Uwe Rada über seine Faszination für Polen Ein verliebter Berliner

Uwe Rada
Uwe Rada | Foto: Inka Schwand

Er hat über die Memel, die Oder und die Adria geschrieben. Er hat Polnisch gelernt, um Świetlicki, Bator und Parys im Original zu lesen. Doch jetzt hat der Berliner Journalist Uwe Rada beschlossen, eine Liebesgeschichte zu erzählen.

Wie kam es, dass du dich in Polen verliebt hast?
 
Ich habe mich sehr spät in Polen verliebt. Meine Freundin in den Neunzigerjahren kam aus der ehemaligen DDR und wollte lieber nach Frankreich und Italien reisen anstatt nach Polen oder Rumänien. Erst als ich 1999 meine heutige Frau kennengelernt habe, stand der Osten Europas auf dem Programm, obwohl sie selbst auch Ostlerin ist. Wir haben beide angefangen, Polnisch zu lernen, und ich erinnere mich noch gut, wie wir die ersten Schritte in der fremden Sprache in Słubice unternommen haben. Kurz darauf sind wir nach Stettin gefahren und danach, da wurde es dann ernst, nach Krakau. In Krakau kam beides zusammen. Die Sprache, mit der ich schon geflirtet hatte, und eine Stadt, in die ich mich augenblicklich verliebt habe.
 
Vielleicht hätte ich das zuerst fragen sollen, aber ich frage dich jetzt: Kann man in diesem Zusammenhang überhaupt von „verlieben“ sprechen?
 
Ja, „verlieben“ passt schon. Denn diese Beziehung hat alle Sinne eingenommen, das war mehr als eine Freundschaft.
 
Welches Bild hattest du von Polen, bevor du anfingst, das Land besser kennenzulernen?
 
Als in Polen 1981 das Kriegsrecht verhängt wurde, war ich 18 Jahre alt. Ich sah die Bilder im Fernsehen und war wütend. Mich haben also zwei Momente politisiert: die Friedensbewegung in Westdeutschland und der Freiheitskampf in Polen. Als ich dann 1983 nach Berlin kam, habe ich mitbekommen, wie sich das Bild der Polen geändert hat. Spätestens mit dem Polenmarkt Ende 1988, Anfang 1989 waren aus den Helden der Solidarność Händler geworden, die ihre Habseligkeiten verkauften. Das gleiche Bild hatte ich dann vor Augen, als ich mit einem Freund 1997 zum ersten Mal nach Polen gefahren bin, wir waren in Świebodzin. Überall die Basare, der Handel, die Armut. Erst in Krakau habe ich dann das andere Polen kennengelernt. Das haben mir übrigens viele polnische Freunde bestätigt: Wenn du Polen kennenlernen willst, haben sie gesagt, musst du die Grenzregion hinter dir lassen. 
 
In der Zwischenzeit hast du unter anderem die Geschichte der Oder erforscht, im Rahmen des Projekts „Geschichte im Fluss“. Ich frage mich jedoch immer, wenn ich deine Bücher lese oder dir zuhöre, ob man nicht eine gewisse Distanz benötigt, um Geschichte zu erforschen. Darf man sich in Erzählungen verlieben?
 
Ich bin kein Historiker, ich bin Autor. Wo ich distanziert bin, versuche ich das kenntlich zu machen. Genauso mache ich es, wenn mich Empathie leitet. Gleichzeitig versuche ich, schreibend zu verstehen. Am Anfang steht aber die Annäherung. Ich taste mich an den Gegenstand meines Schreibens heran, schaue, welche Bilder es gibt, welche Erzählungen, überprüfe sie im Gespräch mit Menschen. Vielleicht hat das eine gewisse Ähnlichkeit mit der Arbeit der Ethnologen im Feld. Karl Schlögel hat das einmal „Augenarbeit“ genannt.
 
In welche der polnischen Geschichten hast du dich am stärksten verliebt?
 
Du meinst, in welche Erzählung?
 
Ja.
 
Als Allererstes würde ich sagen: in die Freiheitsliebe. Sich nicht abzufinden mit Unterdrückung. Keine Kompromisse eingehen. Das ist für mich die positive Seite einer Erzählung, die von der polnischen Romantik über den Freiheitskampf der Solidarność bis zu den Demonstrationen gegen die Politik der PiS heute reicht. Die für mich negative Seite ist das religiös konnotierte Selbstbild von Polen als Christus der Völker. Damit wird nicht nur jede Debatte um eigene historische Schuld zum Schweigen gebracht, sondern auch die Notwendigkeit, im Europa der Gegenwart Kompromisse zu suchen. Aber du siehst schon, ich bin da auch hin- und hergerissen. Ich mag den Krieger, wünsche mir aber auch den Kaufmann. Ich glaube, dieses Bild vom Krieger und Kaufmann stammt von Maria Janion.
 
Deine Bücher handeln auch oft vom Zusammentreffen kultureller Erfahrungen. Zum Beispiel in „Die Adria“, aber nicht nur dort. Gibt es in der polnischen Geschichte etwas, worin du Gemeinsamkeiten mit deinem eigenen Land erkennst?
 
An der Oder ist es Schlesien. Seit dem Mittelalter war Schlesien eine Brückenregion zwischen Deutschen und Polen. Da ist eine Nähe entstanden, die heute wieder durchschimmert, etwa in der Faszination, die Breslau als Kulturhauptstadt 2016 auf viele Berliner ausgeübt hat. Eine für mich sehr spannende Gemeinsamkeit ist der Umgang von Polen und Deutschen mit der Memel. Mit einem Fluss, der in ihre Kulturgeschichte eingeschrieben ist, heute aber in beiden Ländern ein Fluss der Vergangenheit ist. Darüber könnten wir uns stundenlang unterhalten.
 
