Übersetzer im Gespräch Iwona Uberman

Iwona Uberman
Iwona Uberman | Foto: privat

„Ich übersetze vor allem und am liebsten Theaterstücke. (...) Ich wähle gerne Texte mit sehr ernster Problematik: die Ausbeutung der Dritten Welt; Globalisierung; die Arroganz des reichen Europas gegenüber anderen Regionen der Welt, die noch nicht über so hochentwickelte Technik verfügen; die Abrechnung mit der Vergangenheit.“

Wie wurden Sie Übersetzerin?

Ich weiß nicht, ob ich das wirklich erzählen soll... Mein erstes „Werk“ war die Übersetzung einer Erzählung von Mrożek. Ins Russische. Das war in der zweiten oder dritten Klasse im Lyzeum, kurz vor Ende des Halbjahres. Bis dahin hatte ich im Fach Russisch nur wenige Noten für meine mündlichen Leistungen bekommen. Ich musste also damit rechnen, dass ich bald aufgerufen werden würde, um etwas vorzutragen, und ich wollte mich darauf vorbereiten. Üblicherweise hat man bei so einem Vortrag, den im Unterricht zuletzt gelesenen Text nacherzählt und ich kann mich erinnern, dass es sich damals um ein Fragment mit dem Titel Wie Lenin ein Dekret über die Aufteilung des Grund und Bodens schrieb handelte. Bei uns zu Hause lagen oft die Ausgaben des Magazins für zeitgenössische Dramatik DIALOG herum und in einer von ihnen hatte ich irgendwann eine kurze Erzählung von Mrożek gelesen - über Rohre. Sie war hervorragend und ich beschloss, statt des Fragments über Lenin, eben diese Erzählung vorzutragen. Allerdings wurde mir schnell klar, dass wenn ich sie mit meinen eigenen Worten auf Russisch nacherzählen wollte, sie längst nicht mehr so witzig klingen würde. Deshalb übersetzte ich Satz für Satz und lernte alles auswendig. Natürlich war es von da bis zur literarischen Übersetzung aus dem Deutschen noch ein langer Weg, aber schon damals ging es mir um dasselbe, um das es mir auch heute geht: Einen Text, der mir gefällt, mit anderen zu teilen. Es ging um die Wiedergabe von Sätzen in einer anderen Sprache.

Welche Rolle erfüllt der Übersetzer bei der Vermittlung zwischen den Kulturen?

Ohne seine Arbeit wäre kaum etwas möglich.

Welche sprachlichen Schwierigkeiten haben Sie beim Übersetzen schon einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht?

Da gab es eine Figur in einem Theaterstück: einen Physikprofessor. Er ist ein Theoretiker und Perfektionist, der die Gewohnheit hat, lange und komplizierte Vorträge und Monologe von sich zu geben. Dazu ist er gerade Patient in einer psychiatrischen Klinik, wo er bei einer therapeutischen Sitzung in seinem Erzählen abschweift und, physikalische Gesetze einflechtend, das Thema umkreist, um zu erklären, worauf der Defekt des Brausekopfs seiner Dusche beruht, die durch eins der achtundsechzig Düsen im Duschkopf den Wasserstrahl nicht in die vorgesehene Richtung streut. Dabei versucht er auch noch darzulegen, warum diese Sache für ihn so wichtig ist. Der Professor gestaltet seinen Bericht so kompliziert wie nur möglich, er weicht aus und ab, weil er einfach nicht zugeben will, dass er sich an seiner empfindlichsten Stelle verbrüht hat. Abstrahlwinkel, Streuwinkel, erhöhter Druck, Strömungsgesetze, folgenlose Neigungen, Wasserfördermenge bei verändertem Durchmesser... Trotzdem mag ich dieses Stück sehr. Es kann aber sein, dass ich an der Übersetzung dieses Fragments noch etwas ändern werde. Der Vorteil bei Theaterstücken ist, dass sie oft nicht gleich gedruckt werden.

Wonach richten Sie sich bei der Auswahl von Texten, die Sie übersetzen?

