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Berlinale-Blogger 2020
Film ist eine Industrie, aber bei der Berlinale gehen Menschen eindeutig vor Profit

"Funny Face"
"Funny Face" von Tim Sutton | © Lucas Gath

Tim Sutton, der Regisseur von Dark Night, bedankte sich nach der Weltpremiere seines antikapitalistischen Liebesfilms Funny Face bei uns, weil wir uns Zeit für einen Film genommen hatten, der „nicht für Algorithmen, sondern für den menschlichen Verzehr” gemacht worden war. Da habe ich gelacht, aber vor der Berlinale hatte ich mich schon damit abgefunden, dass große Teile der Filmindustrie für einen dicken Scheck gewillt sind, jeglichen künstlerischen Anspruch aufzugeben. Das ist keine Anklage gegen die Filmindustrie, sondern gegen die neoliberale Agenda, die jeden Fleck dieser Erde im Würgegriff hält.
 

Von Neelam Tailor

Es stimmt, dass in Funny Face nicht viel passiert. Die Erzählung folgt keinem richtigen Faden, viele Szenen sind bewusst banal, um uns Zeit zum Nachdenken zu geben. Sutton lädt uns zur Betrachtung einer Stadt ein, die in Schutt und Asche gelegt ist: ein New York, das vom ungebändigten Kapitalismus niedergebrannt wurde. Von einem im Auferstehen begriffenen Phönix gibt es keine Spur, stattdessen sehen wir die isolierten, einsamen und niedergeschlagenen Überreste in Form eines muslimischen Mädchens namens Zama, das durch Zufall auf den unbeholfenen New York Knicks-Fan Saul trifft sowie auf einen namenlosen Geschäftsmann ohne jegliche Moral, gespielt von Jonny Lee Miller, der in einer sehr lustigen Szene vom Hintersitz eines Taxis aus laut „Money!” brüllt. Die hervorragend gespielten Charaktere geben einander, was ihnen nach einem von der Gier zersetzten Leben noch an Energie bleibt.

Es ist eine wirklich moderne Liebesgeschichte, die eng mit der Immobilienkrise, Islamophobie und überflüssigen Milliardären verwoben ist.

Die Berlinale ist darum bemüht, offen für alle zu sein


Nach dem Film blickte ich durch eine schärfere antikapitalistische Linse auf die Filmfestspiele und freute mich darüber, wie erschwinglich sie für das Publikum sind. Für nur 6,50€ bekommt man eine Eintrittskarte zur Weltpremiere eines US-Films auf einem der bekanntesten internationalen Filmfestivals. Man muss nicht einmal im Voraus buchen, es genügt, früh hinzugehen und sich anzustellen. Wenn schon gebuchte Karten nicht abgeholt werden, lassen die Festivalorganisator*innen diese Sitze ungern leer, da sie ja schon bezahlt sind. Man ließ also so viele Leute wie möglich in die Vorführungen, wobei übrige Karten auch gratis vergeben wurden. Es war wunderbar, das leuchtende Gesicht einer Teenagerin zu sehen, nachdem der Platzanweiser ihr eine übriggebliebene Karte zu dem Kinosaal geschenkt hatte, vor dem sie herumgestanden war. Bei der Berlinale hatte ich das Gefühl unter Menschen, nicht Konsument*innen zu sein, inmitten von Lächeln und Menschlichkeit, statt nur von Zeitplänen und Schlangen.

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