Reflektion jüdischer Wurzeln Liz Rosenfeld: Letztes Familienfoto

Familienporträt Liz Rosenfeld
© Liz Rosenfeld

Künstlerin Liz Rosenfeld besinnt sich auf ihre jüdischen Wurzeln, ihre Identität und reflektiert, wie ihr der Umzug nach Berlin überraschend eine neue Familie beschert hat. Die Reise in ihre Vergangenheit beginnt mit einem Foto.

Dieses Foto wurde vor etwa 15 Jahren auf dem Dachboden einer entfernten Cousine dritten oder vierten Grades in München gefunden. Damals hat, glaube ich, niemand von uns gewusst, dass wir noch Cousins und Cousinen in Deutschland haben, aber da spielt mir meine Erinnerung vielleicht auch einen Streich. Irgendwie haben unsere Münchener Verwandten meine Mutter in New York City ausfindig gemacht und ihr den Originalabzug geschickt.

Eine verblichene Notiz

Meine Oma steht in der Mitte des Fotos, etwa 19 Jahre alt. Sie ist die einzige, die nicht direkt in die Kamera blickt. Sie lächelt, leicht vorgebeugt, inmitten ihrer Eltern und dem erweiterten Familienkreis. Es sieht so aus, als ob diese Aufnahme bei einem wichtigen Familientreffen oder einer Feier gemacht worden ist. Auf der Rückseite des Fotos steht „Letztes Familienfoto.“ Soweit ich mich erinnern kann, stand kein Datum dabei. Nur diese einfache, verblichene, handschriftliche Notiz. Wenn ich mich recht entsinne, lebte meine Oma nicht mehr, als wir das Foto bekamen. Wir können also nur spekulieren, dass dies das letzte gemeinsame Foto war, das gemacht wurde, bevor sie und ihre Familie 1934 aus Berlin geflohen sind. Zumindest glaube ich, dass es 1934 war. Meine Schwester sagt 1936, und mein Vater weiß es nicht, schwört aber, dass sie allein mit ihrem ersten Mann, einem Pianisten, nach London geflohen ist, wo sie beide während des Krieges Musik studiert haben.

Aufgewachsen bin ich in New York City, im selben Gebäude wie Oma und Opa. Die beiden haben mir wenig darüber erzählt, wie es war, im Dritten Reich aus Deutschland zu fliehen. Gleichzeitig schafften sie es, mir ein schlechtes Gewissen zu machen, da ich nie so viel Leid durchlebt habe wie sie. Deutsch war die Muttersprache meiner Mutter. In Anwesenheit meiner Schwester und mir wurde Deutsch immer dann gesprochen, wenn wir nicht mitbekommen sollten, worum es gerade ging. Gefühlt war das ziemlich oft.

Als ich acht war, hat mir meine Oma ein einziges deutsches Wort beigebracht: „Arschloch“. Das sollte ich zu den Mädchen sagen, die mich in der Schule tyrannisierten. Sie hat mir auch erzählt, dass die einzige Person, die mein Opa je geschlagen hat, ein Nazi war.

„Wir sind zweimal geflohen“

Mein Opa war Teil des Widerstands in München. Als seine Eltern Ausreisevisa bekamen, entschied er sich zu bleiben. Sein bester Freund, ein nichtjüdischer deutscher Radikaler, hatte gesteckt bekommen, dass die Grenzen geschlossen werden und geschafft, meinen Opa einen Tag zuvor aus Deutschland zu bringen – von dort hat er sich nach Jerusalem aufgemacht und seine Eltern wiedergefunden. Opas bester Freund wurde allerdings ein paar Tage später als politischer Gefangener in ein Konzentrationslager gebracht. Er wurde mit der Nummer #1 tätowiert, hat überlebt und ein Buch über seine Gefangenschaft geschrieben.

