Esther Leslie


Esther Leslie © Esther Leslie Esther Leslie wuchs in London auf und war schon damals beeindruckt von ihrem anarchistischen deutschen Großvater. Durch die Nuffield-Sprachprogramme in Großbritannien in den 1970er Jahren hatte sie schon als Kind die Möglichkeit, Deutsch und Französisch zu lernen. Deutschland faszinierte sie durch seine Verbindung zu den beiden politischen Ideologien, die sie am meisten schätzte und verabscheute (Marxismus und Nationalsozialismus). Sie verbrachte ein Jahr in Stuttgart, bevor sie an der Sussex University in den 1980er Jahren Germanistik und ‚European Studies‘ studierte. Dank des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) konnte sie zwei Jahre in Berlin verbringen, wo sie ihr Studium mit einer Promotion über die Technik in Walter Benjamins Werken abschloss.
 
Leslie hat an Kunsthochschulen und verschiedenen Universitäten in Großbritannien gelehrt. Derzeit arbeitet sie als Professorin für politische Ästhetik an der Birkbeck University in London. Sie ist Autorin von verschiedenen Büchern und Artikeln über Walter Benjamin, Siegfried Kracauer und Theodor Adorno und schreibt über eine Vielzahl von unterschiedlichen Themen wie Animation, Comics und Filme oder die industrielle Produktion von Farben und Flüssigkristallen.
 

Drei Fragen an Esther Leslie

Warum sind Sie Übersetzerin geworden?
 
Angefangen habe ich als Übersetzerin bei einer kleine Zeitschrift namens Revolutionary History. Meine Eltern waren Redaktionsmitglieder und die Arbeit interessierte mich. Berichte von Trotzkisten an der Front im Spanischen Bürgerkrieg oder Willi Brandts frühe politische Berichte über den sozialistischen Aktivismus unter den Nazis waren einige meiner ersten Übersetzungen, gefolgt von der Korrespondenz zwischen Herbert Marcuse und Theodor Adorno über die Studentenrevolte der 1960er Jahre für New Left Review.
 
Als ich ein Buch von Georg Lukács übersetzte, realisierte ich, dass der beste Weg, die Gedanken eines Autors kennenzulernen, ist, diese Gedanken in eine andere Sprache zu überführen. Dabei ist man sowohl mit der Undurchdringlichkeit des Übersetzens konfrontiert als auch mit der Freude, etwas mit einer neuen Bedeutung in das Hier und Jetzt zu bringen. Da Walter Benjamin mich faszinierte, habe ich mich besonders an seinen Gedanken über das Übersetzen erfreut und darüber, was einige Methoden des Übersetzens dazu beitragen können, eine gemeinsame Basis zwischen Sprachen zugänglich zu machen. Gleichzeitig musste ich, wie auch Benjamin, feststellen, dass „jede Übersetzung eine nur annähernde und provisorische Art und Weise ist, um mit der Fremdartigkeit von Sprachen zurechtzukommen“.
 
 
Ich mag die Annäherung, die durch das Übersetzen erreicht wird. Damit bin ich erst vor kurzem konfrontiert gewesen, als ich Benjamins Essay über Fotografie übersetzt habe. Dabei habe ich bemerkt, wie meine Übersetzung von anderen bereits existierenden Übersetzungen abgewichen ist und wie diese Abweichungen durch alle möglichen Sachen zustande kamen – unter anderem durch persönlichen Geschmack, Missverständnisse und sich verändernde Begrifflichkeiten.
 
Ich habe bereits verschiedene Werke von Benjamin übersetzt und ich bin immer ganz aufgeregt, wenn ich seine Worte in meine eigenen verwandeln kann, während ich ebenso über die Lücken, die sich ergeben, erschrocken bin. Ich stelle mir selbst fordernde Aufgaben wie das Übersetzen von Wortspielen und sinnlosen Wörtern, die von seinem kleinen Sohn erfunden wurden, oder von seinem sich reimenden Witzekalender für Die literarische Welt.
 
An meiner letzten großen Übersetzung von Kurzgeschichten und anderen kleinen Stücken von Benjamin habe ich gemeinsam mit Sam Dolbear und Sebastian Truskolaski gearbeitet. Sebastian ist ein deutscher Muttersprachler und ich muss sagen, dass ich es genossen habe, verschiedene Muttersprachen in die Diskussionen einfließen zu lassen, und dass das Ergebnis ein besser überarbeitetes Produkt war. Dementsprechend war es ein viel längerer, aber lohnender Prozess, der auch viele neue Ideen für mein eigenes Schreiben erzeugt hat. Ebenso erfreulich war die Tatsache, dass wir Benjamins Werk nicht nur übersetzt, sondern auch aufbereitet und anderen eröffnet haben. Dabei waren wir in der Position, Benjamin durch unsere Entscheidungen beim Schreiben, durch unsere thematische Strukturierung der verschiedenen Werke und unsere Kommentare auf eine besondere Art und Weise darzustellen. Dadurch bekommt das Übersetzen etwas Kraftvolles auf diesem Wissensgebiet. Leider sind solche Möglichkeiten selten und glücklicherweise verdiene ich mein Geld auch auf eine andere Weise, also würde ich mich selbst nicht als hauptberufliche Übersetzerin betrachten.
 
 
 
Welches ist Ihr deutsches Lieblingsbuch und warum?

Das ist schwer zu beantworten. Es wäre eindeutig etwas von Benjamin, möglicherweise seine Werke über seine Kindheit oder sein Passagen-Werk, das es nur teilweise auf Deutsch gibt. Das Passagen-Werk ist ein Buch aus Büchern oder zumindest Fragmenten und lädt zu endlosem Grübeln ein. Ebenso gefällt mir auch Goethes Farbenlehre, weil ich das Werk als außergewöhnlich kühn schätze.
 
 
Gibt es ein Buch, das Sie unbedingt übersetzen wollen?

Ich würde gerne Hans Magnus Enzensbergers Der kurze Sommer der Anarchie: Buenaventura Durrutis Leben und Tod übersetzten. Ich habe es in der Universität gelesen, als ich 18 oder 19 war, und habe niemals jemanden gefunden, der es auch gelesen hat, sicherlich nicht unter meinen nicht deutschsprechenden Freunden. Es hat mir die Geschichte des Anarchismus und des spanischen Bürgerkrieges auf eine ganz neue Weise eröffnet und hat meine Sicht darüber, was ein Roman für mich sein sollte, komplett verändert. Ich habe es seit Jahrzehnten nicht mehr gelesen, aber wäre interessiert, zu sehen, wie es heute ankommen werden würde, denn gerade jetzt scheinen Fragen zum Anarchismus wieder einen Aufschwung zu erleben.
 


 

Auswahl an übersetzten Titeln

  • Georg Lukacs, A Defence of History and Class Consciousness: Tailism and the Dialectic, Verso, 2002
  • Walter Benjamin's Archive, Verso, 2007
  • Walter Benjamin, On Photography, Reaktion, 2015
  • Walter Benjamin, The Storyteller: Takes out of Loneliness, Verso, 2016