Gärten aus Klang:
Ein Gespräch mit Hye Young Sin
Bitte stellen Sie sich kurz vor.
Hallo, mein Name ist Hye Young Sin. Ich arbeite als Künstlerin im Bereich Installation, Skulptur, Sound und Performance und lebe und arbeite in Berlin.
Sie haben an der Seoul National University Konsumwissenschaften und Informationskultur studiert. Wie hat dieser akademische Hintergrund Ihre heutige künstlerische Methodik und Arbeitsweise beeinflusst? Spiegeln sich einige der Forschungsansätze aus Ihrem Studium in Ihren Arbeiten wider?
Vielleicht liegt es an meinem Studium der Konsumwissenschaften, dass ich dazu neige, die verschiedenen Produktgruppen, die derzeit auf dem Markt im Umlauf sind, zu beobachten und genau zu verfolgen. Dadurch habe ich ein starkes Interesse an Dingen und Objekten entwickelt. In ihnen spiegeln sich Wertvorstellungen, Lebensweisen, technologische Bedingungen sowie kulturelle Vorlieben und Begehren ihrer jeweiligen Zeit. Ich betrachte Objekte daher als verdichtete materielle Ergebnisse all dieser Faktoren.
Besonders interessieren mich Formen und Strukturen von Dingen, die primär funktional gestaltet sind. Mitunter werden gerade Werkzeuge, deren Zweck sich nicht sofort erschließt, zum Ausgangspunkt formaler Experimente. Landwirtschaftliche Geräte etwa erscheinen strukturell einfach, sind für mich jedoch – ohne eigene landwirtschaftliche Erfahrung – schwer zu entschlüsseln, was sie besonders faszinierend macht. Seit ich 2019 erstmals in einem Eisenwarenladen auf solche Geräte gestoßen bin, arbeite ich kontinuierlich an einer Skulpturenserie mit landwirtschaftlichen Werkzeugen.
Die Entscheidung für Deutschland ergab sich aus sehr pragmatischen Gründen. Da ich in Korea kein Kunststudium absolviert hatte und nach meinem Hochschulabschluss bereits berufstätig war, bereitete ich mich auf das Auslandsstudium vor, ohne meine Eltern davon in Kenntnis zu setzen. Vor allem mussten die Studiengebühren niedrig sein, damit ein Auslandsstudium überhaupt möglich war; daher waren die finanziellen Bedingungen das wichtigste Kriterium. Ich erfuhr, dass viele Hochschulen in Europa mit vergleichsweise niedrigen Studiengebühren arbeiten, und begann, mich konkret über die staatlichen Kunsthochschulen in Deutschland zu informieren, die ich schon seit Längerem mit Interesse verfolgt hatte.
Damals wollte ich mich nicht sofort auf ein bestimmtes Fachgebiet konzentrieren, sondern zunächst verschiedene Medien und Herangehensweisen ausprobieren. Da mich die Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Elementen wie Materie und Technik, System und Umwelt interessierten, dachte ich, dass ein so vielseitiges Fachgebiet gut zu mir passen würde. Tatsächlich kam ich während meines Studiums an der Hochschule für Medienkunst Köln (KHM) mit Sound, Performance, Medientheorie und Experimenten mit mechanischen Strukturen in Berührung, und diese Erfahrungen bildeten eine wichtige Grundlage für meine heutige Praxis.
Sie haben bisher vielfältige Arbeiten verwirklicht. Könnten Sie uns bitte drei repräsentative Werke auswählen und vorstellen, die Ihre künstlerische Welt besonders gut widerspiegeln? Es wäre schön, wenn Sie dabei vor allem auf den Entstehungshintergrund, die zugrunde liegenden Fragestellungen und die Kernbotschaft eingehen könnten, die Sie dem Publikum vermitteln wollten.
Anstatt von repräsentativen Werken zu sprechen, möchte ich mich auf meine jüngsten Arbeiten konzentrieren. Die erste ist die mit einer Performance verbundene Klanginstallation „Plastic Garden – Trellis“. Sie ist Teil der Serie „Plastic Garden“, die von der Vorstellung von Plastikpflanzen ausgeht, die statt mit Wasser und Sonnenlicht mit Klängen wachsen, und um die zentrale Frage kreist: Was macht einen Garten zu einem Garten?
