Vivienne Chows Briefe aus Berlin #10 Wir sind alle unterwegs – das Leben am Scheideweg

Die Hongkonger Journalistin Vivienne Chow dokumentiert mit ihren Briefen aus Berlin ihre mehrmonatige Recherchereise durch die Kunst- und Kulturszene der deutschen Hauptstadt. Neue Briefe erscheinen wöchentlich im Magazin.

Es gibt viele Künstlerstudios in Berlin. Während meines Aufenthalts in Berlin habe ich einige dieser Orte besucht. Ausgestattet mit hohen Decken und großen Werkstätten zu erschwinglichen Mieten sind diese Studios ein fast unerreichbarer Traum für die meisten Künstler in Hongkong.

Eines Tages während meines Besuchs des Studios des Künstlers Isaac Chong Wai aus Hongkong in der UferHallen AG in der Nähe von Wedding stolperte ich über eine Skulpturinstallation monumentalen Ausmaßes in einem der anderen Studios. Die Türen des Studios im Erdgeschoss waren geöffnet und offenbarten eine Reihe von mehr als eintausend Figuren aus Ton, die auf einer Treppenstruktur aufgereiht waren. Die Figuren trugen alle Koffer, als ob sie auf dem Weg wären, in Eile zum nächsten Ziel, tapfer der Zukunft entgegen trotz des Gefühls der Unsicherheit ob ihres nächsten Schrittes. Ich war fasziniert und interessiert.

Durch Zufall fand ich heraus, dass dieses Werk “Transit” heißt, vom deutschen Bildhauer und multidisziplinären Künstler Georg Korner. Korner war Chef-Bildhauer des Berliner Stadtschlosses, das heißt, des Humboldt-Forums, ein Projekt, an welchem er 12 Jahre gearbeitet hat und bei welchem er die Wiederherstellung der barocken Skulpturen und Ornamente leitete, die das Schloss zu preußischen Zeiten dekorierten. Und er war auch daran interessiert mich zu treffen.

Korner erzählte mir, dass er insgesamt fünf Jahre an der Entwicklung von “Transit” gearbeitet hatte ohne dabei daran zu denken, wie die Arbeit sein wird und wo sie gezeigt werden wird. Er begann damit, mit der Idee einer riesigen Skulpturinstallation zu spielen, als sich seine Zeit beim Humboldt-Forum dem Ende neigte, inspiriert von dem gleichnamigen Roman aus 1944 von Anna Seghers, in dessen Werken es um die moralischen Erfahrungen des Krieges geht.

Korner, welcher im selben Jahr wie Kanzlerin Angela Merkel geboren wurde (1954), wuchs in Ostdeutschland auf, erst in Dresden, dann in Ostberlin. Er kam aus einer Künstlerfamilie und arbeitete bereits damals am Theater. Korner erzählte mir, dass er sehr neugierig auf den Westen war. Er lernte von seinen Freunden über die westliche Kultur, über Woodstock und über westliche Kunst, aber er fühlte sich traurig und gefangen, da er nicht reisen konnte. Die einzigen Orte, welche er besuchen konnte, waren osteuropäische Länder wie Polen oder Russland. Die Situation wurde durch die Konsequenzen des Krieges noch erschwert: “Wir waren froh, als die Mauer fiel, als wir 35 waren. Es war eine große Chance für uns, ein neues Leben zu beginnen.”

Es gab fast 2000 Figuren, welche von einer Reihe von Charakteren inspiriert waren, angefangen bei historischen Persönlichkeiten zu mythischen Kreaturen und Superhelden als auch Comicfiguren wie Batman und Bart Simpson. Ich entdeckte Medusa, die griechische mythische Figur, welche giftige Schlangen anstatt Haare auf dem Kopf hat und Männer in Stein verwandelt, wenn diese sie ansehen. Es gab auch Lenin, Michael Jackson und Lady Gaga. Korner verriet mir, dass er auch eine Figur von Merkel gemacht hatte, allerdings war sie bereits an einen privaten Sammler in Deutschland verkauft worden (“Ich muss Wege finden, um das Projekt finanziell am Leben zu halten.”).

Alle Figuren trugen einen Koffer, so posierend, als würden sie gerade einen Schritt nach vorne machen. Für Korner sind diese Figuren an einem Scheideweg angelangt, einer Kreuzung, an welcher sie sich entscheiden müssen, in welche Richtung sie nun gehen werden. Sie waren unterwegs zum nächsten Halt ihrer Reise und mit dem Gepäck, was sie trugen, waren sie ein wenig zögernd, den nächsten Schritt zu machen. Es ist eine symbolische Pose, die jeder nachvollziehen kann, ob man nun über zeitgenössische Kunst Bescheid weiß oder nicht. Wir sind ständig unterwegs, denken über den nächsten Schritt unserer Lebensreise nach. Und das ist das, was ich in Berlin gemacht habe.

Im Gegensatz zu den feinen barocken Werken, die er für das Berliner Schloss gemacht hat, scheinen die Figuren in “Transit” eine raue Oberfläche zu haben, als wären sie verwundetet Soldaten im Kampf des Lebens. Unter den 1200 Figuren, die auf der Treppe stehen, sind auch Leni Riefenstahl, die Macherin von Nazipropagandafilmen wie “Olympia” (1938) und “Triumph des Willen” (1935). Neben ihr steht Arno Breker, der als Lieblingsbildhauer von Adolf Hitler bekannt war.

Haben sie den falschen Weg gewählt, für Hitler zu arbeiten?

“Ich weiß es nicht,” sagte Korner. Vielleicht wussten Riefenstahl und Breker nicht, dass Hitler sich als ungeheuerlicher Herrscher herausstellen und einen Krieg führen würde, der Millionen von Menschen umbringen würde, als sie die Arbeitsaufträge von Hitler annahmen. Wir werden niemals wissen, ob die Entscheidungen, die wir heute treffen, die richtigen sind.