studie war die Brüsseler Gemeinde Molenbeek, die nicht nur als Heimat einiger der Terroristen von Paris und Brüssel, sondern auch wegen der vielen Syriengänger in Verruf geraten ist. Erstmals wurden die Einwohner selbst umfassend befragt. Der unmittelbare Einblick in die Lebenswelt der Menschen macht nachvollziehbar, wie Radikalisierung entstehen kann – bietet aber auch überraschende Erkenntnisse. Ein Interview mit Delphine Michel, die als Projektleiterin die Studie koordiniert hat.
 

Seit den Anschlägen in Madrid, Paris und insbesondere Brüssel ist Molenbeek ein Thema, das von den Medien immer wieder aufgegriffen wird. Oft wird jedoch ein stigmatisierendes Bild vermittelt. Besteht diese Gefahr nicht auch, wenn man eine Studie zum Thema Radikalisierung in Molenbeek durchführt und sich dabei auf dieses eine Stadtviertel konzentriert, obwohl in anderen Gegenden ähnliche Probleme auftreten können? (Das ist eine Frage, der sich natürlich alle Veröffentlichungen stellen müssen, die sich auf einen Stadtteil beschränken).

Delphine Michel © Gleamlight Ja, stimmt. Auch wir haben uns diese Frage gestellt. Mit unserer Studie haben wir drei Ziele verfolgt. Wir wollten erstens wissenschaftliche Daten sammeln, um zu ermitteln, welche Bedürfnisse bei den Bewohnern bestehen und wie wir in Zukunft eine aktive Rolle spielen könnten. Dafür haben wir zweitens einen Ort mit symbolischem Charakter ausgewählt. Drittens wollten wir den Einwohnern von Molenbeek zum Thema Radikalisierung das Wort erteilen. Uns war es wichtig, einerseits zu zeigen, dass es viele Meinungen und Blickwinkel gibt, und andererseits herauszufinden, ob Molenbeek eine No-go-Zone ist oder nicht. Für uns, aber auch für die Bürgermeisterin, war es ein Pilotprojekt, eine Art „Versuchslabor“: Wenn es in Molenbeek funktioniert, dann kann es auch anderswo funktionieren.

Was waren Ausgangspunkt und Ziel dieser Studie?

Die wichtigsten Kompetenzen des European Institute of Peace (EIP) liegen auf der Kenntnis extremistische Gruppen bzw. Einzelpersonen und auf dem Gebiet der Mediation. Wir haben nach den Attentaten in Frankreich und Belgien begonnen, uns mit dem Thema Radikalisierung in Europa zu beschäftigen. Die Gemeinde Molenbeek suchte einen passenden Partner, den sie in uns gefunden hat: Wir sind unabhängig, kennen die mit dem Extremismus verbundenen Fragen und Herausforderungen, wir pflegen Kontakte zu verschiedenen Institutionen auf den unterschiedlichsten Ebenen und wir befinden uns vor Ort, in Brüssel. Das Einzige war, dass wir uns mit diesem Ort speziell nicht auskannten. Deshalb haben wir beschlossen, eine solche Studie durchzuführen, deren Methodik im Übrigen auch im humanitären Bereich angewandt wird. Wir haben keinerlei externe Finanzierung erhalten. Unser Ziel war es, festzustellen, wie die Leute die Radikalisierung in ihrem Stadtteil wahrnehmen.

Könnten Sie ganz kurz Ihre Vorgehensweise erläutern?

Der erste Schritt bestand darin, das Forschungsgebiet geografisch einzugrenzen. Das haben wir gemeinsam mit den Behörden der Gemeinde Molenbeek gemacht. Als nächsten Schritt haben wir die Meinungsforscher ausgewählt – dabei haben wir uns für junge Leute verschiedener Herkunft entschieden – und gleichzeitig haben wir den Fragebogen ausgearbeitet. Insgesamt wurden 406 Gespräche geführt. Dabei fiel den Meinungsforschern auf, dass einige der Befragten gerne ausführlicher über das Phänomen der gewaltgeprägten Radikalisierung sprechen wollten. Diese Leute haben wir dann noch einmal getroffen. Außerdem wurden uns Personen empfohlen, die mehr zu diesem Thema sagen konnten. Alle Gespräche wurden völlig anonym geführt. Nach den Gesprächen haben wir die Daten ausgewertet und die ersten Ergebnisse präsentiert. Abschließend haben wir dann eine Validierung vorgenommen, indem wir die Einwohner von Molenbeek gebeten haben, sich zu unseren vorläufigen Ergebnissen zu äußern.

Viele Einwohner von Molenbeek haben gegenüber den Medien eine skeptische und kritische Haltung eingenommen. Wie ist es Ihnen gelungen, diese Einwohner für Ihre Studie zu interessieren?

