The Visitor Begegnungen am Ende der Welt

Filmstill aus „The Visitor”
Filmstill aus „The Visitor” | © Pressematerial

Es kommt selten vor, dass ein Film den Charakter des Festivals und der uns umgebenden Wirklichkeit wahrheitsgetreu widerspiegelt. Die Kunst gelang Katarina Schröter mit ihrem Film The Visitor, der auf dem Internationalen Frauenfilmfestival in Köln gezeigt wurde.

Eine junge, weiße Frau spaziert durch die Straßen einer exotischen Stadt. Eine Touristin, eine Besucherin aus einer besseren Welt. Doch anstatt mit einem Stadtplan in der der Hand die Liste der Sehenswürdigkeiten abzuhaken, tut sie etwas Überraschendes: Sie verfolgt zufällige Passanten, weicht nicht von ihrer Seite und zwingt ihnen einen – überwiegend nonverbalen – Kontakt auf. Die eiserne Regel des Projekts lautet, dass die Frau vor der Kamera kein Wort sprechen darf. Ihre Zufallsbekanntschaften dürfen hingegen erzählen, soviel sie wollen. Es ist kaum zu glauben, dass dieser in seiner Einfachheit und Kompromisslosigkeit so geniale Film eine der interessantesten Gegenwartssynthesen liefert, die die internationale Kinematografie in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Katarina Schröters einfaches Experiment berührt eine Vielzahl von Phänomenen, die charakteristisch für unsere Gegenwart sind, und lässt gleichzeitig Spielraum für eigene Interpretationen. Versucht man sich trotzdem an einer Analyse der im Film behandelten Themen, könnte diese in etwa so aussehen:

Das GROSSSTÄDTISCHE

Die Handlung des Films spielt in drei Metropolen: São Paulo, Mumbai und Schanghai. Bereits diese Tatsache erscheint bedeutsam: Die gewaltigen Stadtagglomerationen sind ein Phänomen der vergangenen Jahrzehnte – zum ersten Mal in der Weltgeschichte leben mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Doch was noch gravierender ist, ist die Unifizierung dieser Städte. Auf den ersten Blick sehen sie alle gleich aus – nur die äußere Erscheinung der Menschen in den Straßen und die Aufschriften auf den Reklametafeln, Schaufenstern und Verkehrszeichen geben uns Hinweise auf ihre geografische Identität. Noch vor hundert Jahren wäre eine solche Situation undenkbar gewesen – niemand hätte eine indische mit einer lateinamerikanischen Stadt verwechselt. Heutzutage sieht nahezu jede größere Ansiedlung von Menschen identisch aus. Darüber hinaus produzieren die Großstädte zwei Phänomene, die eng miteinander verknüpft sind: extreme soziale Kontraste (einer der Helden des Films wohnt seit 15 Jahren in seinem Taxi) und totale Entfremdung – jeder ist auf sich allein gestellt.

Das WEIBLICHE

Man könnte die These wagen, dass das Projekt The Visitor überhaupt nicht zustande gekommen wäre, wenn sein Autor ein Mann gewesen wäre. Ein Mann, der einer unbekannten Frau – oder auch einem anderen Mann – hartnäckig auf Schritt und Tritt folgt, würde augenblicklich als Aggressor, als potenzieller Dieb oder Vergewaltiger wahrgenommen werden. Eine Frau, die sich auf diese Weise verhält, löst bei ihrem Gegenüber in erster Linie Verwirrung aus, bringt ihn aus dem Gleichgewicht. Und aus der Verwunderung entwickelt sich automatisch Neugierde und möglicherweise die Bereitschaft zum Kontakt. Andererseits nimmt die Weiblichkeit der Regisseurin im Film eine äußerst doppelbödige Form an. Katarina Schröter nimmt eine passive, reproduzierende Haltung ein: Sie folgt den Passanten, schweigt und ahmt immer wieder deren Gesten nach. Doch gleichzeitig verbirgt sich hinter diesem Verhalten die Andeutung eines Rollentauschs. Ein passiver, „folgsamer“ Verfolger kann jederzeit leicht die Kontrolle übernehmen.

Filmtrailer (Englisch)

Das UNIVERSELLE

Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass das zentrale Thema des Films die Magie der Begegnung mit einem anderen Menschen ist – selbst wenn – oder vielleicht gerade weil – es sich um einen nonverbalen Kontakt handelt. Ein Lächeln, eine Geste oder ein Blick haben in diesem Film die Wucht einer Explosion, die zu einer erschütternden Erkenntnis führt: Auch sehr enge Beziehungen können rein zufällig zustande kommen. In der ersten Klasse teilte uns unsere Lehrerin zufällig einen Banknachbarn oder eine Banknachbarin zu – und diese Person wurde automatisch unser bester Freund oder unsere beste Freundin. Hätten wir neben jemand anderem gesessen, wäre vielleicht jener andere unser bester Freund geworden. Jeder von uns kennt wahrscheinlich eine vergleichbare Situation aus seiner Kindheit, doch erst die Beobachtung dieses Prozesses auf der Leinwand, im Zeitraffer und gewissermaßen im Versuchsmodus, erzeugt eine so erschütternde Wirkung. Vor allem in Verbindung mit dem Gedanken, dass menschliche Nähe oder gar Intimität sich ebenso leicht aufbauen wie zerstören lässt.

Das CHARAKTERISTISCHE FÜR DEN ZEITGENÖSSISCHEN FILM

Auch in formaler Hinsicht ist The Visitor ein Zeichen unserer Zeit. Der Film verbindet die Gattungen des Dokumentar- und des Experimentalfilms – ein äußerst charakteristisches Phänomen der Kunst des 21. Jahrhunderts, in dem die Vermischung von Gattungen längst zum kinematografischen Alltag gehört. Man denke nur daran, dass dieses Jahrhundert bereits einen der verblüffendsten Genremixe überhaupt hervorgebracht hat: den animierten Dokumentarfilm, eine Mischung aus zwei theoretisch völlig entgegengesetzten Extremen der Filmkunst, die jedoch in der Praxis bestens miteinander harmonieren und sich gegenseitig ergänzen.

Das PRIVATE

Überdies ist The Visitor von einer außergewöhnlichen emotionalen Kraft. Es fällt schwer, ein anderes Filmkunstwerk der vergangenen Monate oder sogar Jahre zu nennen, das eine vergleichbare, mitunter schwer zu ertragende emotionale Dichte besitzt. Katarina Schröters Kamera dringt so sehr in den Bereich der psychischen Intimität ein (ein Eindruck, der durch die äußerst nahen, engen Einstellungen des Films noch verstärkt wird), dass sensiblere Zuschauer an manchen Stellen lieber den Blick abwenden. Was dem Film eine zusätzliche Intensität verleiht, ist die Mehrdeutigkeit dieser Intimität. Es ist schwer zu beurteilen, inwieweit die Beziehungen der Regisseurin zu ihren Gegenübern partnerschaftlich sind, ob es zu einer emotionalen Ausbeutung kommt und, wenn ja, welche Seite mehr darunter leidet. Und sind die flüchtigen Beziehungen, die wir auf der Leinwand erleben, nicht eine ausgezeichnete Metapher für menschliche Beziehungen überhaupt?
Die Autorin schweigt konsequent, sie lässt uns mit Fragen zurück, auf die wir selbst eine Antwort finden müssen, und mit einem Kunstwerk, das man bereits zu diesem Zeitpunkt als einen der interessantesten Filme des Jahres 2014 bezeichnen kann.

The Visitor
Regie: Katarina Schröter
Niederlande/ Deutschland/ Schweiz 2013/ 2014
74 Min.