Interview #2 OHNE FLEISS, KEIN PREIS!

Chui Kit LAM
©Chiu Kit LAM

Im unserem zweiten Interview mit Chiu Kit LAM erzählt er, warum und wie er Deutsch gelernt hat, was ihm dabei schwer und leicht gefallen ist, wieso Deutschlernen wichtig ist und welche Tipps er Deutschlernern geben würde.

Eigentlich sprechen die meisten Leute in Deutschland ja auch ganz gut Englisch und es gibt immer mehr englischsprachige Studiengänge. Warum hast du dann eigentlich Deutsch gelernt?

Ja, du hast recht. Viele Leute in Deutschland sprechen ganz gut Englisch - nur sehr ungern. Als ich zum Beispiel bei der Zulassung an der Hochschule war, bekam ich ein klares und hartes "Nein" auf meine Frage "Do you speak English?".
 
Letztendlich ist das Deutschlernen für mich der Respekt vor der deutschen Kultur. Die Sprache ist so eng mit der Kultur verknüpft, dass man nie die Sprache überspringen oder ignorieren kann, wenn man sich ins Land integrieren will. Und im Alltag, wenn man auf Dauer in Deutschland bleiben möchte, steht eben die Sprache auch immer im Vordergrund.

Und nicht zu vergessen: Meine Frau ist ja auch Deutsche. Wenn man verliebt ist, macht man für den Partner oder Partnerin ja alles, oder? :)
 
In der Familie erlebe ich Deutsch mit der Kultur. Diesen Buchtitel konnte ich nur schwer lesen, denn er ist in „Fraktur“ geschrieben – eine Schriftart, die heutzutage nicht mehr gebräuchlich ist. Im Vergleich zum Weihnachtsgesang ist das Lesen der Fraktur aber noch sehr leicht 
©Chiu Kit LAM
In der Familie erlebe ich Deutsch mit der Kultur. Diesen Buchtitel konnte ich nur schwer lesen, denn er ist in „Fraktur“ geschrieben – eine Schriftart, die heutzutage nicht mehr gebräuchlich ist. Im Vergleich zum Weihnachtsgesang ist das Lesen der Fraktur aber noch sehr leicht
 
Wenn man schon Englisch kann, ist Deutsch ja einfacher zu lernen, weil es in der deutschen Sprache jede Menge - und immer mehr - Anglizismen gibt. Außerdem sind viele deutsche Wörter den englischen sehr ähnlich. Hat dir das beim Deutschlernen geholfen?
Ja! Sicherlich! Natürlich! Nicht nur ich kann das bestätigen, du als Deutschlerner wahrscheinlich auch, oder? Summer – Sommer, Mother – Mutter, House – Haus, study – studieren, University - Universität … es gibt total viele Ähnlichkeiten.
Jeder weiß, Deutsch und Englisch gehören zu den westgermanischen Sprachen, sie sind sprachlich gesehen wie Brüder. Also ähnlich sind sie sich auf jeden Fall, aber ob die Ähnlichkeit das Lernen wirklich einfacher macht, ist nach meiner Erfahrung umstritten.

Den Satz „Ich habe das Foto mit der Kamera in der Universität gemacht.“ habe ich nach einer Woche Deutschkurs schon verstanden, weil die Substantive fast wie im Englischen sind. Die Anglizismen in der deutschen Sprache sind aber nur mit Vorsicht zu genießen. Man läuft oft Gefahr, dass man diese Ähnlichkeit ohne weiteres einfach annimmt, wodurch lustige Missverständnisse entstehen.

Es hat ein bisschen gedauert, bis ich z.B. verstand:

Mein Chef kocht nicht…
Das Gift ist kein schönes Geschenk…
Ich habe Objektive, nicht auf meiner To-Do-Liste, sondern für meine Kamera…
Also: Vorsichtig, immer vorsichtig sein!
 
Man lernt auch, wenn man lehrt. Ich habe immer versucht, anderen beim Deutschlernen zu helfen. Albert Einstein hat gesagt: „Wenn du es nicht einfach erklären kannst, hast du es nicht gut genug verstanden.“ Wahre Worte!
©Chiu Kit LAM
Man lernt auch, wenn man lehrt. Ich habe immer versucht, anderen beim Deutschlernen zu helfen. Albert Einstein hat gesagt: „Wenn du es nicht einfach erklären kannst, hast du es nicht gut genug verstanden.“ Wahre Worte!
 

Die Deutschen sagen selbst oft: Deutsche Sprache – schwere Sprache. Würdest du das bestätigen? Und was war für dich am Schwersten? 

Besonders für uns Hongkonger ist Deutsch schwer, obwohl wir schon Englisch gelernt haben. Für mich war damals die Grammatik auf jeden Fall am Schwersten.
Im Kantonesischen gibt es fast keine Grammatik. Ein Schriftzeichen bleibt ein Schriftzeichen. Von daher habe ich Schwierigkeit gehabt, "ich", "mich" und "mir" zu unterscheiden. Im Kantonesischen gibt es eigentlich nur ein Wort dafür. Das Genus und der Kasus im Deutschen haben mich am Anfang abgeschreckt… Ich könnte die Liste bis zur Unendlichkeit weiterführen!
 
Fast zehn Jahre her! Damals als Anfänger habe ich irgendwie geglaubt, dass man mit farbigen Textmarkern das Genus besser lernt. Eins kann ich sagen: Es ist reine Zeitverschwendung!
©Chiu Kit LAM
Fast zehn Jahre her! Damals als Anfänger habe ich irgendwie geglaubt, dass man mit farbigen Textmarkern das Genus besser lernt. Eins kann ich sagen: Es ist reine Zeitverschwendung! 

