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Goethe V&A Residenz
Interview mit Arianna Nicoletti

Arianna Nicoletti.  © Chiara Bonetti
© Chiara Bonetti

Arianna Nicoletti ist die diesjährige Residenzkünstlerin des Goethe-Instituts London und des Victoria and Albert Museums im Bereich nachhaltige Mode und Textildesign. Die in Berlin ansässige Modedesignerin und Unternehmerin befasst sich mit nachhaltiger Mode und untersucht in ihrer Forschung Kreislaufsysteme von Textilien. Arianna Nicoletti ist Mitbegründerin des Modelabels Aluc, des Concept Stores The Upcycling Fashion Store und der gemeinnützigen Gesellschaft Future Fashion Forward, allesamt in Berlin.
 


Arianna, du befindest Textilien und Materialien in unserer Gesellschaft für wertlos. Warum eigentlich?

Heutzutage ist die Kleidung, die wir kaufen, oft billig hergestellt und von schlechter Qualität. In den letzten 30 Jahren haben die Globalisierung und verschiedene industrielle Entwicklungen das schnelllebige Modesystem von heute geprägt. In diesem System werden Kleidungsstücke in Massen hergestellt, wobei kaum Wert auf die Qualität der Materialien gelegt wird. Tatsächlich sind Klamotten, die in Läden vieler Modeketten verkauft werden, oft so billig produziert, dass sie schon nach ein paar Waschgängen auseinanderfallen. Irgendwann passen sie uns nicht mehr, weshalb wir uns andauernd neue Kleidungsstücke kaufen. Ein weiteres Problem ist, dass das System auf sehr schnelllebigen Trends basiert. Alle drei Wochen bringen große Modeunternehmen eine neue Kollektion heraus. Das verleitet die Verbraucher dazu, sich die neuesten Looks zuzulegen, um mit den aktuellen Trends Schritt zu halten. Deswegen sind Textilien heutzutage völlig wertlos.

Du versuchst das System sowohl auf industrieller als auch auf Verbraucherebene zu verändern, damit die Modeindustrie umschaltet. Wie hat dein “Upcycling Fashion Store” in Berlin die Haltung der Verbraucher auf die Herkunft ihrer Kleidung verändert?

Das Geschäft war ein wunderbarer Ort, wo Menschen vorbeikamen, um sich über Upcycling-Mode zu informieren. Manche wollten wissen, was  der Begriff bedeutet, andere wiederum stellten eher kritische Fragen: Warum sind Kleidungsstücke so teuer, obwohl sie aus wiederverwerteten Materialien hergestellt wurden? Warum kostet ein Schal, der aus den Überresten alter Männeranzüge besteht, über 100 Euro? Meine Kollegen und ich haben dann erklärt, dass Upcycling eine sehr kompliziertes Design-Verfahren ist. Zuerst müssen die Designer Second-Hand Klamotten oder übrig gebliebene Stoffreste und Materialien finden, was mit einem hohen Aufwand verbunden ist. Dann müssen sie die alte Kleidung auseinandernehmen beziehungsweise überlegen, welche Stoffreste zusammen passen, bevor sie mit dem Entwurf beginnen können. Das dauert viel länger und ist auch teuer. In den Gesprächen mit unseren Besuchern hat sich ihr Verständnis für Upcycling-Mode tatsächlich verändert. Unsere Aufklärungsarbeit hat mich sehr inspiriert und mir geholfen, neue Projekte in den Bereichen Konsum und Bildung zu entwickeln.

Das Bewusstsein für nachhaltige Mode und Konsum ist über die letzten Jahre gewachsen. Profitiert deine Arbeit und Aktivismus von dem anhaltenden Zeitgeist?