Damals wurde Molenbeek von den Medien nahezu überrannt. Dabei hatten die Journalisten aber schon ihre vorgefertigten Antworten in der Tasche. Wir dagegen haben uns die Zeit genommen, mit den Leuten zu sprechen und ihnen zuzuhören. Und das hat sehr gut funktioniert. Wir mussten auf die Leute zugehen. Zunächst sind wir von Tür zu Tür gegangen, ein bisschen nach dem Zufallsprinzip. Das war auch einige Zeit sehr effizient, aber dann ist uns bewusst geworden, dass wir immer Leute mit dem gleichen Profil interviewten und wir von diesen Leuten auch immer ähnliche Antworten erhielten. Deshalb haben wir nach Leuten gesucht, die in Molenbeek arbeiten, aber in einem anderen Stadtteil wohnen, und auch nach jungen Leuten. Wir sind deshalb an öffentliche Orte gegangen, zu Bushaltestellen, Cafés, in denen ausschließlich muslimische Männer verkehren, Waschsalons und Parks. Wir haben auch unsere Sprache ein wenig angepasst. Wir waren sehr vorsichtig. Aber es gab trotzdem einige Gemeinschaften, die nicht mit uns reden wollten: Türken, Roma und Asiaten – alle aus verschiedenen Gründen.

„MAN KENNT SEINEN Nachbarn nicht mehr“

Welche Erkenntnisse aus der Studie waren besonders überraschend?

Das Überraschendste war, dass die Einwohner von Molenbeek offen mit uns sprechen wollten. Sie wollen in der Tat mehr Dialog. Unglaublich für uns war auch, dass diese Einwohner der Polizei vertrauen und eine stärkere Polizeipräsenz wünschen. Sie wünschen sich aber, dass die Polizei sich mehr für ihre Probleme interessiert. Dagegen haben sie nur sehr wenig Vertrauen in Leute, die sie auf sozialer oder politischer Ebene vertreten. Die Molenbeeker sind keineswegs Anhänger extremistischer Diskurse, sondern sie haben, wie alle anderen auch, Angst vor Extremismus. Überrascht hat uns aber auch, dass die Situation eigentlich nicht überraschend ist, in dem Sinne, dass es sich bei der Bevölkerung Molenbeeks um eine schutzbedürftige Gemeinschaft mit sozioökonomischen Problemen handelt. Je enger man in die „No-future“-Generation eingebunden ist, desto größer ist die Gefahr, sich radikalisieren zu lassen.

Welche Hauptgründe bestehen Ihrer Studie nach für die Radikalisierung in Molenbeek?

Der offensichtlichste Grund ist, dass die Jugendlichen den Eindruck haben, keine Zukunft zu haben. Weitere Gründe sind wirtschaftliche und soziokulturelle Probleme, die Rekrutierer des Dschihad vor Ort, Diskriminierung und Gruppen, die den ganzen Tag unter sich bleiben. Kurzum, es gibt viele verschiedene Faktoren und nicht nur einen.

Bildet Molenbeek diesbezüglich eine Ausnahme?

Das kann ich Ihnen nicht sagen, denn wir haben keine Vergleichsdaten.

In Ihrer Studie sprechen die Einwohner nordafrikanischer Herkunft von einer sehr deutlichen Abgrenzung von anderen Stadtteilen, die sogar so weit geht, dass man über die Familie und Molenbeek hinaus keinerlei persönliche oder berufliche Kontakte hat. Wie können sich solche sozialen Strukturen entwickeln?

Die Leute haben den Eindruck, dass sie nicht genügend Kontakte haben. Ihr wichtigstes Netzwerk ist ihre Familie. Beim Alphabetisierungskurs habe ich mit Frauen gesprochen, die mir erzählt haben, dass einige nur einmal pro Woche das Haus verlassen, um ins Schwimmbad zu gehen, nämlich dann, wenn die Männer dort keinen Zutritt haben. Aber die nordafrikanische Gemeinschaft ist sehr vielfältig. Man kann nicht verallgemeinern. Die Tatsache, dass der Kanal Molenbeek von den anderen Brüsseler Stadtteilen „trennt“, ist sicherlich ein Problem.

Und welche Folgen hat das?

Zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen gibt es nur wenige Verbindungen und Beziehungen. Es wäre deshalb interessant, auch in den benachbarten Stadtteilen eine Studie durchzuführen. Und auch Möglichkeiten zu schaffen, damit die Einwohner von Molenbeek mit Leuten von der anderen Seite des Kanals zusammenkommen. Damit Brücken zu anderen Stadtteilen geschlagen werden. Je isolierter man ist, desto weniger Toleranz gibt es. Man kennt seinen Nachbarn nicht mehr.

„Radikalisierung ist immer ein individueller Prozess“

Die Religion, der Islam, spielt eine doppelte Rolle. Auf der einen Seite verführt sie junge Leute, auf der anderen Seite finden diejenigen, die bereits kriminell geworden sind, in der Religion eine Art „Rechtfertigung“. Welche Schlussfolgerungen können daraus gezogen werden?

