Robert Henke Ein Renaissance-Mensch

Robert Henke
Robert Henke | © Robert Henke; Foto: Andreas Gockel

Früher musste man entweder eine besonders charismatische Persönlichkeit oder ein virtuoser Instrumentalist sein. Heute benötigt man eher Programmierkenntnisse und innovative Ideen. Robert Henke hat die elektronische Musik mit seinem Programm Ableton Live in das 21. Jahrhundert geführt – jetzt geht er einen Schritt weiter und realisiert moderne Installationen und Performances.

„Nach über 25 Jahren Musikmachen habe ich das Gefühl, dass meine Möglichkeiten, etwas Neues zu schaffen, begrenzt sind. Das, was ich heute an Musik mache, ist schön und gut, und ich sehe darin eine persönliche Weiterentwicklung. Aber in globaler Hinsicht ist es nicht wirklich spektakulär oder innovativ“, erklärt Robert Henke, Mitbegründer der Gruppe Monolake und einer der ursprünglichen Entwickler der innovativen Musiksoftware Ableton Live. „Die Arbeit mit Lasern gibt mir ein völlig anderes Gefühl. Ich mache Dinge, die auch für mich völlig neu sind. Im Bereich der Verbindung von Lasershow und Musik hat niemand so viel erreicht wie ich“, argumentiert der Künstler.

Vor drei Jahren begann Henke an einer speziellen Lasercontrol-Software zu arbeiten, die er zunächst in der Installation Fragile Territories verwendete und später für die Performance Lumière weiterentwickelte. Lumière feierte seine Premiere auf dem Krakauer Unsound Festival 2013 und wurde anschließend unter anderem auf dem CTM Festival in Berlin und im Londoner Barbican Centre präsentiert. Nach 18 Vorstellungen zeigte Henke sich jedoch unzufrieden mit den bisherigen Effekten und begann das Projekt von Neuem. Lumière II.0 soll Mitte Februar 2015 im Centre Pompidou Premiere feiern.


Fragile Territories von Robert Henke, 2012; Quelle: Vimeo.

Ein Kindheitstraum

Obwohl es nur noch zwei Monate bis zur Premiere in Paris sind, hat Robert Henke noch keine konkrete Idee, wie die Performance genau aussehen soll. Zurzeit arbeitet er in aller Ruhe in seinem Studio in Berlin-Kreuzberg, wo er neues Material mit seiner Formation Monolake einspielt und Änderungen an Lumière II.0 vornimmt. „Ein Laser-Generator ist genauso ein Instrument wie ein Synthesizer, nur dass er Bilder erzeugt. Ich habe ihn selbst gebaut und sehr viel Arbeit hineingesteckt. Jetzt bin ich zufrieden damit, wie er funktioniert, und muss lernen auf ihm zu komponieren“, erklärt Henke. Der Künstler hatte die Gelegenheit, seinen Laser-Generator in zahlreichen Clubs und Hallen zu testen. Er nahm Veränderungen an der Technik vor und versuchte eine spontane Verbindung zwischen Bildern und Tönen herzustellen. In der Neuauflage seines Projekts setzt Henke stärker auf Komposition als auf Improvisation. Das Publikum soll die Vorstellung – wie im Kino – im Sitzen verfolgen, doch es wird keine Surround-Effekte geben, damit die Zuhörer nicht unnötig abgelenkt werden. Die verbesserte Software ermöglicht es Henke, mit vier Lasern noch kompliziertere und sich rascher verändernde Figuren zu erzeugen. Auch die Musik wird sich passend zu den Bildern dynamisch verändern. „Das wird ein echtes Laser-Orchester“, kündigt der Künstler an.

Henkes Faszination für Laser reicht bis in seine Kindheit in den Siebzigerjahren zurück: „Ich stamme aus einer Familie von Ingenieuren, die für die Siemens-Werke in München arbeiteten. Ich hatte schon immer eine Verbindung zur Technik und wurde an Tagen der offenen Tür in Hochschulen und Laboratorien mitgenommen. Damals kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit Lasern und begann mich für ihre Eigenschaften zu interessieren“, erinnert er sich. In den folgenden Jahren waren Laser jedoch zu teuer und zu wenig verbreitet, um wirklich mit ihnen zu arbeiten. Gleichzeitig waren ihre Möglichkeiten im Vergleich mit Bildschirmen und Projektoren sehr begrenzt: Sie waren unpräziser und schwieriger zu bedienen. Henke sah sich viele kommerzielle Laser-Shows an, die, wie er selbst sagt, schrecklich kitschig waren. Andererseits war er sehr beeindruckt von den Performances von Edwin van der Heide und Robin Fox, obwohl er das Gefühl hatte, dass mit einer besseren Lasercontrol-Software noch interessantere Effekte möglich seien. „Ich denke, dass es in der Kunst vor allem darum geht, an die Grenzen des Möglichen zu gehen, Hindernisse zu überwinden und etwas völlig Neues zu erschaffen“, erklärt er. Zunächst wollte Henke ein Team von Programmierern einstellen. Als er jedoch niemanden fand, der sich besser auskannte als er, beschloss er, alles selbst in die Hand zu nehmen.