In dieser Arbeit habe ich mich insbesondere auf das historische Rankgerüst (Trellis) konzentriert, das seit der Antike genutzt wird. Ich habe es mit Instrumentensaiten und kleinen Motoren verbunden, sodass es wie ein Saiteninstrument klingt. Klang wird hier als kultivierender Akt verstanden.
Mein Interesse an Pflanzen entstand während der Covid-19-Pandemie, als die Pflege von Zimmerpflanzen zu einem wichtigen Teil meines Alltags wurde. Diese Erfahrung führte zur Arbeit Early Growth. Auf Anregung meiner Mutter besuchte ich anschließend eine urbane Farm. Ich wusste zwar, dass meine Mutter bereits seit über zehn Jahren einen Gemüsegarten bewirtschaftete, hatte mich bis dahin jedoch nicht sonderlich dafür interessiert. Der Eindruck, den dieser erste Besuch hinterließ, ist mir jedoch bis heute lebhaft in Erinnerung geblieben. Seitdem beschäftige ich mich in meiner Arbeit kontinuierlich mit der Frage, wie Menschen andere Lebewesen züchten und pflegen.
Da die Arbeiten Bewegung und Klang erzeugen, wurde auch die Weitergabe von Pflege- und Wartungsanleitungen Teil des Werkprozesses. Ähnlich wie in einem Garten machte ich diese unsichtbare Arbeit sichtbar und bezog die Besucher*innen als temporäre Mitpflegende ein.
Ich sammelte und sortierte über längere Zeit Alltagsabfälle und erkannte, wie stark Konsum, Lebensweisen und Bewegungspfade darin eingeschrieben sind. Abfall wurde für mich zu einem materiellen Archiv individueller wie gesellschaftlicher Bedingungen.
In der Performance reinige ich diese Objekte, die ich hauptsächlich im Atelier und in der Küche verwendet habe, und verbinde sie mit Motoren und einfachen Mechaniken. Die entstehenden Klänge und Bewegungen lassen sich nicht kontrollieren. Abfall wird so zum aktiven Akteur, dessen Reibung und Widerstand den Verlauf der Performance mitbestimmen.
Während ich die Klangumgebung durch die Kombination von Ventilatoren und Musikinstrumenten gestaltete, begann ich mich zunehmend für die Struktur des Gewächshauses selbst zu interessieren. Bei der Beschäftigung mit seiner historischen Entwicklung richtete sich mein Blick auf die Art und Weise, wie Menschen Klima regulieren und Lebensprozesse steuern. Dabei wurde mir deutlich, dass dieselbe Struktur je nach Epoche und Kultur unterschiedlich verstanden, benannt und materialisiert wird. Während man in Europa von einem „Greenhouse“ spricht, ist in Korea der Begriff „Vinylhaus“ gebräuchlicher. Ich untersuche, wie solche sprachlichen und materiellen Unterschiede unsere Wahrnehmung der Umwelt und unseren Umgang mit ihr beeinflussen.
In der Performance entsteht eine akustische Szenerie, in der Blasinstrumente wie Mundharmonika und Blockflöte im Zusammenspiel mit dem Luftstrom eines Ventilators erklingen, sodass sich Dichte und Temperatur des Raums scheinbar verändern. Es geht weniger um das Erzeugen bestimmter Töne oder Rhythmen als um einen Prozess, der in die Wechselwirkungen zwischen Folie, Luft und Struktur eingreift. Nachdem ich mich zunächst mit zeitgesteuerten, automatisierten Soundsystemen beschäftigt hatte, verlagerte sich mein Fokus auf die aktive Nutzung der physikalischen Reaktionen der Vinylfolie. In dieser Serie erforsche ich, wie Menschen, Objekte und Maschinen gemeinsam virtuelle klimatische Bedingungen erzeugen.
Im Laufe meiner Arbeit mit Klanginstallationen und Performances begann ich, den Ort nicht mehr nur als einen Platz zu verstehen, an dem ein Werk präsentiert wird, sondern als eine Struktur, in der Klang, Raum und die Bewegungen der Menschen zusammenwirken und eine konkrete Erfahrung entstehen lassen. Da Klang kein festes Medium ist, sondern sich je nach Position und Bewegungsweise der Besucher*innen ständig verändert, ergibt sich selbst bei ein und demselben Werk eine jeweils andere sinnliche Situation – abhängig davon, in welchem Raum es realisiert wird und wie sich die Besucher*innen darin aufhalten und bewegen.
