Vivienne Chows Briefe aus Berlin #12 Das Beste aus beiden Welten

Hong Kong Gang and Taiwan friend
© Vvivienne Chow

Die Hongkonger Journalistin Vivienne Chow dokumentiert mit ihren Briefen aus Berlin ihre mehrmonatige Recherchereise durch die Kunst- und Kulturszene der deutschen Hauptstadt. Neue Briefe erscheinen wöchentlich im Magazin.

Wir wachsen in dem Glauben auf, dass unsere Heimat der beste Ort für uns ist. Hier suchen wir nach Geborgenheit und Schutz, hier werden wir als diejenigen akzeptiert, die wir sind, wo wir Liebe zelebrieren und wo wir unsere Wunden lecken, wenn uns jemand in der weiten Welt da draußen verletzt hat. Unsere Heimat ist unser Unterschlupf, physisch, psychisch und spirituell. 

Aber unter welchen Umständen entwurzeln wir uns dann und leben unser Leben woanders? 

Das ist die Frage, die sich viele Menschen in letzter Zeit gestellt haben, zumindest in meinem Freundeskreis in Hongkong. Um die Wahrheit zu sagen, haben viele meine Freunde mit der Idee gespielt ins Ausland zu ziehen und eine neue Heimat in einem fernen Land aufzubauen. Aber viele von ihnen zögern noch, diesen Schritt zu machen. Die Aussicht, ein neues Leben an einem Ort mit einem höheren Lebensstandard zu beginnen, ist verlockend aber diesen Lebensstandard zu unterhalten ist eine andere Sache. 

Einige Künstler sind allerdings in der Lage, dies zu tun. Vor kurzem traf ich mich mit den Künstlern  Isaac Chong Wai, Carla Chan und Jacqueline Wong aus Hongkong sowie mit  Wu Chi-tsung aus Taiwan, welcher eine Verbindung zu Hongkong hat, da er von der Galerie Du Monde dort vertreten wird. Sie sind einige der jungen Menschen aus Hongkong (und Taiwan) die ich kenne, welche Berlin ihre Heimat nennen. 

Für Künstler scheint Berlin eine vernünftige Wahl zum Leben zu sein. Hongkong hat einfach keine günstige Umgebung für künstlerische und kreative Produktionen. Die Mieten und der Lebensunterhalt sind viel zu hoch und es gibt nicht genügend erschwingliche große Räume, welche in Künstlerstudios umgewandelt werden könnten. Es gibt nicht genug Museen und Galerien, welche Kunst und Künstler präsentieren, welche die kreativen Geister weiter inspirieren könnten. Sie brauchen etwas anderes, um ihre künstlerische Karriere zu entfalten. 

Trotz kürzlicher Berichte, dass die Mieten in Berlin so dramatisch in die Höhe gegangen sind, dass die Steigerungsrate letztes Jahr die höchste der Welt war, ist es immer noch auf einem Niveau, welches wesentliche erschwinglicher ist als das in Hongkong. Es gibt viele offene öffentliche Orte und Parks in Berlin. Und ob man es glaubt oder nicht, der physische Raum, in dem wir leben, hat einen großen Einfluss auf unseren psychischen Raum, den wir dazu brauchen, um kreativ und künstlerisch zu denken. Und der Lebensstil in Berlin ist viel entspannter und einfacher als das Abrackern in Hongkong. In Berlin kann man sich Zeit nehmen, das Leben zu erleben und nicht nur zu überleben. 

Chong und Chan sind vor kurzem in neue Studios in Berlin eingezogen. Chongs Studio liegt in einem Studiokomplex im Wedding. Es ist vielleicht nicht das größte Studio aber die Decke ist die höchste, die ich jemals gesehen habe, wahrscheinlich fünf Meter hoch oder noch höher! Solch einen Platz würde es in Hongkong niemals geben – jeder geldgierige Vermieter hätte zwei Stockwerke eingebaut, um den Gewinn zu erhöhen. Chans Studio ist kleiner, liegt aber in einem großartigen neuen Gebäude in Gesundbrunnen, welches Künstlerstudios und kreative Firmen beherbergt und somit eine Art Zentrum für die Mieter ist, um Ideen auszutauschen, sich gegenseitig zu unterstützen und ein Netzwerk zu bilden. 
Wus Studio liegt etwas mehr im Osten von Berlin und ist ebenfalls ein großer Komplex für Künstler aus aller Welt. Als etwas etablierterer Künstler hat Wu sein Studio in Berlin, um von dem Trubel in Taipei fortzukommen und sich auf seine Kunst zu konzentrieren. 

Zusätzlich zum Platz bietet Berlin auch unzählige Kunst- und Kulturaktivitäten, ob nun auf institutioneller Ebene oder unabhängig organisierte Veranstaltungen. Inspiration gibt es überall. Und noch ein wichtiger Grund im Ausland zu leben ist, von der mehr und mehr politisierten Gesellschaft in Hongkong fernzubleiben, welche Unsicherheiten, soziale Ungerechtigkeiten und Druck auf das Leben der Menschen wirft, als ob dort immer jemand einem im Nacken sitzen würde. Die Grenzen der Menschen werden jeden Tag aufs neue getestet. Sie sind abgelenkt durch den politischen Aufruhr und die endlosen, unnötigen Debatten, welche sich nicht nur um Politik drehen, sondern auch um die grundlegenden Rechte und Unrechte. 

Berlin klingt also perfekt, oder? Aber die Wahrheit ist, trotz aller Makel Hongkongs können diese Künstler ihre Verbindung mit ihrer Heimatstadt nicht ganz kappen. Neben persönlichen und familiären Gründen hat die blühende Kunstszene in Hongkong und im Rest Asiens viele Türen für diese Künstler geöffnet. Chong zum Beispiel hat in Hongkong ausgestellt, unter anderem eine Soloausstellung am Goethe-Institut Hongkong und ein Aufführungsstück mit M+. Wong ist diesen Monat nach Hongkong zurückgekehrt, um an der iCoDaCo (International Contemporary Dance Collective) Veranstaltung als Teil der ArtisTree Open Rehearsals teilzunehmen. Wu hatte bereits viele Ausstellungen in der Region und sein Einzelstand bei der Art Basel in Hongkong war ein voller Erfolg. Chan plant bereits bevorstehende Ausstellungen in Hongkong und in Festlandchina. 

Wo stehen wir an diesem Scheideweg? Die einzige Lösung ist es, zwischen zwei Kontinenten zu leben und das Beste beider Welten zu haben – Kunst (und Leben) in Berlin schaffen, während man die Möglichkeiten von Ausstellungen und Karrierechancen woanders weiter verfolgt. Ein dicker Gehaltsscheck ist nicht garantiert, aber es bringt ein viel erfüllenderes Leben, als wenn man sich auf einen Ort festlegt. Künstler waren schon immer die Vorreiter der Gesellschaft, und die Art und Weise, wie diese Künstler leben, zeigt uns vielleicht einen flüchtigen Blick auf unser Schicksal in der Zukunft.