Ja, definitiv. Als wir den “Upcycling Fashion Store” vor fast zehn Jahren aufgemacht haben, kamen Leute vorbei und fragten uns nach Fahrrädern. Die dachten, wir wären ein Fahrradladen! Der Begriff Upcycling war damals ganz neu und unbekannt. Als wir den Laden 2017 geschlossen haben, fragten uns die Leute nicht mehr nach dem Begriff. Sie kamen mit ausgeschnittenen Zeitungsartikeln und wollten sich den Laden ansehen. Das Problem ist aber, dass an vielen Textil- und Modeschulen nicht ausreichend über das Thema gesprochen wird. Dort wird weder über Nachhaltigkeit gelehrt, noch der Wert von Materialien behandelt. Ich weiß, dass viele Studenten gerne mehr darüber lernen würden, aber die Dozenten nehmen das nicht in ihre Lehrpläne auf. Wie können wir das System verändern, wenn so viele konventionell denkende Menschen in den Bildungsinstitutionen sitzen? Vor drei Jahren habe ich die gemeinnützige Gesellschaft Future Fashion Forward mit einigen Aktivisten und Aktivistinnen in Berlin gegründet. Wir setzen uns für nachhaltige Mode ein und organisieren Führungen und Workshops mit Fachleuten für Studenten und NGOs. Dabei besuchen wir Designer, Start-Ups und App-Entwickler, die sich mit nachhaltiger Mode beschäftigen. Und die Nachfrage nach den Führungen wächst stark.

Was kann die Modeindustrie von deiner Arbeit lernen, um besser gegen Missstände wie Verschwendung, Umweltverschmutzung und unfaire Arbeitsbedingungen vorzugehen?

Mehr als von meiner Arbeit, kann die Industrie von den Verbrauchern lernen. Verbraucher müssen mehr Transparenz fordern, was einer der wichtigsten Faktoren für die Weiterentwicklung der Industrie ist. Zu viele schreckliche Ereignisse sind passiert, zum Beispiel der Einsturz der Rana-Plaza-Textilfabrik in Bangladesch im April 2013. Das Problem ist, dass viele Marken mit Zulieferern arbeiten. Unternehmen wie H&M haben zwar Verträge mit zertifizierten Herstellern in Bangladesch und China, die auf dem Papier korrekt erscheinen. Aber diese Firmen geben die Aufträge oft an andere Subunternehmen weiter. Hinterher kann man nur schwer nachvollziehen, wo die Kleider tatsächlich produziert wurden.
Trotzdem hat sich in den letzten Jahren einiges verändert. So haben die “Fashion Revolution”-Kampagne und die “Clean Clothes Campaign” etwa bewirkt, dass große Modelabels eine ausführliche Liste ihrer Hersteller auf ihrer Webseite veröffentlichen. Doch die Modeindustrie kann nicht nur von dem Input einiger Designer und Verbraucher  abhängig sein. Wir brauchen auch die Unterstützung der Regierungen.

Wenn der Überschuss der Lebensmittelindustrie ein wertvoller Rohstoff für die Modeindustrie wird, finde ich das spannend. Der Kreislaufwirtschaft von Textilien braucht noch mehr von solchen Synergien.


Während deiner zweimonatigen Residenz willst du dich mit den Werke aus der “Fashioned from Nature”-Ausstellung im Victoria & Albert Museum auseinandersetzen, die noch bis zum 27. Januar 2019 zu sehen ist. Für welche Aspekte der Ausstellung interessierst du dich besonders?

Der Fokus meiner Forschung liegt auf den Kreislaufsystemen in der Mode, insbesondere auf Recycling-Technologien und Praktiken aus dem Bereich. Ich habe schon angefangen, über Technologien wie “Microsilk” von Bolt Threads zu recherchieren, eine im Labor produzierte Faser, die aus Proteinen in Spinnennetzen besteht. Auch die sogenannten “Orange Fiber“-Fasern faszinieren mich, die aus Orangenschalen gewonnen werden, oder Lederalternativen wie “Myco”, die im Labor aus Pilzen entstehen. Wenn der Überschuss der Lebensmittelindustrie ein wertvoller Rohstoff für die Modeindustrie wird, finde ich das spannend. Der Kreislaufwirtschaft von Textilien braucht noch mehr von solchen Synergien. Am Ende meiner Residenz werde ich eine Wandinstallation in meinem Studio im Victoria & Albert Museum kreieren, um das Ergebnis meiner Forschung darzustellen.
 
Das Interview ist die gekürzte Fassung eines halbstündigen Gesprächs mit Arianna Nicoletti.

Link zum vollständigen Audio-Interview auf YouTube.


Residenzzeitraum: 15.Oktober – 15.Dezember 2018
Information zu Veranstaltungen mit der Residenzkünstlerin einschließlich Besuche ihres Ateliers finden Sie in unserem Veranstaltungskalender.

 

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