Vivienne Chows Briefe aus Berlin #11 Denk daran, wo du herkommst

Freiluftkino Kreuzberg
Freiluftkino Kreuzberg | © Vivienne Chow

Die Hongkonger Journalistin Vivienne Chow dokumentiert mit ihren Briefen aus Berlin ihre mehrmonatige Recherchereise durch die Kunst- und Kulturszene der deutschen Hauptstadt. Neue Briefe erscheinen wöchentlich im Magazin.

Eines der Highlights des Berliner Sommers ist es, ins Kino zu gehen - nicht in eingeschlossenen klimatisierten Kinosälen, sondern Freiluftkinos im Park. 

Es gibt einige Freiluftkinos in Berlin. Die beliebtesten sind wahrscheinlich das Kino in Kreuzberg, neben dem Kunstquartier Bethanien gelegen, und das Kino im Volkspark Friedrichshain, da diese am einfachsten zu erreichen sind und immer ein tolles Programm zeigen. Es laufen nicht unbedingt die neuesten Blockbuster aus Hollywood, sondern Klassiker und preisgekrönte Filme. Es ist ein Paradies für Filmliebhaber. 

Diese Woche ging ich ins Freiluftkino in Friedrichshain, um mir “Pulp Fiction” anzusehen, Quentin Tarantinos Hit aus 1994, welcher die Palme d'Or des Cannes Filmfestivals gewonnen hat. Im grünen Park unter dem Sternenhimmel mit über einhundert weiteren Zuschauern sitzend, einem Bier in der einen und einer Brezel in der anderen Hand wartete ich aufgeregt darauf, dass die magische Reise anfing.

“Pulp Fiction” war einer der Filme, der mich besonders geprägt hat. Ich war noch ein Teenager, als der Film in die Kinos kam. Durstig nach Kinowissen schaute ich mir so viele Klassiker wie möglich an (angeblich machen das Studenten heutzutage nicht mehr). Nur wenige Neuerscheinungen erregten meine Aufmerksamkeit, aber “Pulp Fiction” war eine Ausnahme (zusammen mit Wong Kar-wais “Chungking Express” und “Ashes of Time”). Ich war so weggeblasen von der nichtlinearen Narrative, den Charakteren und dem genialen Dialog, dass ich mein Taschengeld dafür ausgab, mir das Originaldrehbuch zu kaufen, um es dann zu studieren. Der Soundtrack des Films war ebenfalls einer der besten und es war der erste Soundtrack, den ich mir gekauft habe.

Alleine im Dunkeln sitzend erinnere ich mich nicht mehr daran, wann ich das letzte Mal alleine im Kino war. Als Teenager habe ich das oft gemacht. Ich schaute mir viele Filme an, nicht den Schrott aus Hollywood, sondern große Klassiker – Fritz Langs “Metropolis”, Jean-Luc Godards “Außer Atem”, Krzysztof Kieslowskis “Die zwei Leben der Veronika” und die Drei-Farben-Trilogie, Filme von Michelangelo Antonioni und Theo Angelopoulos...und natürlich “Pulp Fiction”. Das Kino war mein Rückzugsort und meine Wohlfühlzone. Alleine im Dunkeln sitzend und in der cineastischen Welt eingetaucht, fand ich Trost und Inspiration. Die Welt des Kinos führte mich in die Welt der Kunst, Musik und Kultur aus aller Welt ein. Es war die beste Bildung, die man haben konnte. Ich träumte davon, Regisseurin zu werden, eine Autorin, die ihre eigenen Drehbücher schreibt.

Aber so kam es nicht (zumindest nicht bis jetzt). Zu meiner Überraschung verschaffte mir meine Leidenschaft fürs Kino einen Job bei einer Zeitung, wo ich kurze Filmkritiken schrieb und Filmemacher interviewte. Es war der beste Job, den man als Berufsanfängerin haben konnte. Von hier erweiterte ich den Umfang meiner Arbeit und schrieb über Kunst, Kultur und Politik und dies brachte mich letztendlich dahin, wo ich jetzt bin.

Das Kino war auch meine erste Begegnung mit Berlin – nicht nur Wim Wenders “Der Himmel über Berlin”, sondern auch die Berlinale. Das erste Mal ging ich 2004 nach Berlin als eine der 10 jungen Filmjournalisten und Kritiker, welche aus aller Welt dazu ausgewählt worden waren, am ersten Talent Press teilzunehmen, einer intensiven Fortbildung in Filmjournalismus und Kritik, welche bei einem der größten Filmfestivals der Welt stattfand. Es war meine erste Erfahrung bei einem großen internationalen Filmfestival zu Vorführungen zu gehen, Oscarpreisträger zu interviewen, darunter auch der Star von “Goodbye Lenin”, Daniel Brühl (ich habe gerade erst festgestellt, dass wir am selben Tag geboren sind!), während ich von Filmkritikern und Journalisten der Weltklasse begleitet wurde. Diese Erfahrung gab mir nicht nur eine solide Grundlage für meine zukünftige journalistische Laufbahn. Sie inspirierte mich auch, meinen nichtkommerziellen Cultural Journalism Campus zu gründen, um die gesellschaftliche Teilnahme junger Menschen in Hongkong und darüber hinaus an Kulturjournalimus, Kunstkritik und Geschichtenerzählen zu fördern.

Als der Film begann, bat mir der nette Herr neben mir an, seine Chips mit ihm zu teilen. Die Sommernacht  war zwar ein bisschen kühl, aber mir wurde warm ums Herz. Ich war zwar allein, aber nicht einsam, wegen unserer geteilten Leidenschaft fürs Kino.