Versuchssiedlung Was ist WuWa?

Ein Reihenhaus in der WuWa-Siedlung
Ein Reihenhaus in der WuWa-Siedlung | © Sławomir Milejski, Quelle; Wikimedia Commons

Sie befreiten uns von dunklen, stickigen Räumen und überladenen Fassaden. Die Architekten der Breslauer Avantgarde setzten – bereits vor der Gründung des legendären Bauhauses – neue Maßstäbe in der Architektur. Ihr Pionierprojekt, die Siedlung WuWa, kann jederzeit in Breslau besichtigt werden.

Warum tun wir es dann so selten. Was ist WuWa überhaupt? Ein Theater, ein Café, ein Einkaufszentrum, ein Hotel? Diese Vermutungen äußerten 203 von 230 zufällig befragten Personen vor der Breslauer Jahrhunderthalle und im nahe gelegenen Stadtteil Sępolno im Rahmen einer Umfrage, die von Dr. Jadwiga Urbaniak und Dr. Grażyna Hryncewicz-Lamber, den Autorinnen des Buches Die Werkbund-Ausstellung in Breslau. Wohnung und Werkraum durchgeführt wurde.

Dass weder Einheimische noch Touristen besonders viel über die Siedlung WuWa wissen, ist äußerst schade, denn dieses relativ kleine Wohngebiet, das heute von den Straßen Ul. Wróblewskiego, Ul. Tramwajowa, Ul. Dembowskiego, Ul. Zielonego Dębu und Ul. Kopernika begrenzt wird, spielte eine besondere Rolle in der Entwicklung der modernen Architektur in Europa.

Kunst und Nutzen

Die Versuchssiedlung WuWa war ein Teil der 1929 in Breslau gezeigten Werkbundausstellung Wohnung und Werkraum – neben einer großen Ausstellung auf dem Gelände in und um die Jahrhunderthalle. Das gesamte Projekt wurde von der schlesischen Abteilung des Deutschen Werkbundes organisiert, der 1907 in München gegründet worden war. Das wichtigste Ziel der Architekten des Werkbundes war die Linderung der Wohnungsnot. Nach Schätzungen von Dr. Jadwiga Urbaniak fehlten in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg etwa 900.000 Wohnungen, und Breslau zählte zu den am dichtesten bevölkerten deutschen Städten.

Vor dem Ersten Weltkrieg war die „Wohnungsfrage“ kein Gegenstand der öffentlichen Debatte, ebenso wenig wie die Frage nach den Lebensbedingungen der ärmeren Stadtbewohnter. Die Städte des 19. Jahrhunderts bestanden überwiegend aus hohen, engen Wohnhäusern mit dunklen, schlecht belüfteten Räumen. Die hygienischen Bedingungen in diesen Wohnungen begünstigen die Ausbreitung von Krankheiten. Die Architekten des Werkbundes beschlossen, diese Situation zu ändern. „Mehr Inhalt und weniger Kunst“ – diese Äußerung von Hermann Muthesius, einem Mitbegründer des Werkbundes, wurde zum Leitspruch der Bewegung. Der Werkbund entwickelte ein Programm für den Bau kleiner und preiswerter Wohnungen. Die Gruppe führte den Begriff „Existenzminimum“ in die Architektur ein: Das Ziel war die Minimierung und Optimierung des Wohnraums.

Die Breslauer Architektur-Avantgarde

Die Entscheidung für Breslau als Standort erfolgte nicht nur aufgrund der dort herrschenden Wohnungsnot. In der niederschlesischen Hauptstadt gab es gleich zwei wichtige Kunst- und Handwerksschulen: Städtische Handwerker- und Kunstgewerbe-Schule sowie die Staatliche Akademie für Kunst und Kunstgewerbe, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg (also noch vor der Gründung des berühmten Bauhauses) für ihre fortschrittlichen Lehrpläne und ihre Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Ideen bekannt waren. Aus diesen beiden Schulen ging in den Zwanziger- und Dreißigerjahren die Breslauer Architektur-Avantgarde hervor, der auch die elf Architekten der Siedlung WuWa angehörten: Hans Scharoun, Albert Kempter, Adolf Rading, Theodor Effenberger, Ludwig Moshamer, Moritz Hadda, Emil Lange, Heinrich Lauterbach, Paul Heim, Gustav Wolf und Paul Häusler.

Der Bau der Siedlung dauerte lediglich drei Monate. In der Nähe der Jahrhunderthalle entstanden 32 Gebäude: Mehrfamilienhäuser unterschiedlicher Bauweise (unter anderem Reihenhäuser), Ein- und Zweifamilienhäuser, ein Kindergarten sowie ein Ledigenheim für Alleinstehende und kinderlose Paare. Die Pläne der Architekten umfassten auch die Gestaltung der Grünflächen. Die Siedlung WuWa war eine von sechs Mustersiedlungen in Europa, weitere entstanden in Stuttgart (1927), Brünn (1928), Zürich (1931), Wien und Prag (1932). Die Breslauer Siedlung gilt als die am besten erhaltene Werkbundsiedlung. Auch wenn einige der Gebäude renovierungsbedürftig sind oder umgestaltet wurden und die Grünflächen nicht mehr den ursprünglichen Plänen entsprechen, ist die Siedlung WuWa nach wie vor ein ausgezeichnetes Beispiel für die avantgardistische Architektur der Zwischenkriegszeit.