Ich muss betonen, dass wir uns nur mit der religiösen, mit dem Islam verbundenen Radikalisierung beschäftigt haben, da die anderen Formen religiöser oder politischer Radikalisierung in Molenbeek scheinbar kein Problem darstellen. Was die Leute uns gesagt haben, ist, dass sie Angst vor Extremismus und Radikalisierung im Alltag, also in der Schule und auf der Straße, haben.

Das Problem der Diskriminierung ist ein zweischneidiges Schwert: Bürger belgischer Herkunft fühlen sich in Molenbeek diskriminiert, wohingegen sich diejenigen, die nordafrikanische Wurzeln haben, sich außerhalb von Molenbeek diskriminiert fühlen. Gibt es Wege, dieses Problem zu lösen?

Um Lösungen zu finden, müssen alle Parteien zusammenarbeiten.

In Ihrer Studie wird die These laut, dass „jede Radikalisierung lokale Ursachen hat“. Spielen nicht auch andererseits internationale Vernetzung und Internet eine wesentliche Rolle?

Es gibt mehrere Wege, sich zu radikalisieren, und ein Weg schließt den anderen nicht aus. Prävention kann jedoch nur auf lokaler Ebene geleistet werden. Das ist auch wichtig, wenn man Rückkehrer aus Syrien wiedereingliedern möchte.

In der Studie zitieren Sie eine Person, die sagt, Jugendliche, die sich radikalisieren lassen, seien wie „USB-Sticks, man könne alles „uploaden“…

Das stimmt. Radikalisierung ist dabei immer ein individueller Prozess. Deshalb ist es so schwierig, sie zu bekämpfen.

„Mehr Dialog, bessere Kontrolle“

Was empfehlen Sie insbesondere?

Unsere Empfehlungen beziehen sich insbesondere auf zwei Bereiche: die Bürgerbeteiligung und die Radikalisierung. Am wichtigsten ist die Verbesserung des Dialogs und Austauschs, auch bei kontroversen Themen, zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen. Man darf auch nicht davor zurückscheuen, mit radikalen Führern Kontakt aufzunehmen. Mediatoren, Mittler und Rollenmodelle können helfen, den sozialen Zusammenhalt zu stärken. Im Kampf gegen die Radikalisierung empfehlen wir der Gemeinde den besseren Einsatz von lokalen Polizeieinheiten, die sich gut vor Ort auskennen, und die Gründung einer kommunalen Arbeitsgruppe, in der die verschiedenen Abteilungen sich austauschen und gemeinsam Lösungen finden können. Es bedarf auch einer Strategie zur Reintegration von Rückkehrern aus Syrien. Bei allem muss der Kontakt zu den Familien im Mittelpunkt stehen.

An wen richten sich diese Empfehlungen?

Es handelt sich dabei um ganz allgemeine Empfehlungen, die sich an alle richten. Deshalb sind sie auch nach Thema und nicht nach Zielpublikum unterteilt. Die Empfehlungen gelten für alle politischen und gesellschaftlichen Ebenen.

Haben Sie die Absicht, noch irgendwo anders in Europa eine ähnliche Studie durchzuführen?

Falls wir finanzielle Unterstützung erhalten, ja, und dann wahrscheinlich in einem Stadtteil, der sich grundlegend von Molenbeek unterscheidet. In Brüssel wären das zum Beispiel Uccle oder Etterbeek. Aber es wäre auch interessant, eine solche Studie in Stadtteilen durchzuführen, die an Molenbeek angrenzen. Man spricht immer von Verbindungen, aber man beschränkt sich ein wenig auf einen Mikrokosmos. In Belgien haben die lokalen Behörden viel Macht, und in Gemeinden mit einflussreichen lokalen Behörden ist der soziale Zusammenhalt auch viel stärker.

Ist Ihrer Meinung nach der Vergleich von Stadtteilen, so wie wir es wohl in unserem Dossier „No Go?“ tun, sinnvoll?

Interessant ist, dass es viele „Muster“ gibt, die sich wiederholen. Ich befasse mich mit Westafrika, also mit einer völlig anderen Region. Der Kontext und die Bedingungen sind anders, aber die Probleme sind immer die gleichen, wenn es sich um schutzbedürftige Gemeinschaften handelt.
 
European Institute of Peace
Das EIP wurde 2014 als unabhängiges Non-Profit-Institut mit Sitz in Brüssel gegründet, um die Bemühungen der Europäischen Union im Friedensbereich zu unterstützen. Zu den 8 Mitgliedern gehören die Außenministerien von Belgien, Finnland, Italien, Luxemburg, Polen, Spanien, Schweden und der Schweiz. Das EIP ist in und außerhalb Europas tätig. Zentral steht dabei der Kontakt mit Personen, die auf anderen Wegen nicht erreicht werden. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf innovativen Strategien im Bereich der Mediation.