Januar 2019 Tschick: „Wie normale Menschen“

Book Cover: Why We Took the Car
Cover © Andersen Press

Seit seiner Veröffentlichung 1951 ist J. D. Salingers Roman Der Fänger im Roggen ein unumgängliches Jugendbuch – bis heute. Holden Caulfields Bericht von seiner impulsiven Reise nach New York spürt einem jugendlichen Gefühl von Verlust und Fremdheit nach – in einem Roman, der formgebend für die Entwicklung von Jugendliteratur werden sollte.

Tschick, ein Roman von Wolfgang Herrndorf, könnte fast als zeitgenössische Wiederauflage von Der Fänger im Roggen gelesen werden: Genau wie Holden blickt auch der 14-jährige Maik Klingenberg zurück auf eine vergangene Reise, unvermutet und initiiert durch Einsamkeit und Enttäuschung. Der Roman bekam viel Aufmerksamkeit, als er 2010 in Deutschland erschien – er erhielt mehrere Literaturpreise und es folgte eine Filmadaption von Fatih Akin im Jahr 2016.

Die Geschichte setzt mit dem Beginn der Sommerferien ein: Maiks Mutter fährt zur „Beautyfarm“, auch bekannt als Entzugsklinik, sein Vater geht auf angebliche Dienstreise – zusammen mit seiner hübschen jungen Assistentin. Maik bleibt alleine im schicken aber lieblosen Haus der Familie – und wird noch nicht einmal zu Tatianas Geburtstagsfeier eingeladen, auf die seine gesamte Klasse schon seit Wochen hinfiebert. Maik – einsam, frustriert, gelangweilt – freut sich nicht wirklich, als sein russischer Mitschüler Tschick bei ihm zuhause auftaucht, aber zögerlich freunden sich die Jungs langsam an. Gemeinsam entscheiden sie Urlaub zu machen „wie normale Menschen“ und machen sich auf den Weg in einem geklauten Lada „in die Walachei“. Wo genau das liegt, weiß niemand. Auf diesem Weg begegnen sie gastfreundlichen, manchmal recht merkwürdigen Fremden, schließen Freundschaft (oder mehr?) mit der Ausreißerin Isa vom Schrottplatz, und kommen immer wieder der Polizei gefährlich nah.

Maik teilt ein Stück weit Holdens zynische Weltanschauung („Je länger ich über diese Alten nachdachte, die da aus den Bussen rauskamen, desto mehr deprimierte es mich.“). Während jedoch das Erzähltempo von Der Fänger im Roggen durch Holdens Energielevel – seine Höhen und Tiefen – bestimmt wird, verläuft die Reise durch Tschick durchgängig mit hoher Drehzahl, belebt vom vielen Lachen und tiefgehenden Verbindungen zwischen den Charakteren. Die Freundschaft zwischen Maik und Tschick entwickelt sich von Gleichgültigkeit über Frustration bis hin zu einer unbedingten Loyalität, aber auch die überraschenden Begegnungen während der Reise tragen zum bejahenden Weltbild bei:

„Seit ich klein war, hatte mein Vater mir beigebracht, dass die Welt schlecht ist. Die Welt ist schlecht, und der Mensch ist auch schlecht. Trau keinem, geh nicht mit Fremden und so weiter. … Und vielleicht stimmt das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war. … Ich war jedenfalls so überrascht, dass ich nur noch so rumstotterte.“

Freundschaft, Verliebtsein und Abenteuer: Tschick versammelt alle nötigen Zutaten für eine gelungene Coming-of-Age Geschichte. Das Buch ist aber auch tolle Lektüre für alle (jung oder jung geblieben), die, ähnlich wie Holden, sich im dunklen Winter nach Wärme und Sommerstimmung sehnen.


Zurück zum Buchblog