Wole Soyinka bei einem Gespräch im Goethe-Institut

Soyinka, einer der größten Schriftsteller Afrikas und einfallsreichsten Verfechter der einheimischen Kultur, teilt seine Ansichten zu verschiedenen Themen mit einem ghanaischen Herausgeber 
 

Wole Soyinka bei einem Gespräch im Goethe-Institut
©Goethe-Institut Ghana/ John Owoo

Von John Owoo

Der nigerianische Wissenschaftler, Dramatiker, Dichter und Essayist Prof. Wole Soyinka erläuterte kürzlich vor einem Publikum des Goethe-Instituts die komplexen Fragen, die zur Entstehung seines zweiten Buches "Season of Anomy (Zeit der Gesetzlosigkeit- Übers. HF)" geführt haben.

In einem Gespräch mit dem ghanaischen Herausgeber Ivor Agyeman Duah über "A Season of Anomy - Covid 19 and the Creative Muse" sagte Prof. Soyinka, das Buch folge einer Periode ernsthafter ideologischer Ausrichtung, in der einige afrikanische Intellektuelle Lehrbücher aus dem Westen akzeptierten, während sie die Prinzipien des sozialen Wiederaufbaus ignorierten.

Der Literaturnobelpreisträger von 1986 bemerkte, dass diese Bücher von afrikanischen Intellektuellen "ohne wenn und aber" akzeptiert würden, ohne jeglichen Versuch, sie mit den materiellen Realitäten ihrer eigenen Gesellschaften in Beziehung zu setzen, obwohl sie angeblich auf materiellen Tatsachen beruhen sollten.

"Ich versuchte, aus den traditionellen sozialen Sitten Ideen zu gewinnen, die in einem zeitgenössischen Kontext in die Umwandlung von Gesellschaften einfließen könnten", sagte Soyinka, dessen 1974 erschienenes Buch "Season of Anomy" den Mythos von Orpheus und Eurydike heranzog, um den schrecklichen nigerianischen Bürgerkrieg zu untersuchen, der zwischen 1967 und 1970 zwei Millionen Menschen das Leben kostete.

  • Wole Soyinka bei einem Gespräch im Goethe-Institut © Goethe-Institut Ghana/ John Owoo
  • Wole Soyinka bei einem Gespräch im Goethe-Institut © Goethe-Institut Ghana/ John Owoo
  • Wole Soyinka bei einem Gespräch im Goethe-Institut © Goethe-Institut Ghana/ John Owoo
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"Es war eine sehr schwierige Zeit - auf der einen Seite bekämpfte man die ideologische Starrheit, indem man die eigenen Kollegen bekämpfte, auf der anderen Seite die monolithische Mentalität, die schließlich zu Ungeheuerlichkeiten führte wird, wie die Handlungen des äthiopischen Derg, dessen Vorstellung von Revolution entsetzlich morbid war", erklärte er.

In Bezug auf Diktatoren sagte Soyinka, es sei höchst lächerlich, wenn Menschen, die die Gesellschaft angeblich voranbringen wollten, ihre Feinde töten und erst dann zu wahren Revolutionären würden, wenn sie Menschen abschlachten und sie auf Statistiken reduzieren - eine Situation, die er als absurd bezeichnete.

Zu seiner Beziehung zu den Künsten erklärte der Aktivist, dass es Teil des Kampfes sei, als Kind inmitten reicher und farbenfroher Traditionen gelebt zu haben und stillschweigend die Plünderung afrikanischer Kunst und Artefakte zur Kenntnis zu nehmen, was seiner Ansicht nach Teil des Vorhabens war, die afrikanischen Gesellschaften zu entwürdigen und gleichzeitig das kolonial-imperiale ungleiche Verhältnis zu stärken.

"Mit dem Aufkommen des religiösen Fundamentalismus wurden unsere Kultur und Traditionen von Angehörigen unseres eigenen Volks verunglimpft. Sie waren unaufhaltsame Bilderstürmer - sie zerstörten Schreine, griffen traditionelle Prozessionen an und führten gewaltsame Bekehrungen durch", fügte der Achtzigjährige hinzu.

Den verstorbenen Afro-Beat-König Fela Anikulapo Kuti beschrieb er als Außenseiter und berichtete fasziniert von dessen Verwandlung in einen Panafrikanisten, während er sich an einen gemeinsamen Auftritt mit Kuti vor Jahrzehnten im Vereinigten Königreich zurückerinnerte.

Soyinka war schon immer ein scharfer Kritiker diktatorischer und tyrannischer Regime in Afrika. Tatsächlich beschäftigte er sich in seinen Schriften größtenteils mit unterdrückerischen Herrschern und zahlte auch einen hohen Preis für seinen Aktivismus. Während des Regimes des verstorbenen Generals Sani Abacha (1993 - 98) entkam Soyinka auf einem Motorrad aus Nigeria und wurde später in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Er war Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft (1975 bis 1999) an der Obafemi Awolowo University (Nigeria), an der Cornell University als Goldwin-Smith-Professor für Afrikastudien und Theaterkunst (1988 - 1991) und an der Emory University (beide in den USA), wo er 1996 zum Robert W. Woodruff-Professor der Künste ernannt wurde.

Soyinka war auch Professor für Kreatives Schreiben an der Universität von Nevada in Las Vegas, Stipendiat am Institut für Afroamerikanische Angelegenheiten der New York University und an der Loyola Marymount University (alle in den USA). Darüber hinaus lehrte er an den Universitäten von Oxford (UK), Harvard und Yale und war auch ein Distinguished Scholar in Residence an der Duke University (alle USA).

Im Dezember 2017 erhielt er den europäischen Theaterpreis in der Kategorie "Sonderpreis" für seinen Beitrag "zur Realisierung kultureller Veranstaltungen, die das Verständnis und den Wissensaustausch fördern“.

Das Programm wurde vom Rat für Auswärtige Beziehungen Ghana, dem Goethe-Institut, dem Writers Project of Ghana, e-Ananse und dem Vidya Bookshop organisiert.