Neulich habe ich abends meine Schwester angerufen – ich dachte, ich würde nur schnell ein paar einfache Daten abgleichen. Aber Kathy ist achteinhalb Jahre älter als ich und hat völlig andere Erinnerungen an dieselben Geschichten. Wir sind uns beide sicher, dass wir noch genau wissen, wann und wo uns unsere Versionen von wem erzählt wurden. Meine Tante Didi erzählte mir, als ich vor ein paar Jahren bei ihr in London zum Abendessen eingeladen war, dass es ihr bei der Erinnerung an ihre Eltern genauso ging. Sie ist dieses Jahr gestorben und war die einzige Person auf der mütterlichen Seite meiner Familie, die noch einigermaßen sinnvolle Geschichten aus der Zeit erzählen konnte.

„Wir sind zweimal geflohen“, sagte meine Oma immer. Einmal mit ihrer Familie – den Menschen, die sie in diesem Foto umgeben, das im Garten des ersten Hauses aufgenommen wurde, das mein Urgroßvater, ein Architekt, selbst entworfen und gebaut hatte. Und dann ein zweites Mal. Aus dem neugegründeten ‚jüdischen Staat‘, dem einst vereinigten Palästina, wo sich meine Großeltern kennengelernt hatten, und wo meine Mutter geboren wurde. „Wir sind zweimal geflohen“, sagte sie, immer mit Betonung auf dem Wort „geflohen“, um der Geschichte, wie meine Großeltern und Mutter es in die USA geschafft haben, mehr Dramatik zu verleihen.

Umzug nach Berlin

An einer roten Ampel drehte sich mein Vater zu mir um und sagte, „Das kann doch nicht dein Ernst sein, dass du in Berlin leben willst.“ Meine Mutter war ein Jahr zuvor gestorben, und ich hatte ihm gerade gesagt, dass ich umziehen würde, und dass ich die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen würde. Ich weiß nicht mehr, was er als nächstes gesagt hat. Aber ich weiß, dass ihn die Idee sehr bekümmert hat, dass ich – die Tochter zweier Juden, die zudem von ihren jüdisch-deutschen Einwanderergroßeltern mit großgezogen wurde – auch nur in Erwägung ziehen konnte, in Deutschland zu leben. Für ihn war es, als würde ich mich aus meiner kulturellen Verantwortung ziehen. „Geh nach Berlin. Reagier dich ab. Trauere. Aber du wirst zurückkommen. Dein Zuhause ist hier.“

In diesem Monat werden es neun Jahre, dass ich in Berlin wohne. Einen Großteil meiner Berliner Zeit hatten mein Vater und meine Stiefmutter ernste Bedenken, mich zu besuchen. Sowohl mein Vater als auch meine Stiefmutter sind amerikanische Juden aus New York, Kinder der McCarthy-Ära und meinten, „Wir fühlen uns einfach nicht wohl in Deutschland.“ Ich bin immer der Meinung, dass eine derart fremdenfeindliche Haltung gefährlich ist. Ich bin in Manhattan aufgewachsen, einem Hotspot progressiver jüdischer Kultur. Meine Familie ist in die Synagoge gegangen, weil ihre jüdischen Freunde das auch taten, und man gesehen werden wollte, aber es handelte sich nie um religiöse Indoktrination.

Coming-out

Zeit meines Lebens waren Juden in Amerika immer Teil einer dominanten weißen Bevölkerung. Sie ahnten nicht, dass sie der Antisemitismus einholen könnte, geschweige denn, dass rechtsextreme „White Supremacists“ sie in ihren nebulösen Rassenideologien verteufeln würden. Zum Teil ist daran sicher die beschämende Art und Weise schuld, in der amerikanische Geschichte mit ihrem eigenen Völkermord umgeht: Weiße Opfer waren immer mehr wert. Außerdem haben rechtschaffene amerikanische Juden der oberen Mittelschicht geglaubt, dass Antisemitismus ein ausschließlich europäisches Problem sei. So auch mein Vater. Im September 2016 sagte mein Vater mir, dass er sich Sorgen um mich mache, weil ich „so nah am Terror“ lebe.