Ich übersetze vor allem und am liebsten Theaterstücke. Viele zeitgenössische, die in der letzten Zeit entstanden sind. Das sind Werke, von denen ich begeistert bin, wenn ich sie auf der Bühne sehe, wie Oliver Klucks Warteraum Zukunft. Oder bei denen es mich interessiert, wie ein Dramatiker ein Thema darstellt; zum Beispiel das Bild unserer heutigen Arbeitswelt in Sibylle Bergs Hauptsache Arbeit oder in Die Firma dankt von Lutz Hübner. Ich wähle auch gerne Texte mit sehr ernster Problematik: die Ausbeutung der Dritten Welt; Globalisierung; die Arroganz des reichen Europas gegenüber anderen Regionen der Welt, die noch nicht über so hochentwickelte Technik verfügen; die Abrechnung mit der Vergangenheit. Gerade versuche ich einige Theater für drei sehr interessante Stücke mit solchen Themen zu gewinnen. Außerdem übersetze ich gerne Dramen, an denen es in Polen fehlt, zum Beispiel Werke Schweizer Autoren, wie die von Lukas Bärfuss, der nicht nur in der Schweiz sondern im ganzen deutschsprachigen Raum ein überaus wichtiger Dramatiker ist. Oder Texte, die sich durch eine innovative oder experimentelle Form auszeichnen. Dazu gehören die Stücke von dem bereits erwähnten Oliver Kluck, besonders Das Prinzip Meese.

Welche Rolle spielt für Sie das Gespräch mit dem Autor bei Ihrer Arbeit?

Eine sehr wichtige. Mitunter dient es dazu, mich zu vergewissern, ob ich auch alles richtig verstanden habe. Bei Lukas Bärfuss sind das manchmal einzelne Wörter und Ausdrücke in Schweizerdeutsch und manchmal die verdrehten Wortspiele. Meine Gespräche mit Oliver Kluck dagegen, kann man vielleicht am besten beschreiben, indem man George Tabori zitiert: „Ich habe dir eine einfache Frage gestellt, auf die ich eine einfache Antwort erwarte und nicht die Sage der Nibelungen“. Diese „Sagen“, mit denen mich Kluck überhäufte, ermöglichten es mir, den Subtext, der die besondere Stimmung von Das Prinzip Meese ausmacht, herauszuspüren. Dadurch gelang es mir wahrscheinlich, diesen Subtext auch in der polnischen Übersetzung wiederzugeben, was mich das Feedback der Redaktion von DIALOG und die Reaktionen mancher Leser annehmen lassen.

Empfinden Sie Ihre Arbeit als eine künstlerische Tätigkeit und Ihre Übersetzungen als für sich stehende literarische Werke?

Es ist bestimmt eine kreative Arbeit. Die Grenze zu einer künstlerischen Tätigkeit ist manchmal fließend. Eine ähnliche Frage kann man bei der Schauspielkunst stellen: Ist ein Schauspieler Schöpfer seiner Figur oder lediglich deren Darsteller? Und ist es künstlerische Arbeit, wenn er eine kleine Nebenrolle in einem Fernsehkrimi spielt? Sicher ist, dass sich eine Prosaübersetzung von der Übersetzung eines Theaterstücks sehr unterscheidet. Manchmal kann man ein hervorragender Übersetzer von Prosa sein, doch kein besonders guter von Theaterstücken, und umgekehrt. Ein Drama, das ist gesprochene Sprache und ein ganz anderes literarisches Werk als die übliche Prosa, wobei nicht nur der Aspekt des Hörens oder Rezitierens wichtig ist, aber auch die Verbindung der Sprache mit den Gesten, mit der Bewegung auf der Bühne, mit dem Theaterraum und der Handlung... Es gibt zwar schon lange „Lesedramen“, doch das sind keine Prosawerke. Allerdings kann das heutige Drama in seiner Form bis zum Verwechseln Prosa und Lyrik ähneln, eine Collage sein, sich der Umgangssprache bedienen... Die Grenzen sind also nicht nur bezüglich einer künstlerischen Tätigkeit oder eines eigenständigen Kunstwerks fließend.

Können Sie vom Übersetzen leben?

Wenn ich nach Indien umziehen würde – schon möglich.

Übersetzte Theaterstücke:

  • Oliver Kluck, Das Prinzip Meese
  • Oliver Kluck, Warteraum Zukunft
  • Sybille Berg, Hauptsache Arbeit
  • Lutz Hübner, Die Firma dankt
  • Lukas Bärfuss, Zwanzigtausend Seiten“