Neues Bauen

Die Schöpfer der Siedlung WuWa wollten mit ihren Entwürfen den Menschen und sein Leben nachhaltig verändern. Sie wandten sich gegen die Tradition und befreiten sich von historischen Vorbildern. Die Werkbundsiedlungen sollten den Anfang eines „Neuen Bauens“ markieren.

Die Architekten entwarfen kleine und mittlere, funktionale Wohnungen. Das wichtigste Kriterium war die Einheit von Form und Funktion. Erstmals wurden Wohnungen mit Wandschränken, Klappbetten sowie Stühlen und Sesseln aus leichtem Stahlrohr ausgestattet. Die massiven Holzmöbel des 19. Jahrhunderts waren für die neuen Wohnungen nicht geeignet. Die Wände waren in hellen Pastelltönen gestrichen. Die Möbel hingegen waren in intensiven, lebendigen Farben gehalten und standen dort, wo sie benötigt wurden. Die Architekten des Werkbundes hatten keine Angst vor leeren Räumen. Sie legten großen Wert darauf, dass die Tagesräume und die Schlafzimmer auf einer Ost-West-Achse lagen und dass jeder Hausbewohner seinen eigenen Schlafraum hatte. Die Tagesräume hingegen wurden oft zu einem großen Raum zusammengefasst.

Die geräumigeren Ein- und Zweifamilienhäuser öffneten sich mit großen verglasten Flächen zum Garten und waren mit großflächigen Außenterrassen sowohl im Erdgeschoss als auch auf den Dächern ausgestattet. „Was ist zu erstreben? Sonne und Luft, Bewegungsraum in und bei der Wohnung, vollkommene sanitäre und technische Einrichtung“, schrieb Paul Häusler über die Zielsetzung der Musterhäuser. Und sein Kollege Adolf Rading erklärte, dass „ein Haus, das sich nicht auf den Garten, die Luft und die Sonne öffnet, ein Absurdum ist“.

Auf die Einwohner Breslaus, die bis dahin überwiegend in dunklen, sticken Wohnungen gelebt hatten, wirkten diese Postulate wie eine Offenbarung. Zum ersten Mal konnten sie sich mit eigenen Augen davon überzeugen, wie eine moderne Wohnung aussah und wie man sie einrichten konnte. Auch die Flachdächer und die weißen, unverzierten Fassaden der WuWa-Häuser waren für die meisten Besucher der Ausstellung etwas völlig Neues, ebenso wie die verglasten Wände und horizontalen Fensterbänder.

Zur Besichtigung frei

Die architektonischen Lösungen, die auf der Werkbundausstellung Wohnung und Werkraum 1929 präsentiert wurden, können auch heute noch in Breslau besichtigt werden. Die Einfamilienhäuser der Siedlung WuWa befinden sich in der Ul. Zielonego Dębu 17 und 21 sowie in der Ul. Dembowskiego 9. Eines der interessanten Gebäude der Siedlung ist das ehemalige Ledigenheim, das inzwischen renoviert und in ein Hotel umgewandelt wurde (Ul. Kopernika 9).

Sehr eindrucksvoll ist auch das abgebrannte, nach den Originalplänen wiederaufgebaute einstöckige Gebäude mit Holzfassade in der Ul. Wróblewskiego 18, in dem in der Zwischenkriegszeit einer der ersten Montessori-Kindergärten in Schlesien untergebracht war. Heute ist das Gebäude der Sitz der der Niederschlesischen Architektenkammer. Auch das mehrstöckige Wohngebäude in der Ul. Tramwajowa 2 ist einen Blick wert, auch wenn es seine besten Jahre schon lange hinter sich hat. Es war das erste Laubenganghaus in Schlesien: Die einzelnen Wohnungen (sechs pro Stockwerk) sind über außen liegende Galerien erreichbar. Die ein wenig verwahrloste, halbrunde Überdachung auf der Straßenseite ist der Überrest einer Straßenbahnhaltestelle, die Paul Heim und Albert Kempter eigens für die Bewohner des Hauses entworfen hatten. Heute steht die gesamte WuWA-Siedlung unter Denkmalschutz.

Ein Beweis dafür, dass die Ideen der Breslauer Architektur-Avantgarde bis heute nichts an Aktualität verloren haben, sind die Pläne zum Bau einer neuen Mustersiedlung nach dem Vorbild der Siedlung WuWa. Die Siedlung Nowe Żerniki (WuWa2) soll im Westen Breslaus im Rahmen des Programms „Europäische Kulturhauptstadt 2016“ entstehen. Es handelt sich um ein gemeinsames Projekt der Stadt Breslau, der Niederschlesischen Architektenkammer und der Breslauer Abteilung des Verbands Polnischer Architekten. Auf einer Fläche von etwa zehn Hektar sollen neben zahlreichen Wohngebäuden (Ein- und Mehrfamilienhäusern) auch eine Schule, ein Kulturzentrum, ein Seniorenheim und mehrere Spielplätze entstehen. Die Fertigstellung der ersten Bauetappe ist für 2015 vorgesehen.