Zwei Monate später gestand er mir schließlich ein, dass mein Entschluss, einen deutschen Pass zu beantragen, eine meiner besten Entscheidungen gewesen sei. Der Auslöser war, dass ein unverhohlen rassistischer und rechtsextremer Großunternehmer sich daranmachte, das Amerika und das Rechtssystem, an das mein Vater die vergangen 50 Jahre so fest geglaubt hatte, rapide zu zerlegen. Obwohl er in den 1960ern gegen Rassismus und den Vietnamkrieg demonstriert hatte und bei Dr. Martin Luther Kings „I Have a Dream“-Rede dabei war, wurde ihm erst jetzt wirklich klar, dass Hass und Gewalt allgegenwärtig sind, nicht nur in Deutschland.

Auf der Suche nach einer jüdischen Diaspora

Es fiel mir nicht schwer, meinen Eltern zu sagen, dass ich queer bin, da ich nie das Gefühl hatte, dass ich etwas beichten müsste. Obwohl ein kleiner romantischer Teil von mir sich immer nach einer tollen Coming-Out-Story gesehnt hat, die ich zum Besten geben wollte, hat die Tatsache, dass ich queer bin und dass ich Jüdin bin nie meine Identität bestimmt. Beide Eigenschaften haben mir eher geholfen, mein Leben zu lenken. Als ich Master-Studentin am Art Institute of Chicago war, sagte mein Professor Gregg Bordowitz einmal, „Queerness handelt davon, wie du die Welt berührst und wie die Welt dich im Gegenzug berührt.“ Anders als meine vagen Familiengeschichten habe ich diesen Satz auch nach 15 Jahren noch kristallklar in Erinnerung. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass meine queeren Erinnerungen klarer sind als meine jüdischen. Mein queeres Gedächtnis erinnert sich nicht in erster Linie an die Vergangenheit, sondern befindet sich in ständigem Wandel, nimmt auf und füllt die Gegenwart mit Sinn.

In meinen Arbeiten nutze ich Geschichte als Werkzeug, um durch die Zeit zu reisen, um den Menschen im Hier und Jetzt zu zeigen, dass wir nicht nur die Vergangenheit unserer Blutsverwandten in uns tragen, sondern auch die Geschichten und die Persönlichkeiten, nach denen wir uns richten. Ich war nach Berlin gekommen, um eine jüdische Diaspora zu finden, die ich nie hatte. Stattdessen fand ich eine queere Gemeinschaft. Berlin ist mein zu Hause. Nicht, weil hier meine Wurzeln liegen, sondern weil ich hier meine eigene queere Familie entdeckt habe und weil ich mir in dieser Stadt mein Leben aufgebaut habe – umgeben von Menschen, die mich so wahrnehmen, wie ich bin.

An Geschichten festhalten

Ich habe immer davon geträumt, das Foto von meiner Oma und ihrer Familie in ihrem Garten in Dahlem mit meinen Berliner Freunden nachzustellen. Ich habe viel darüber nachgedacht und sogar den Leuten geschrieben, die inzwischen dort wohnen, aber nie eine Antwort erhalten. Die Idee, meine Berliner Freundesfamilie zusammenzutrommeln, ist eine Erinnerung geworden, die nie stattgefunden hat.

Vielleicht habe ich beschlossen – ähnlich wie ich mich nach einer Coming-Out-Story sehne – an den Geschichten von der Flucht meiner Großeltern aus Deutschland festzuhalten, weil ich diese Erzählungen brauche, um eine politische Romantik heraufzubeschwören. Ich muss glauben, dass meine Oma alle Wertsachen ins Polster des Familienautos eingenäht hat und so über die Grenze gefahren ist und dass der einzige Mann, den mein Opa je geschlagen hat, ein Nazi war. In der gegenwärtigen politischen Lage, in der Menschen, die in einem Land geboren wurden und dort ihr ganzes Leben verbracht haben aufgrund ihres kulturellen Hintergrundes aufgefordert werden „zurück nach Hause“ zu gehen, frage ich mich, was Heimat wirklich ist.