Dazu erzähle ich gern eine kleine Anekdote: 2009 habe ich an der CUHK angefangen, Deutsch zu lernen. Ich habe damals das Verb "helfen" gelernt und gleich einen Fehler gemacht: „Ich helfe dich“ - war halt falsch. Selbstverständlich wendete ich mich an meine Frau, habe bei ihr aber leider keine Antwort bekommen. "Das klingt komisch! Ich weiß, dass es schwierig ist, aber das ist einfach Deutsch." Guck mal, allein der Satz ist lustig! Warum sagt man überhaupt "das ist einfach Deutsch", wenn Deutsch gar nicht einfach ist? 
 

Was gefällt dir am besten an der deutschen Sprache? Hattest du besondere Erfolgserlebnisse oder besonders frustrierende Momente?

Ich mag es sehr, dass man im Deutschen oft Wörter zusammensetzen und dadurch ein neues Wort bilden kann, also ein sogenanntes "Kompositum". Man muss ja nicht gleich als Beispiel eines der längsten Wörter nennen: Donaudampfschifffahrtselektrizitätenhauptbetriebswerkbauunterbeamtengesellschaft, aber als Ingenieur benutze ich z.B. das Wort "Zahnrad" oft. Obwohl ich am Anfang das Wort noch nicht mal gesehen hatte, wusste ich sofort, was es bedeutet. Auf Chinesisch sagen wir das auch so. Das ist einfach cool, wenn man Dinge schon kennt, ohne dass man sie vorab gelernt hat.
 
Mein Selbstvertrauen in mein Deutsch schwankt immer wieder hoch und runter. Das erste Erfolgserlebnis war der Vortrag für mein Praktikum. Für Studierenden in Ingenieurwesen wird ein Praktikum vorgeschrieben und man muss danach einen Vortrag darüber halten. Für diesen Vortrag habe ich stundenlang geübt! Der Professor war zum Glück sehr zufrieden und hat mir auch eine gute Note gegeben.
 
Diesen Papierstapel werde ich nie wegwerfen. Vom Endbericht über mein Praktikum bis zu meiner Bachelorarbeit - das Schreiben war jedes Mal eine Qual. Aufgegeben habe ich trotzdem nie. „Ohne Fleiß, kein Preis!“
©Chiu Kit LAM
Diesen Papierstapel werde ich nie wegwerfen. Vom Endbericht über mein Praktikum bis zu meiner Bachelorarbeit - das Schreiben war jedes Mal eine Qual. Aufgegeben habe ich trotzdem nie. „Ohne Fleiß, kein Preis!“

Aber frustrierende Momente gibt es natürlich auch! Es ist sehr ärgerlich, wenn man die Durchsage auf dem Bahnsteig nicht verstanden hat und in einen falschen Zug eingestiegen ist… Das habe ich mehrmals erlebt. Einmal habe ich erst nach einer Stunde Zugfahrt langsam gemerkt: Warum sieht es hier anders aus als sonst? Oh je, falsche Verbindung! Um heim zu kommen musste ich wieder eine 3-stündige Strecke mit 2 Mal Umsteigen zurücklegen und war wirklich frustriert.
 

Du beherrschst die deutsche Sprache inzwischen schon super gut, hast die C2-Prüfung geschafft, also muttersprachliches Niveau erreicht – und unterrichtest selbst Deutsch. Gibt es trotzdem noch etwas, das du lernen willst? Und welche Tipps würdest du Deutschlernern geben?

Ich habe noch so viel zu lernen! Ein prägnantes Beispiel sind Redewendungen. Weißt du was 0815 bedeutet? Also - „Das ist keine 0815-Frage!“. 0815 bedeutet Standard.

Mein Tipp: Nie die Sprache bzw. die Grammatik "auswendig" lernen, nur die Vokabeln mit Artikeln! Es gibt oft einen Grund, warum eine Sprache so aufgebaut wurde. "Das ist Deutsch" ist keine gute Antwort auf eine Frage! Ihr könnt sicherlich selbst eine Antwort suchen und herausfinden. Und wenn man das tut, hat man nach und nach einen guten Überblick und kann einen Satz besser formulieren.

Und keine Angst vor Fehlern! Ich sage immer zu meinen Kursteilnehmern: Sei froh, dass du den Fehler jetzt machst, denn aus Fehlern lernst du! Das heißt, du machst diesen Fehler nächstes Mal beim Sprechen oder in der Prüfung nicht mehr! Die Deutschen sagen: „Ohne Fleiß, kein Preis!“ und „Übung macht den Meister.“. Das kann ich nur bestätigen!!
 
我之前成日以為德國冬天漫天飛雪,肯定浪漫到爆啦!點知第一次喺德國過冬,感覺就只係凍冰冰,灰灰暗暗,一過咗四五點就天黑!好彩,雖然德國人唔興開冷氣,但係暖爐係家家戶戶都一定會有的。如果你嚟到德國,覺得間屋好凍的話,記得搵下窗口下面有無一嚿奇奇怪怪,灰灰白白嘅暖爐啦!開到盡啦!
©Chiu Kit LAM
Auf das Goethe-Zertifikat C2 habe ich mich 2 Jahre vorbereitet. Meiner Erfahrung nach ist Deutschlernen gleichzeitig sehr einfach und schwer. Ich habe nur jeden Tag den Kontakt mit der Sprache gehalten. Es ist aber für viele schwer das durchzuhalten!