Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Mia Gallagher, Irland
David Bowie: Heroes

Mia Gallagher reflektiert bei David Bowies „Heroes“ über die Vergangenheit und Gegenwart Europas – und über die Möglichkeit von Heldentum heute.

Von Mia Gallagher

1984 machte ich mein „Leaving Cert”, das irische Pendant zum Abitur. Es war das Orwell-Jahr, das Jahr des realen Big Brothers, denn Reagan kam nach Irland. Ich hatte meine erste längere Beziehung und die Apokalypse war überall gegenwärtig. Wenn diese neue Krankheit AIDS uns nicht befiel, dann würde die Bombe uns treffen. Jeden Nachmittag beim Pauken hörte ich David Bowie. ‘Heroes’, ‘Low’  und ‘Station to Station’ sind die Alben, an die ich am meisten denke, wenn ich mich an diese heißen Tage voller Angst auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges erinnere. Hin und wieder stand ich von meinem Stuhl auf, tanzte und sang mit. Den Text habe ich oft missverstanden, bis ich mir letzte Woche ´Heroes` noch einmal angehört habe. Ich dachte , „die Sterne“ würden „über unseren Köpfen scheinen“ nicht „die Gewehre“, die da „schossen“.

‘Heroes’ zu hören, brachte mich irgendwie an einen höheren Ort, den ich noch heute schwer beschreiben kann. Es ist ein großartiges, blutendes Stück, das viele Ebenen berührt. Diese majestätischen Eröffnungsakkorde. Diese Liebenden – weniger Romeo und Julia, eher ein trostloses, trotziges Paar wie Heloise und Abelard –, die einen Kuss stehlen, bevor das Leben ihn ihnen stiehlt. Dieses zentrale Doppelbild – die Mauer und Berlin. Schmelztiegel und Bruchstelle des Europas meiner Jugend, Graben und Schlachtfeld, ein unwiderlegbares materielles Symbol für die geschundene Geschichte eines Kontinents – und seiner Modernität.
 



Ich habe ‘Heroes’ erst 1981, vier Jahre später, kennengelernt, aber es verbindet uns etwas, das bis zu seiner Entstehung zurückgeht. Im Juli 1977, als Bowie den Song in den Hansa-Studios in Berlin aufnahm, war ich ebenfalls in Deutschland, aber auf der anderen Seite der Mauer – bei meiner Großtante Eva an der Nordsee (muss Ostsee heißen!). Evas Schwester, meine Großmutter Lisa, hatte Deutschland in den 1930er-Jahren verlassen, um Roland, einen irischen Zahnarzt und ehemaligen Revolutionär zu heiraten. 1977 waren Jahre vergangen, seit Eva Lisas Familie gesehen hatte und deshalb beschlossen meine Eltern, mit uns in der DDR Ferien zu machen.

Man stelle sich vor: Bowie, der durch sein Studiofenster blickt, sieht den Produzenten Tony Visconti bei einem verbotenen Kuss mit einer deutschen Frau unter dem Schatten der Mauer und 250 Kilometer nördlich aalen meine Geschwister und ich sich ahnungslos im warmen Sand an der Küste bei Warnemünde. Meine Mutter würde Ostdeutschland als grau und angstvoll bezeichnen, aber ich denke immer in Technicolor-Farbfilm - blaues Meer, gelber Sand. Sonderbarkeiten fielen mir mit meinen zehn Jahren nicht weiter auf: Das nette Ehepaar, das in Evas Keller wohnte, wurde, wie ich später erfuhr, verlegt, als die DDR das Grundstück als Haus für staatlich zugelassene Ärzte beschlagnahmte. Und die Kamera, die Eva meinem Vater gab, musste er vor unserer Abreise benutzen, damit Eva nicht wegen Schmuggels strafrechtlich verfolgt werden konnte.

Eva starb Anfang der 80er-Jahre. Ende 1984, nachdem ich mein von den ‘Heroes’ musikalisch begleitetes Abitur beendet hatte, reiste ich wieder nach Deutschland; diesmal in den Westen. Ich arbeitete sechs Monate als Au-Pair, machte dann eine Interrailtour und verbrachte zehn Tage in West-Berlin. Ich erinnere mich, wie ich an der Mauer in der Nähe des Brandenburger Tors stand und beobachtete, wie patrouillierende Soldaten der DDR eine seltsame Polka über das Gras tanzten, um nicht auf versteckte Landminen zu treten. Als ich 1986 wiederkam, verbrachte ich zwei Nächte in Kreuzberg. Ich bin nie in den Osten gegangen, solange es noch die DDR gab. Habe ich das vergessen? Oder wollte ich einfach meine Erinnerungen als Farbfilm behalten?
Drei Jahre später war die Mauer gefallen. Ein Stück davon liegt gerade vor mir.

Though nothing, nothing will keep us together
We can beat them, forever and ever
Oh, we can be heroes just for one day
 
Ich verstehe oft etwas falsch. Im Text oben gibt es einen einzigen Gedanken: Sie werden uns niemals besiegen, denn wenn wir für einen Tag Helden sind, werden wir sie für immer schlagen. Aber genauso wie ich die schießenden Gewehre als scheinende Sterne gelesen hatte, dachte ich immer, dass ‘Oh’ ein ‘or’, also ein „oder“, war. Deshalb konnte ich den Text nie als vollen Triumpf hören. Für mich steckte etwas anderes darin: halb Wahl, halb Resignation. Wir würden sie gern für immer schlagen, aber wir können es wahrscheinlich nicht, also sollten wir uns stattdessen vielleicht mit einem Tag zufrieden geben. Mein Europa heute ist weniger unsicher als während meiner Jugend. Neue Gräben werden gezogen, neue Gewehre schießen. Zum 21. Jahrestag des nordirischen Friedensabkommens (Good Friday Peace Agreement) wurde in diesem Jahr die 29-jährige Journalistin Lyra McKee in Derry erschossen, einer Stadt an einer dieser Verwerfungslinien mit einer eigenen Mauer. In Zeiten, in denen die Insekten am Aussterben sind, wirkt das Wort „für immer" nebulöser denn je.

Verzeiht mir also, wenn ich bei meinem falschen Lesen bleibe, und mich statt auf die Ewigkeit auf einzelne Momente konzentriere – Greta Thunberg, die die Wahrheit gegenüber der Macht in den Mund nimmt, McKees Familie, die um Dialog und nicht um Vergeltung bittet - was mich vielleicht nur für einen Tag glauben lässt , dass Heldentum noch immer möglich ist.
 

Top