Erwachsenes Denken

Der Mitbegründer von Monolake ist eine faszinierende Mischung aus Computer-Nerd und Techno-Fan, akribischem Wissenschaftler und abstrakt denkendem Künstler, ernsthaftem Intellektuellen und Science-Fiction-angehauchtem Visionär. Sein Kopf ist kahl geschoren, er trägt Ohrringe und eine Brille, zu unserem Gespräch erscheint er in einem schwarzen T-Shirt mit dem Live-Logo und einem Ableton-Firmenhemd. Auf die Frage nach seinen frühen musikalischen Vorlieben nennt er Jean-Michel Jarre und Tangerine Dream sowie Depeche Mode, Yello und die Pet Shop Boys. Unter ihrem Einfluss kaufte er sich schließlich seinen ersten Synthesizer. In den Neunzigerjahren zog Robert Henke nach Berlin. Er studierte zunächst Informatik und Kommunikationswissenschaften an der Technischen Hochschule, wechselte jedoch bald darauf an die Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg, um ein Studium der Tongestaltung aufzunehmen. „Ich lebte damals in zwei unterschiedlichen Welten. Im Studio für Elektronische Musik lernte ich die Klassiker der Neuen Musik und avantgardistische Computerkompositionen, unter anderem von John Chowning, kennen. Und abends traf ich mich mit Freunden im Tresor – dort wurde Techno gespielt, die Luft war stickig, die Stroboskoplichter blinkten und alles war voller Rauch“, erzählt Henke. Er erinnert sich auch an das Elektro in der Invalidenstraße (das spätere Panasonic), in dem sich die damalige Berliner Elektro-Szene traf.

„Monolake hat eine ähnliche Geschichte wie viele andere Bands auch“, erklärt der Musiker. „Ich hatte Gerhard Behles kennengelernt, der aus München nach Berlin gekommen war, um zu studieren. Wir hatten ähnliche Interessen und begannen, gemeinsam Musik zu machen. Die Szene war damals noch klein, wir gingen oft ins Hard Wax. Schließlich gab uns jemand den Rat, unsere Stücke an das Label Chain Reaction zu schicken. Die haben dann unsere erste Single veröffentlicht. Dann wurde Berlin vom Techno-Fieber erfasst, und die Dinge nahmen ihren Lauf. Wäre unsere Platte damals nicht erschienen, wäre auch nichts weiter passiert“, erzählt der Künstler. Henke arbeitete damals als Mastering Engineer für das Studio Dubplates & Mastering. Als Behles Native Instruments verließ, um seine eigene Firma Ableton zu gründen, stieß Henke zu seinem Programmiererteam dazu. Gemeinsam entwickelten sie den innovativen Software-Sequenzer Ableton Live. „Als wir das Programm das erste Mal öffentlich vorstellten, tippten sich die Leute an die Stirn. Sie fragten uns, wer sich wohl mit einem Laptop auf die Bühne stellen würde. Kurz darauf wurden wir zum wichtigsten Hersteller von Musiksoftware. Wir haben die Art und Weise, wie Musik komponiert und produziert wird, nachhaltig verändert“, betont der Künstler. Während der folgenden fast zehn Jahre konnte Henke die Software als professioneller Musiker selbst testen und verbessern. Während Behles bald darauf Monolake verließ, um sich auf seine Firma zu konzentrieren, gab Henke schließlich vor fünf Jahren seinen Job bei Ableton auf, um sich ganz der Kunst zu widmen.

Eine konkrete Vision

„Meine Mutter ist selbstverständlich stolz auf mich, auch wenn sie es lieber sehen würde, wenn ich einen festen Job hätte“, erklärt der heute 45-Jährige Henke. Nach seinem Abschied von Ableton realisierte er zahlreiche Mehrkanal-Installationen und audiovisuelle Performances, für die er unter anderem einen selbst konstruierten MIDI-Controller und eine eigene Max-for-Live-Anwendung verwendete. „Ich biete den Zuhörern ein Klangerlebnis, wie sie es zuhause selbst mit der besten Anlage und auf keinem anderen Konzert erleben“, erklärt der Künstler. „Dank meiner Technik bin ich in der Lage, wirklich live zu spielen, meine Musik dem Publikum und dem Veranstaltungsort anzupassen. Ich beschäftige mich auch mit dem Thema Akusmatik und dreidimensionalen Klangfeldern.“ Robert Henke trat bereits auf den Festivals MUTEK und CTM auf, war Teilnehmer der Red Bull Music Academy und hielt Vorlesungen an der Universität der Künste in Berlin, der Stanford University in Kalifornien, im STEIM (Studio for Electro Instrumental Music) in Amsterdam und im IRCAM (Institut de Recherche et Coordination Acoustique/ Musique) in Paris. „Ich lebe erst seit zwei Jahren von der Musik, vorher war das unmöglich“, erklärt er. „Man muss aber dazusagen, dass ich mir ohne die Einkünfte aus Ableton ein Projekt wie Lumière gar nicht leisten könnte. Die Kosten eines solchen Projekts sind deutlich höher als die Einnahmen. Für mich geht es in der Kunst jedoch vor allem darum, die eigenen Visionen zu verwirklichen.“