ausgezeichnet lyrik
Wojciech Bonowicz

Eine Lyrik der Stille, der Ruhe, aber auch der Erfindungskraft

Es ist eine Lyrik der Stille, der Ruhe, aber auch der Erfindungskraft, die die vorgefundene Ordnung der Dinge und der Sprache immer wieder durchbricht. Bonowiczs Gedichte bringen den Leser aus dem Gleichgewicht, sie sind unbequem und unangenehm, jedoch niemals aufdringlich.

Nacht

Das Gedicht
verschließt dich zuerst in sich.
Es will nicht
dass du dich umsiehst suchend
nach anderen Wörtern
in anderen Gedichten.

(...)

Fünkchen

In dieser Einöde ist der letzte Bus
auch das letzte Licht. Der Himmel kommt selten durch
aber selbst dann – aus unerfindlichen Gründen –
spiegelt sich im nassen Gras nicht der Mond.
Im Dunkeln verschwinden die Straßen letztes Geflüster
versteckt sich in seiner Höhle. 

(...)

Montag

Um elf wacht sie auf. Ohne sich anzuziehen
steht sie auf steckt sich eine Zigarette an nackt
stellt sie sich ans Fenster. Die Hügel sind leer auf der Straße
ist niemand und niemand ist vors Haus gefahren.

(...)

Wojciech Bonowicz Foto: Anita Ponikło

Wojciech Bonowicz erzählt

Strom oder Leidenschaft – wie oder womit laden Sie Ihre Gedichte auf?
Ich lade sie überhaupt nicht auf. Sie laden mich auf. Natürlich hilft es beim Schreiben manchmal, andere Dichter zu lesen. Oder Musik zu hören. Auch Stille hilft. (...)

Bäume

Zwischen uns treten die Toten. Und wir
bilden uns ein sie hätten uns nicht vergessen.
Wir sagen: Oh sie sind zurück getrieben
von Sehnsucht. Indessen treten sie
zwischen uns wie zwischen Bäume.

Wojciech Bonowicz

Wojciech Bonowicz (1967) – Dichter, Autor von Kinderbüchern, Journalist, Redakteur, hat an der Krakauer Jagiellonen-Universität Polonistik studiert. Er erhielt zahlreiche Preise, unter anderem den Literaturpreis von Gdynia. (...)

Zimmer

Ich lege die Hand darüber ich mag nicht
wenn sie hereinkommen. Die Tür schließe ich nicht
aber es ärgert mich wenn sie hereinkommen ohne zu klopfen
 
wenn ich schreibe. Ich lege die Hand über das Blatt
ich will nicht dass sie mich sehen
ausgezogen (...)

Übersetzerin: Renate Schmidgall

Renate Schmidgall geb. 1955 in Heilbronn; Studium der Slawistik und Germanistik in Heidelberg. 1984-1996 Mitarbeiterin am Deutschen Polen-Institut Darmstadt. Seit 1996 freie Übersetzerin. (...)

Animation

Marcin Wojciechowski

Juni 2017
© Goethe-Institut Polen

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