Anton Wilhelm Amo
Eine transnationale Erinnerung

Latitude – Anton-Wilhelm-Amo-Straße in Berlin
Nach mehr als zwanzig Jahren Kampf erreicht die lokale Schwarze Community im März 2021, dass die M*Straße in Berlin-Mitte umbenannt wird. Deren neuer Name lautet Anton-Wilhelm-Amo-Straße. | © Andrea-Vicky Amankwaa-Birago

Initiativen und Wissenschaftler*innen in Deutschland, den USA, den Niederlanden und Ghana haben sich zur digitalen Plattform „Anton Wilhelm Amo Erbschaft“ zusammengeschlossen, um Anton Wilhelm Amo zu würdigen. Amo promovierte im 18. Jahrhundert als erster afrikanischer Philosoph in Europa und lehrte als erster nicht‑weißer Professor an deutschen Universitäten.

Während in der sogenannten Aufklärung die Gewaltfantasien von „Menschenrassen“ den Rassismus entstehen ließen und den europäischen Großmächten zur Legitimation der Sklaverei verhalfen, würdigte der in Ghana geborene Schwarze Philosophieprofessor Anton Wilhelm Amo (ca. 1703–1759) als einer von wenigen prominenten Gelehrten alle Menschen. Mit seiner Dissertation De iure Maurorum in Europa (Die Rechte der Afrikaner*innen in Europa) erklärte er nicht nur die Gültigkeit von Bürger*innenrechten für Schwarze Menschen, sondern auch das Recht auf freiwillige, selbstbestimmte Migrations- und Transformationsprozesse.
 
Obwohl Anton Wilhelm Amo selbst der Beweis ist, dass es auch nicht‑weiße Stimmen in europäischen Philosoph*innenkreisen gab, wurde er zum Ende seines Aufenthalts in Deutschland geächtet. Amo zweifelte die weiße Vorherrschaft an. Daraufhin „verschwand“ sein Werk. Er war nicht mehr willkommen und kehrte – wahrscheinlich unfreiwillig – zurück ins heutige Ghana. Damit wurde eine Art Schlussstrich unter die deutsche (prä-)nationale Erinnerungskultur gezogen: aus den Augen, aus dem Sinn – und somit aus dem Gedächtnis? Rückwirkend werden heute Verbrechen, rechtlich betrachtet, an einem moralischen, transnationalen Maßstab gemessen: den Menschenrechten. Diese wurden erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs festgelegt. Vorher bestanden weltweit keine Rechte für Afrikaner*innen, sich vor den zahlreichen Gewalttaten der Europäer*innen zu schützen oder dagegen zu wehren. Naheliegend wäre es heute, Amos Werk als sinnbildlichen Aufschrei „Black Lives Matter“ – auch in Europa – zu verstehen.

Was ist eine wahre Geschichte über Amo?

Amo dokumentierte für uns nicht nur die Rechtsgeschichte. Er selbst sagte: „Es reicht nicht, die Wahrheit zu sagen, wenn nicht auch die Ursache der Unwahrheit bestimmt wird.“ Was ist eine wahre Geschichte über Amo? In Niedersachsen, wo Amo den Großteil seiner Kindheit und Jugend verbrachte, gab es einige Afrikaner*innen zu seiner Zeit, die wie er verschleppt worden waren. Sie waren „Objekte“ unter ständiger Beobachtung. Von seinem „Eigentümer“ Anton Ulrich von Braunschweig zu Lüneburg‑Wolfenbüttel und dessen Sohn Wilhelm erhielt Amo seinen Vornamen „Anton Wilhelm“. Bei seinem Nachnamen Amo können wir nicht sicher sein, ob es sein wirklicher Familienname war oder ob er einfach so getauft wurde. Amo war dem White Saviourism ausgeliefert und musste für Tokenismus herhalten.

Kaum eine Spur von „Adoptivsohn“ Amo

Herzog August Wilhelm ist noch heute allgegenwärtig: Ihm wird in Wolfenbüttel und Braunschweig in der Bibliothek, mit einem Museum und mit Statuen gedacht. Von seinem „Adoptivsohn“ Amo hingegen existiert kaum eine Spur – nicht einmal ein Bild. Anders als in Jena (Thüringen) gibt es kein Schild an Amos Wohnhaus, das auf seine Existenz hinweist. Die Initiative Amo Braunschweig Postkolonial ist die einzige zum Thema postkoloniale Rundgänge deutschlandweit, die nach einem Afrikaner benannt ist und Amo auf diese Weise ein Denkmal setzt.

