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"Brady Lecture" 2019 mit John Kampfner
Kann es Deutschland wirklich besser?

John Kampfner während seiner Lesung am Goethe-Institut London.
John Kampfners Lesung voller Einblicke und Humor gab einen Eindruck von seinem provokativ betitelten Buch “Why the Germans Do It Better. Lessons from a Grown Up Country” (Erscheinungsdatum: Juli 2020). | Foto: © Pau Ros / Goethe-Institut

Die USA leiden unter dem Chaos der Trump-Regierung und Großbritannien blockiert sich seit Jahren durch den Brexit selbst. Deutschland hingegen glänzt durch politische Reife. So lautet die provokante These, mit der der Autor John Kampfner die diesjährige Brady Lecture im Goethe-Institut London eröffnete.

Von Marten Hahn

“Why the Germans do it better” - so ein Titel ist auch mehr als 70 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg noch immer eine sensible Angelegenheit. John Kampfner weiß das und macht den Titel seines Vortrags – dem bald ein gleichnamiges Buch folgen wird - schnell zum Thema. „Spreche ich mit Deutschen darüber, fallen die fast vom Stuhl. ‚Das können Sie doch nicht sagen, heißt es dann.“ Von britischen Landsleute höre er jedoch: „Ich verstehe was du meinst.“ Die Direktorin des Goethe Instituts Katharina von Ruckteschell-Katte schiebt zur Sicherheit noch klärend ein, man habe Kampfner nicht „wegen des Titels“ eingeladen, sondern „trotz des Titels“.

Denn Kampfner kennt Deutschland so gut wie nur wenige in Großbritannien. Der Brite arbeitete als junger Reporter im Bonn der Vorwendezeit und war der letzte Ost-Berlin-Korrespondent der britischen Zeitung The Telegraph. Er war da als 1989 die Mauer fiel. Und er ist dem Land auch danach als Chronist verbunden geblieben. Er sehe Deutschlands 150-jährige Geschichte zweigeteilt. Im ersten Teil stehe Deutschland für zwei Weltkriege, für Diktatur und den Horror des Holocausts. Der zweite Teil stehe für Versöhnung, Stabilität und Reife. Es sei diese Geschichte, die er mit seinem Buch „Why the Germans do it better“ – Warum die Deutschen es besser machen – erzählen wolle. Die Geschichte des Deutschlands der Gegenwart. Kampfner ist für das Buch wieder einmal durch Deutschland gereist und hat mit Politikern, Unternehmern, Technologie-Experten, Künstlern und vielen anderen gesprochen.

Es kommt darauf an, wie man Herausforderungen löst

Es folgt eine Lobeshymne auf Deutschlands Tugenden und Erfolge. Kampfner spricht über den Mittelstand und funktionierende Gewerkschaften. Er preist den Vorteil eines dezentralen Systems. Es gäbe dutzende gleichrangige Städte, statt nur eine Metropole. Und er begeistert sich für die lebhafte Kulturlandschaft - von der Hochkultur der Opern und Orchester bis zur Club-Szene in Berlin und Leipzig. Dazu komme eine konsensbasierte Politik und Deutschlands Erinnerungskultur.

Immer wieder verteilt Kampfner dabei Seitenhiebe Richtung Großbritannien. Im Vergleich zu Deutschland „leben wir in einem verkümmerten politischen System.“ Man habe Deutschland in der Nachkriegszeit beim Schreiben einer Verfassung geholfen, auf die das Land bis heute stolz sei. „Warum haben wir nicht daran gedacht, etwas Ähnliches für uns selbst zu schaffen?“  Man habe vergessen, das eigene System zu modernisieren.
 
Kampfner verneint nicht, dass auch Deutschland Probleme hat. Die Wirtschaft schwächle, die Flüchtlingskrise habe Spuren im sozialen Gefüge hinterlassen und die rechtspopulistische AfD befinde sich im Aufwind. Außerdem werde die Bevölkerung immer älter und die Infrastruktur immer schlechter. Deutschland sei auch fast nie ein Trend-Setter und zu zögerlich, was Digitalisierung angeht.

Warum also der Lobgesang? Es gehe nicht darum, ob es Probleme gebe, so Kampfner, sondern wie ein Land damit umgehe. Deutschland habe “eine politische Reife entwickelt, an die nur wenige andere heranreichen.“ Es habe die Bedeutung von Stabilität auf die “harte Tour“ gelernt. Im Nachriegsdeutschland habe es vor Angela Merkel nur acht Kanzler gegeben.

Ordnung muss sein

In der Liebe der Deutschen für Regeln und Ordnung sieht Kampfner eine Art politische Identität. In der Stunde Null der Nachkriegszeit habe Deutschland neu anfangen müssen. Anders als Russland und Frankreich mit ihrer militärischen Symbolik, anders als die USA mit der Geschichte ihrer Gründerväter, anders als Großbritannien mit seiner patriotischen Geschichtslehre und Kriegsleidenschaft habe Deutschland nichts gehabt, worauf es zurückgreifen konnte - außer die demokratische Ordnung der Nachriegszeit. „Deswegen ist dem Land Rechtsstaatlichkeit so wichtig.“ Deswegen „treibe das Land kein Schindluder“ mit der Politik. „Langsam aber sicher“ sei das Motto. Politik sei in Deutschland kein Reality-TV. „Das überlassen sie uns und den Amerikanern“, so der Brite.

Immer wieder würzt John Kampfner seine politische Analyse mit Anekdoten. Er berichtet von seinem ersten Kaffee mit Merkel, als diese noch Beraterin von Lothar de Maizière war. Er erzählt wie die Kanzlerin den britischen Ex-Premier David Cameron mit einem Gespräch über Kultur zum Stottern brachte. Und wie Merkel einmal zu Barack Obama sagte, man könne die Aufgabe des Regierens nicht mit Charisma lösen.

Und immer dann wenn an diesem Abend ein Lachen durchs Publikum geht wird klar: Es gibt mindestens eine Disziplin, in der die Deutschen den Briten so bald nicht das Wasser reichen können. Wir nennen sie an dieser Stelle einmal ‚ernste Unterhaltung‘. Dafür werden Witz und Substanz so dosiert, dass ein runder Abend draus wird.

 

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