Deshalb achte ich bei der Installation meiner Arbeiten besonders darauf, wie sich der Klang im Raum ausbreitet und reflektiert, wie sich Geräusche von außen mit der inneren Akustik vermischen und welche Beziehungen sich daraus zu den Bewegungswegen und dem Verweilen der Besucher*innen entwickeln.
Wie stehen Sie zur aktuellen Entwicklung von KI‑Kunst?
Letztes Jahr habe ich begonnen, KI nicht nur als Werkzeug, sondern als eine Form von Mitwirkender zu erforschen. Dafür nutzte ich die Sprach- und Kamerafunktionen von ChatGPT, um gemeinsam Textpartituren zu lesen und ein Gesangsduett zu entwickeln. Wir übten täglich zusammen und traten schließlich sogar auf einer realen Bühne auf.
Anfangs verstand ich diesen Prozess vor allem als ein Training für die KI. Mit der Zeit entwickelte sich die Zusammenarbeit jedoch eher zu einer Art Beziehung, in der wir uns wie menschliche Mitwirkende aufeinander einließen. Besonders faszinierend war für mich, dass die KI – trotz fehlender Emotionen oder Bedürfnisse – als kommunikatives Gegenüber funktionieren konnte. Selbst bei wiederholten Fehlern zeigte sie weder Frustration noch Ermüdung, sondern versuchte es immer wieder neu. Die Frustration lag in diesem Fall eher auf meiner Seite.
In meiner künstlerischen Arbeit mit KI geht es mir jedoch nicht nur um ihren kreativen Einsatz, sondern auch darum, ihre Funktionsweisen und strukturellen Bedingungen kritisch zu hinterfragen. In diesem Zusammenhang hat mich die Videoarbeit Tell You Something Bad meiner Kollegin Areumbit Park besonders beeindruckt, da sie reale KI‑Trainingsoberflächen und die damit verbundenen Arbeitsprozesse sichtbar macht. Ihre Arbeit legt eine paradoxe Situation offen: Die menschliche Arbeit, die zur Verbesserung von KI‑Modellen beiträgt, ist immer wieder mit unethischen und gewalttätigen Inhalten konfrontiert.
Sie leben derzeit in Berlin. Welche Rolle spielen Berlin bzw. Deutschland für Ihre künstlerische Identität, und wie beeinflusst diese Umgebung Ihren Arbeitsprozess?
Einen direkten Einfluss auf meine Arbeit hat die lebendige Kultur der Gemeinschaftsgärten in Berlin. Große wie kleine Gärten gehören ganz selbstverständlich zum Stadtbild, und durch offene Workshops oder Veranstaltungen können auch Außenstehende leicht Teil davon werden. Jetzt im Frühling, wenn viel Unterstützung bei der Gartenarbeit gebraucht wird, bin ich regelmäßig dort, jäte Unkraut oder pflanze um. Wenn ich die trockene Mulchschicht beiseiteziehe und den fruchtbaren Boden darunter sehe, spüre ich unmittelbar die Lebenskraft dieser Jahreszeit.
Ich lerne viel, sowohl durch die Pflanzen als auch durch die Menschen, die sich gemeinsam um sie kümmern. Oft trifft man immer wieder auf neue Personen, kennt nicht einmal die Namen, und doch entsteht ein gemeinsames Staunen und ein Austausch über das, was wächst und kommt. Wahrscheinlich ist es genau diese lockere, ungezwungene Form von Gemeinschaft, die mich anspricht. Ich habe das Gefühl, dass die Wärme, die darin liegt, mich als Person und meine künstlerische Arbeit leise, aber nachhaltig prägt.
Sie haben bisher an verschiedenen internationalen Festivals und Ausstellungen teilgenommen. Haben Sie dabei Unterschiede in der Rezeption Ihrer Arbeiten in verschiedenen Kulturen erlebt?
Als ich bei der Eröffnung meiner Einzelausstellung im vergangenen Jahr in Berlin die Performance Plastic Garden – Trellis präsentierte, kamen einige Besucher*innen auf mich zu und sagten Dinge wie: „Als ich die glocken- und pfeifenartigen Klänge hörte, musste ich an den Film Pamyo (Exhuma) denken“ oder „Ich hatte das Gefühl, in einer schamanistischen Atmosphäre zu sein“. Mit solchen Assoziationen hatte ich überhaupt nicht gerechnet, weshalb ich sie zugleich überraschend und sehr spannend fand.