„Naheliegend wäre es heute, Amos Werk als sinnbildlichen Aufschrei „Black Lives Matter“ – auch in Europa – zu verstehen.“

2020 veranstaltete der Kunstverein Braunschweig erstmalig eine mehrdimensionale, mehrsprachige Ausstellung, einen temporären Erinnerungsort für Amo unter der Leitung des Co‑Kurators Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: The Faculty of Sensing – Thinking With, Through and by Anton Wilhelm Amo. Ähnliches verfolgt auch das fiktive, theatralische Symposium der Sahba Theaterproduktion Every Active Entity, das in Deutschland und Ghana aufgeführt wird. „Transnationale Perspektiven reizen mich“, sagt Theaterregisseur Felix Zeppenfeld dazu. „Die Begegnung Deutschland – Ghana ist eine Überschneidung der Denkräume. Und dennoch gibt es nicht eine Geschichte und somit auch nicht nur eine Erinnerung zu Amo, sondern mehrere. Diese Uneinigkeit ist auch was Gutes. Wie auch bei Shakespeare.“ Der künstlerische Leiter Sahba Sahebi ergänzt: „Es geht darum, die Stimme derer zu hören, die unterdrückt wurden. Amo ist einer von vielen. Seine Werke konnten ihre Wirkung nicht entfalten, wie sie sie hätten entfalten können. Aus politischer Perspektive ist es wichtig, dass er selbst der Erzähler ist.“

Besondere Art des Gedenkens

Am Ort des Höhepunkts von Amos Karriere, in Halle (Saale), ist die Erinnerungskultur an die Universität geknüpft, was europaweit einmalig ist. Die Rektoratskommission der Universität Halle‑Wittenberg hat sich dem Gedenken an Anton Wilhelm Amo gewidmet. Raja‑Léon Hamann ist sowohl dort als auch im Amo‑Bündnis Halle aktiv. Jan Schubert, ein weiteres Mitglied des Amo‑Bündnisses, pflichtet ihm bei, wenn Hamann sagt: „Erinnerung hat immer auch eine politische Bedeutung. Die Geschichte der Bronzeplastik des halleschen Bildhauers Gerhard Geyer mit dem Titel Freies Afrika am Universitätsplatz, die heute mit der Erinnerung an Amo verknüpft ist, sollte eigentlich des antikolonialen Weges Ghanas gedenken. Warum die Plastik dann doch hier geblieben ist und nicht nach Ghana versendet wurde, weiß man nicht so genau.“

„Während in der sogenannten Aufklärung die Gewaltphantasien von „Menschenrassen“ den Rassismus entstehen ließen und den europäischen Großmächten zur Legitimation der Sklaverei verhalfen, würdigte der in Ghana geborene Schwarze Philosophieprofessor Anton Wilhelm Amo (ca. 1703–1759) als einer von wenigen prominenten Gelehrten alle Menschen.“

In Halle gab es bereits in den 1960er‑Jahren die Idee, eine Straße nach Amo zu benennen. Dies ist Berlin nach einem Kampf der Schwarzen Community, der in den 1990ern bereits begann, jetzt gelungen. Es hat sich im Zuge dessen die Nachbarschaftsinitiative Anton‑Wilhelm‑Amo‑Straße gegründet. Mitglied und Wissenschaftlerin Adela Taleb sagt dazu: „Wenn wir uns vorstellen, gemeinsam mit Anton Wilhelm Amo durch Berlin-Mitte zu gehen, würden wir vielleicht mit seinen Augen andere Dinge sehen. Wir planen auch einen Amo Salon mit einem Dokumentationszentrum zu eröffnen. Es soll ein öffentlich zugänglicher, physischer Raum sein, in dem gemeinsame Reflexion zu Themen wie (...) Rassismus und Kolonialismus und deren Wirkmacht in der Gegenwart möglich ist.“

„Die Begegnung Deutschland – Ghana ist eine Überschneidung der Denkräume. Und dennoch gibt es nicht eine Geschichte und somit auch nicht nur eine Erinnerung zu Amo, sondern mehrere. Diese Uneinigkeit ist auch was Gutes.“

