ausgezeichnet lyrik
Nancy Hünger

Aus Laut und Luft gewoben

Hüngers Texte „bergen die Jahre vom Grund“, in ihnen liegt das Herz der Kehle dicht an und der Atem wölkt zu den Giebeln.

Hab Acht

Einen Freund zu haben der nichts von dir
weiß ist das beste für alle und mich und
dem Freund schleich ich nach seit Tagen
mein Junge mit den fahrigen Beinen umarmt
die Laternen wenn der Wind durch ihn will (...)

Musik von sanften Motoren

Das Ampellicht auf den Gesichtern ist
ein leises Gewitter rot und die Aufnahme
läuft rot glimmt der Schnee im Februar
rücken wir näher zusammen in unserer
Kiste aber nichts funktioniert das gehört
dazu wie das eisige Rauschen der Lüftung (...)

Der Abschied ist gemacht

wer weiß schon wie es sich ausnimmt
wenn es vorbei ist auch das Warten auf Züge
im Winter alles Ewige vorbei sind die Abschiede
nur einer noch ohne dich nimmt man es leichter

(...)

Nancy Hünger © Felix Wilhelm

Nancy Hünger erzählt

Löschen oder reparieren – ist ein misslungener Vers zu retten? 
Das Gedicht ist doch qua Existenz immer ein Rettungsversuch des Gedichts, eine beklagenswerte, aber notwendige Bemühung den Parametern, den Gesetzen jedes einzelnen Textes gerecht zu werden.
(...)

Bei Tisch

Wir lauschen nach innen und
werfen Münzen in den Schacht,
da nichts fällt und nichts klingt. 

Wie ausgeräumt wir sind. Wer weiß
wer spricht? Es war ein anderes Leben,
als wir unsere Zungen im Takt bewegten.  (...)

Nancy Hünger

Nancy Hünger, 1981 in Weimar geboren, lebt heute in Erfurt. Ihre Texte, Lyrik und Prosa, sind „aus Laut und Luft gewoben“ (Gisela Kraft); es sind bedeutungsoffene, fragile Gebilde, die an den Nervenenden des Lesers bengalische Feuer zünden. (...)

Zur ursprünglichen Einsamkeit

Sie hat Whisky im Koffer den Schlaf
und den Mut des: Du musst nicht,
denn du kannst wann immer.

Sie hat neun Zimmer und eines
ist allein für den langsamen Tod
ihrer tragödischen Fliegen.

(...)

Übersetzer: Tomasz Ososiński

Tomasz Ososiński, geb. 1975, Studium der Germanistik und der klassischen Philologie. Leiter der Abteilung Alte Drucke der Nationalbibliothek sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Linguistischen Hochschule in Warschau. (...)

Animation

Alicja Błaszczyńska (geb. 1991 in Łódź) ist Studentin der Filmhochschule in Łódź, Fakultät für Animation und Spezialeffekte. In ihren Filmen konzentriert sie sich auf die ausdrucksstarke Bildgestaltung und unkonventionelle Geschichten: absurd, ironisch und humorvoll. Ihre Produktionen wie "Pac!" (2012) oder "Łańcuszki" (2015) wurden auf Filmfestivals im In- und Ausland gezeigt.
Weitere Arbeiten
Oktober 2017
© Goethe-Institut Polska