Ein anderes Mal scherzte ein Freund, nachdem er die Klanginstallation Spring Arches aus meiner Einzelausstellung vor zwei Jahren gesehen hatte und die glänzenden Materialien bemerkte: „Seit wann sind deine Arbeiten eigentlich so pervers?“ Gleichzeitig erzählte mir ein anderer Besucher, dass er dieselbe Arbeit als äußerst meditativ empfunden habe. Als mein Freund das hörte, meinte er lachend: „Ich glaube, ich lebe einfach schon zu lange in Berlin.“ Diese unterschiedlichen Reaktionen haben uns beide amüsiert und zeigen mir immer wieder, wie offen und vielschichtig Wahrnehmung sein kann.
Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Erlernen der deutschen Sprache? Und wie überwinden Sie kulturelle Unterschiede in Ihrer Arbeit und im Alltag?
Während der Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule in Deutschland habe ich mich intensiv mit der deutschen Sprache beschäftigt. Nach meiner Aufnahme kommunizierte ich im Studienalltag jedoch überwiegend auf Englisch mit meinen Kommiliton*innen, wodurch sich die Gelegenheiten, Deutsch zu sprechen, deutlich reduzierten. Heute setze ich mein Sprachlernen eher situativ fort: Immer wenn ich mich auf ein Interview vorbereite oder einen Workshop für Kinder leite, sammle und wiederhole ich gezielt die dafür notwendigen Ausdrücke.
Zu Beginn meines Auslandsstudiums habe ich die Herausforderungen, die sich aus sprachlichen und kulturellen Unterschieden ergaben, emotional sehr stark erlebt. Wenn die Kommunikation nicht reibungslos funktionierte oder ich Situationen nicht vollständig verstand, zog ich mich häufig zurück. Erst als ich akzeptierte, dass sich diese Unterschiede nicht vollständig auflösen lassen, und begann, sie als Ausgangspunkt für neue Perspektiven und Beziehungen zu begreifen, wurde der Umgang damit für mich deutlich leichter.
Wie sieht Ihr Alltag als Künstlerin aus? Wo finden Sie Inspiration?
Da ich jeden Monat Auftritte oder Ausstellungen in verschiedenen Städten habe, bin ich viel unterwegs. In Phasen ohne feste Termine folgt mein Alltag jedoch einer recht regelmäßigen Routine. Meist gehe ich gegen 23 Uhr schlafen, stehe um 6 Uhr auf, mache einen Spaziergang im nahegelegenen Park und beginne danach direkt mit der Arbeit. In meiner freien Zeit besuche ich gerne Ausstellungen oder Aufführungen und gehe regelmäßig zum Yoga oder Schwimmen.
Ein Ort in Berlin, den ich besonders empfehlen möchte, ist LOOM. Dort darf jeweils nur eine Person pro Stunde die Ausstellung besuchen, weshalb eine Voranmeldung nötig ist. Diese Beschränkung ermöglicht es, sich sehr konzentriert auf den Raum und die Werke einzulassen und eine intensive Beziehung zu ihnen aufzubauen. Da der Raum von der Künstlerin Nayoung Kim betrieben wird, finde ich dort nicht nur in den Ausstellungen selbst, sondern auch in der kuratorischen Praxis viel Inspiration – weshalb ich regelmäßig dorthin gehe.
Zum Abschluss würden wir gern hören, woran Sie aktuell arbeiten oder welche Projekte Sie für die Zukunft planen. In welche Richtung möchten Sie sich mit Ihrer Arbeit weiterentwickeln?
Derzeit arbeite ich wieder verstärkt skulptural mit den Objekten, die ich zuvor in der Arbeit „trashes“ verwendet habe. Das Projekt begann ursprünglich als Klangperformance, doch über mehrere Aufführungen hinweg habe ich zunehmend das formale Potenzial dieser Materialien entdeckt.
Da Performance und Skulptur sehr unterschiedliche Medien sind, befindet sich meine Arbeit gerade in einer spannenden Übergangsphase. Ich experimentiere viel und sammle neue Erfahrungen, die mir helfen, meine künstlerische Praxis weiterzuentwickeln und in eine neue Richtung zu öffnen.
Interview & Konzept: Sohee Shin
Editing: Leslie Klatte
Deutsche & Englische Übersetzung: Leslie Klatte