Theaterregisseur Felix Zeppenfeld

Die Nachricht über die Anton‑Wilhelm‑Amo‑Straße in Berlin erreichte auch Ghana: Dort sind an der Universität von Ghana erstmalig Amo-Vorlesungen geplant. Das transnationale und dialogische Gedenken hinsichtlich Amos Erbe wird endlich fortgesetzt. 
  • Latitude – Erste digitale Konferenz „Black Lives History Matters – auch in Niedersachsen“ mit dem Themenschwerpunkt Erinnerungskultur zu Anton Wilhelm Amo in Niedersachsen © Andrea-Vicky Amankwaa-Birago
    Erste digitale Konferenz „Black Lives History Matters – auch in Niedersachsen“ mit dem Themenschwerpunkt Erinnerungskultur zu Anton Wilhelm Amo in Niedersachsen
  • Anton-Wilhelm-Amo-Straße in Berlin © Andrea-Vicky Amankwaa-Birago
    Nach mehr als zwanzig Jahren Kampf erreicht die lokale Schwarze Community im März 2021, dass die M*Straße in Berlin-Mitte umbenannt wird. Deren neuer Name lautet Anton-Wilhelm-Amo-Straße.
  • Latitude – Die Stadt Jena hat am Wohnhaus des ersten Schwarzen Philosophen Anton Wilhelm Amo in der Jenergasse 9 eine Gedenktafel anbringen lassen. © Andrea-Vicky Amankwaa-Birago
    Die Stadt Jena hat am Wohnhaus des ersten Schwarzen Philosophen Anton Wilhelm Amo in der Jenergasse 9 eine Gedenktafel anbringen lassen.
  • Latitude – Eine Plakette vor dem Fachbereich Philosophie an der Universität von Ghana erinnert an die transnationale Geschichte Anton Wilhelm Amos an der Universität Halle-Wittenberg. © Andrea-Vicky Amankwaa-Birago
    Eine Plakette vor dem Fachbereich Philosophie an der Universität von Ghana erinnert an die transnationale Geschichte Anton Wilhelm Amos an der Universität Halle-Wittenberg.
  • Latitude – Die Statue „Freies Afrika“ des Bildhauers Gerhard Geyer in Halle © Andrea-Vicky Amankwaa-Birago
    Die Statue „Freies Afrika“ des Bildhauers Gerhard Geyer in Halle aus den 1960er-Jahren war ursprünglich als Geschenk der DDR an Ghana gedacht in Anerkennung der Vorreiterrolle des afrikanischen Staates im antikolonialen Kampf.
  • Latitude – Zum ersten Mal findet in Ghana 2021 eine mehrtägige Veranstaltung zu Anton Wilhelm Amo statt. © Andrea-Vicky Amankwaa-Birago
    Zum ersten Mal findet in Ghana 2021 eine mehrtägige Veranstaltung zu Anton Wilhelm Amo statt. Die Veranstalter*innen des ersten Arbeitstreffens: Professor Abena Oduro – Institutsleitung Maria Sibylla Merian Institute for Advanced Studies in Africa (MIASA) Ghana, Dr. Richmond Kwesi – Fachbereich Philosophie, Dr. Sarah F. Dorgbadzi – Fachbereich Theater, Andrea-Vicky Amankwaa-Birago – Initiatorin Anton Wilhelm Amo Erbschaft und Theaterproduktion Every Active Entity, Dr. Ekua Ekumah – Fachbereich Theater, William Nsuiban Gmayi – Ghana Monumental Museum Board an der University of Ghana, Sahba Sahebi – Theaterproduktion Every Active Entity, Viviane Boateng – Fachbereich Theater
  • Latitude – Arbeitsgruppen der Anton Wilhelm Amo Erbschaft in Deutschland © Han Le
    Arbeitsgruppen der Anton Wilhelm Amo Erbschaft in Deutschland
„Amo war stolz, Afrikaner zu sein und schrieb es überall hin: ‚Afer – der Afrikaner“, sagt die künstlerische Leitung des theatralen Symposiums der Sahba Theaterproduktion Every Active Entity, Dr. Ekua Ekumah. „Es ist so, als ob Amo spricht (...): ‚Mein Körper wird (...) verschwinden, doch mein Geist (...) wird bleiben.‘ Es wundert uns nicht, dass Amo ein starkes Selbstbewusstsein hatte.“ Ähnliche Gedanken finden sich auch in Amos philosophischer Abhandlung Das Leib‑Seele‑Problem.
 
Der erste Präsident Ghanas, Dr. Nkrumah, setzte sich bereits in den 1960er‑Jahren für eine transnationale Erinnerung an Amo ein: Nkrumah träumte von einer Anton‑Wilhelm‑Amo‑Stiftung, die es Ghanaer*innen ermöglichen sollte, in Deutschland über Amo zu forschen. Nach einem Putsch gegen die Nkrumah‑Regierung verschwanden sowohl diese Idee als auch die Geschichte Amos im ghanaischen Bildungssystem weitestgehend. In Shama, wo neben der Festung San Sebastian Amos Grab liegt, und auch in Axim, wo er geboren wurde, sind sich die Bürger*innen größtenteils gar nicht bewusst, wer Amo war und welche Bedeutung ihm zuteilwurde. In der Bibliothek Library of Africa and the African Diaspora in Legon wurde ein Raum geschaffen, der Menschen aus der afrikanischen Diaspora gedenkt –jedoch findet sich dort kein Buch über Amo.