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Film - Goethe on Demand
Berlin – Überleben in prekären Zeiten

Drei Filme, die untersuchen, wie sich zeitgenössische Auseinandersetzungen zwischen Kreativität und geistiger Freiheit einerseits und wirtschaftlichen und reaktionären politischen Kräften andererseits in der deutschen Hauptstadt entfalten.

Berlin war und ist ein beliebter Schauplatz für Filme verschiedener Genres. Der Filmgalerie 451 ist es hoch anzurechnen, dass ihre "Berlin-Filme", Stadt als Beute von Irene von Alberti, Miriam Dehne und Esther Gronenborn, Der lange Sommer der Theorie von Irene von Alberti und Weitermachen Sanssouci von Max Linz die Stadt nicht einfach als coolen urbanen Hintergrund einsetzen. Stattdessen präsentieren sie Berlin als einen Ort, an dem alternative Lebensstile und eine vielfältige Kulturszene auf den Druck von Gentrifizierung, Privatisierung und Investition stoßen. Diese neuen Kräfte profitieren von der historischen und kulturellen Anziehungskraft der Stadt, während sie zum Verschwinden von mietfreiem oder günstigem Wohn- und Arbeitsraums beitragen, der Experimente und Kreativität ermöglicht. Die Folge: in der Hauptstadt künstlerisch und intellektuell kreativ zu sein, ist schwieriger, komplexer und prekärer geworden.

Stadt als Beute Stadt als Beute | © Filmgalerie 451 Auf diese Entwicklung wird im Titel des frühesten der drei Filme ausdrücklich Bezug genommen - Stadt als Beute (2005). Basierend auf dem gleichnamigen Stück von René Pollesch, folgt der Film drei jungen Schauspieler*innen, die Rollen in eben diesem Stück spielen. Zwischen den Proben versuchen sie, in der Stadt zu überleben und sich ihre Rollen zu erarbeiten. Einerseits spiegelt der Film die damalige innovative und florierende Theaterszene wider, zu deren gefeiertsten Protagonisten Pollesch gehört. Es zeigt aber nicht nur den ausbeuterischen Aspekt des Theaters, das aufstrebende Schauspieler*innen zu seiner Beute macht, sondern auch die räuberischen Energien des Marktes, welche das Wesen der Stadt mehr und mehr durchdringen.

Der lange Sommer der Theorie Der lange Sommer der Theorie | © Filmgalerie 451 Irene von Alberti, die bei einer der drei Episoden von Stadt als Beute Regie führte, greift in ihrem Film Der Lange Sommer der Theorie (2017) das Thema der Prekarität und des Überlebens auf. Stilistisch ist der Film distanzierter und nüchterner als Stadt als Beute, mischt Interviews mit Intellektuellen, Diskussionen unter Freunden, inszenierte Szenen und dokumentarische Elemente. Im Mittelpunkt stehen drei junge Frauen, die sich eine Wohnung teilen, aus der sie bald ausziehen müssen, da das Gebäude einem Neubau weichen muss. Sie alle sind Künstlerinnen; eine von ihnen ist Regisseurin und dreht, einem gängigen cineastischen Kunstgriff entsprechend, einen Film über die Situation, in der sich die drei befinden, oder vielmehr über das System, das diese Situation produziert hat.
Seinem Titel gemäß ist der Film mit Theorie durchsetzt. Vor dem Hintergrund neu entstehender Bauprojekte lotet er mit der Vorgehensweise eines studentischen Rechercheprojekts zuweilen widersprüchliche Ideen bezüglich einer verwirrenden Gegenwart und einer vielleicht besseren Zukunft aus. Der Film berücksichtigt auch die Präsenz der sich neu formierenden politischen Rechten, die mit simplen, reaktionären Formeln auf jene Fluidität und Freiheit reagieren, die sich die Protagonistinnen trotz beruflicher und finanzieller Unsicherheit, bewahren möchten.

Weitermachen Sanssouci Weitermachen Sanssouci | © Filmgalerie 451 Mit einem ähnlich distanzierten, jedoch stärker anti-illusionären und artifiziellen Stil sowie einer guten Portion Slapstick und Satire transferiert Max Linz’ Film Weitermachen Sanssouci (2019) die Themen Prekarität und Wettbewerb in den universitären Kontext. Eine junge Naturwissenschaftlerin beginnt eine 28%-Stelle am fiktiven Institut für Kybernetik an einer Berliner Universität, um an einem Projekt zur Simulation des Klimawandels mitzuarbeiten. Stattdessen wird sie jedoch stark in den Prozess der Drittmittelaquise involviert, der das Institut über Wasser halten soll. Die Institutsleiterin sieht die Maßnahmen eher skeptisch, spielt aber mit und überlässt den Großteil der Arbeit der neuen Mitarbeiterin; ein anderer Professor ist von seinem Forschungsprojekt zum Thema "Nudging" und dem bevorstehenden Besuch eines Evaluationsteams absorbiert. Forschung und Lehre haben in diesem Szenario keinen Platz. Studentenproteste und Hinweise auf ein Computerprojekt in Allendes Chile, das zur Überwindung entfremdeter Arbeit beitragen sollte, sowie Verweise auf die modernistische Architektur der Nachkriegszeit in Westberlin erinnern an das, was einst möglich schien - dass Wissenschaft und Kultur zu einer besseren Gesellschaft beitragen können.
 
Zwar werfen die drei Filme Themen auf, die nicht nur Berlin betreffen. Aber diese Themen stechen aufgrund der besonderen Geschichte der Stadt – ihre geteilte, insulare Existenz vor dem Mauerfall und ihr neuer politischer Status und ihr rascher Wandel nach der Wiedervereinigung – stärker ins Auge. Dies greifen die drei Filme mit unterschiedlichen Strategien auf und machen die Stadt samt ihrer Veränderung zu einem integralen Bestandteil ihrer Erzählungen und visuellen Gewebes.

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