Vivienne Chows Briefe aus Berlin #8 Ich sehe die Welt in Berlin - Teil 2

Vivienne Chow
© Vivienne Chow

Die Hongkonger Journalistin Vivienne Chow dokumentiert mit ihren Briefen aus Berlin ihre mehrmonatige Recherchereise durch die Kunst- und Kulturszene der deutschen Hauptstadt. Neue Briefe erscheinen wöchentlich im Magazin.

Kasachstan, ein Land in Zentralasien, das früher Teil der Sowjetunion war, ist ein Mysterium für mich. Meine einzige Begegnung mit diesem Land ist “Borat: Kulturelle Lernung von Amerika, um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen”, ein erfolgreicher Film, welcher vor mehr als einem Jahrzehnt herausgebracht wurde und viele Leuten ein falsches Bild von diesem Land gegeben hat. Und wie durch ein Wunder habe ich die Chance, mehr über diesen Ort durch moderne Kunst in Berlin zu lernen.

Vor kurzem präsentierte Mometum Worldwide in Berlin drei Künstler aus Kasachstan in einer Künstlerresidenz, welche Teil des Fokus Kasachstan Berlin ist. Das Programm, kuratiert von Rachel Rits-Volloch, Leiterin des Momentum, David Elliott, Hauptkurator und Vizedirektor des Redtory Museum of Contemporary Art in Guangzhou, China und Almagul Menlibayeva, Künstler, ist eine Zusammenarbeit zwischen Momentum Worldwide und dem National Museum of the Republic of Kazakhstan. Insgesamt acht Künstler werden vorgestellt und die ersten drei sind während des Sommers für zwei Monate in Berlin. Laut Leiterin Rachel Rits-Volloch wurden sie klassisch ausgebildet und sollen während ihrer zweimonatigen Residenz in Berlin neue Medien und künstlerische Ausdrucksweisen erforschen, die sie bisher noch nicht erlebt haben.

Die ersten drei Künstler — Beibit Asemkul, Liliya Kim und Ykylas Shaikhiyev —  hatten eine kleine Ausstellung ihrer Bilder zu Beginn ihrer Residenz im Chebli, einem Restaurant mit Weinbar in Mitte. Viele Restaurants in Hongkong haben Kunstwerke an den Wänden hängen, aber nicht alle machen es richtig. Viele zeigen lediglich eine herausragende Reihe von Star-Künstlern, die die leeren Wände mit teuren Arbeiten passend zum teuren Menü dekorieren. Doch die Ausstellung im Chebli war sehr durchdacht. Nicht nur dadurch, dass die Bilder auf Paneelen in den Aufbau des Restaurant integriert wurden, sie gaben den Besuchern auch einen Einblick in das Leben und die Landschaft in Kasachstan. Eines der beeindruckendsten Bilder war von Asemkul, welcher den Himmel durch die Decke einer Jurte malte, ein traditionelles, bewegliches Haus, in dem viele Einheimische aufgewachsen sind. Der Blick des blauen Himmels, eingerahmt durch die offene runde Decke der Zeltwand erinnerte mich an die chinesische Redewendung “dem Himmel vom Boden eines Brunnens zusehen”. Es bedeutet, dass man denkt, man kennt die Welt, wenn man sie vom Boden eines Brunnens aus beobachtet, aber tatsächlich kennt man gar nichts. Ich frage mich, ob dies der Fall für die Menschen in Kasachstan war, bevor das Land 1991 unabhängig wurde, als die Sowjetunion zerbrach.

Ich habe ein wenig Zeit mit den Künstlern in Berlin verbracht und Kunstausstellungen mit ihnen besucht. Wir können uns durch die Sprachbarriere nicht effizient unterhalten  - sie sprechen Russisch und ein wenig Englisch und anscheinend gehen meine Russischkenntnisse gegen null. Aber das hindert uns nicht daran, uns (dank Rachels Übersetzung) auszutauschen. Die Künstler sind zum ersten Mal in Berlin und man kann ihren Enthusiasmus und ihre Neugierde auf das Unbekannte förmlich spüren.

Erst diese Woche haben die Künstler die Früchte ihrer Künstlerresidenz in einer Ausstellung im Momentum Worldwide im Kunstquartier Bethanien, einem früheren Krankenhaus, präsentiert. Beibit Asemkul überraschte mich mit der starken und eindringlichen Arbeit 410000, eine konzeptionelle Installation mit Leinwand, Emaille, Peitsche, Kohle, Papier, Fotografien und einer durational performance. Asemkul malte die Zahl 1366000 in schwarz auf eine Leinwand, welche auf dem Boden ausgebreitet war, und peitschte die Zahl so lange mit weißer Farbe, bis sie vollkommen mit weißer Farbe bedeckt war. Die Zahl 1366000 ist die Anzahl der kasachischen Soldaten, die in den Zweiten Weltkrieg geschickt wurden. Der Titel 410000 ist die Anzahl derer, die nie nach Hause gekommen sind. Die Peitsche ist ein traditionelles Werkzeug, das in den Haushalten in Kasachstan gefunden werden kann und den Ballast der Geschichte des Landes symbolisiert. Diese Arbeit steht im starken Kontrast zu dem Bild, das ich im Chebli gesehen hatte. Der einzige Wermutstropfen der Ausstellung ist der Mangel an Platz. Ich kann mir vorstellen, dass diese Arbeit, vorgeführt in einem großen Raum, einen viel größeren Eindruck auf das Publikum machen würde.

Ykylas Shaikhiyev ist der jüngste der drei Künstler und seine Arbeiten mit digitalen Medien, unter anderem Fotografie und Video, weckten die Neugierde nach Reisen und Ortsverschiebung des Publikums. Shaikhiyev sagte mir, dass er seine persönlichen Gegenstände zur Residenz mitgebracht hatte, aber dann entdeckte, dass sie ebenso in Berlin verfügbar waren. Das erinnerte mich an eine ulkige Geschichte, als ich vor vielen Jahren das erste Mal nach Berlin kam (mir wurde gesagt, das Tempo-Taschentücher eine unechte deutsche Marke seien und hier nicht verfügbar wären. Ich brachte also viele Tempos mit, nur um nach meiner Ankunft festzustellen, dass ich reingelegt worden war). Das Video in der Ausstellung ist das erste, was er jemals produziert hat.

Liliya Kim experimentierte mit Drucken und Bildern in der Ausstellung. Kim nimmt Gesichter als ihr Motiv und während unserer Unterhaltung erzählte ich ihr, dass mich das an Faye Wongs Lied ''Face'' erinnert, in dem das Gesicht eines Menschen wie die Kontur einer Landschaft beschrieben wird. Ich war überrascht und berührt von einer ihrer Arbeiten, die ein Gesicht darstellt, das über der flachen Landschaft von Kasachstan schwebt. Das Land ist das neuntgrößte Land der Welt und das größte landumschlossene. Das hauptsächlich flache, brache Land und unser Gespräch inspirierten Kim dazu, die Gesichter von Menschen in die Landschaft des Landes zu projizieren. Ich war unglaublich berührt, dass unsere Unterhaltung in ein Kunstwerk umgewandelt wurde.

Der zweite Teil der Residenz wird in den folgenden zwei Monaten stattfinden und von zwei Parallelausstellungen gefolgt sein.  

 
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