Wie ist das als Kulturwissenschaftler eigentlich mit der Treue? Verliebt man sich nicht ständig in andere Kulturen?

 
Nein, auch wenn derzeit viel über Polyamorie diskutiert wird. Ich bin da eher einer, der seiner Liebe treu bleibt. Als ich mein Buch über die Elbe geschrieben habe, bin ich eingetaucht in die Geschichte meiner Familie väterlicherseits, die von der oberen Elbe stammt. Aber das hat in mir nichts zum Sprechen gebracht. Wie auch, wo ich kein Tschechisch spreche. Die Sprache ist der Schlüssel zu allem. Insofern darf und muss ich mit meiner Liebe zu Polen durch alle Höhen und Tiefen. 
 
Wie war das bei dir mit der polnischen Sprache? Wann hast du angefangen, Polnisch zu lernen?
 
Ich habe 1999 an der Volkshochschule in Berlin-Pankow begonnen. 2002 war ich für zwei Wochen auf einem Intensivkurs in Krakau, bei Prolog, das war toll. Dann habe ich mehr als zehn Jahre lang nicht mehr aktiv gelernt, bis ich 2013 auf Lesereise mit der polnischen Ausgabe meines Memelbuchs war. Danach habe ich beschlossen, in einen Konversationskurs zu gehen. Wieder bei der VHS Pankow. Dort habe ich Izabela Ajdinović kennengelernt, bei der ich später dann fast drei Jahre Einzelunterricht hatte. Sie stammt übrigens aus Krakau. Zurzeit höre ich viel Radio. Hilfreich ist auch Facebook. Die Hälfte meiner Freunde sind polnische Muttersprachler, da lernt man viele dieser kurzen, prägnanten Wendungen. 
 
Wie ist das überhaupt: Hat das Polnische für dich einen angenehmen Klang? Wirkt es auf dich eher weich oder hart?
 
Ganz klar: weich und angenehm. Also angenehm weich. Manchmal, wenn ich in Polen bin und im Café sitze, schließe ich die Augen und denke, dass Polnisch fast eine weibliche Sprache ist. Nicht nur, weil selbst die Männer manchmal in ihrer Intonation eine Oktave nach oben gehen.
 
Gibt es ein polnisches Wort, das dir besonders gut gefällt?
 
„Rozumieć“. Einmal phonetisch, mit dem rollenden „r“, dem stimmhaften „z“. Dann aber auch, weil es für mich die ganze Vielfalt eines polnischen Verbs verkörpert. Eine der ersten Wendungen, die ein Anfänger lernt, ist „Nie zrozumiałem“ oder „Nic nie zrozumiałem“. Heute sage ich manchmal „Nie rozumiem“, weil ich etwas schlecht höre und die Leute bitte, lauter zu sprechen. Besser kann man den polnischen Aspekt gar nicht lernen. Und dann gibt es noch die verwandten Substantive wie „porozumienie“ oder „nieporozumienie“. Wunderbar.
 
Diese Frage macht mir Angst, aber ich muss sie dir stellen: Kann man sich in die polnische Grammatik verlieben?
 
Ja. Ich erinnere mich noch, wie ich in den ersten Wochen 1999 ein Grammatikblatt mit den häufigsten Konjunktionen und Deklinationen bei mir getragen habe. Das war ein sehr intimes Verhältnis zwischen mir und der polnischen Grammatik. Und manchmal war ich fast empört. Als ich meine Lehrerin einmal fragte „Czego chcesz?“ musste sie lachen und fragte, ob ich plötzlich arrogant geworden sei. Ich widersprach mit dem Argument, dass das Verb „chcieć“ nun mal den Genitiv verlange. Da musste ich lernen, dass es zwischen Theorie und Praxis auch große Unterschiede gibt. Diese dann zu lernen ist die große Kunst, wenn man tiefer in einer Sprache eintaucht. Noch arroganter als „Czego chcesz?“ ist „Czego?!“ mit dem entsprechenden Gesichtsausdruck. Das lass ich lieber bleiben, weil ich keine Lust habe, was auf die Nase zu bekommen.
 
Mich würde noch interessieren, welches Werk der polnischen Literatur deine Liebe zur polnischen Sprache noch verstärkt hat?
 
Die ersten Bücher, die ich auf Polnisch gelesen haben, waren von einem Krakauer Autor, von Marcin Świetlicki. „Dwanaście“, „Trzynaście“ und „Jedenaście“. Ich habe sie in der richtigen Reihenfolge gelesen. Aktuell habe ich zwei Bücher gelesen, die mich beide sehr berührt haben. „Biała Rika“ von Magdalena Parys und „Piaskowa Góra“ von Joanna Bator. Da taucht man doch noch mal ganz anders ein in die Alltagssprache. Gottseidank machen die Wörterbücher heute um Wörter, bei denen es um Gewalt oder Sex geht, keinen Bogen mehr.
 
Dann erzähl uns doch bitte noch etwas über dein neuestes Buch, das in Kürze in Deutschland erscheinen wird. Es trägt den Titel „1988“ und ist kein kulturwissenschaftliches Werk, sondern eine Liebesgeschichte.
 
Es ist die Liebe von Jan und Wiola, die sich in einem Jahr kennenlernen, in dem in Westberlin und vor allem in Kreuzberg, im Schatten der Mauer, noch alles stillzustehen scheint, während in Polen schon alle Zeichen auf Veränderung stehen. Und es ist eine platonische Liebe. Gleich zu Beginn ihrer Beziehung stellt Wiola Jan vor eine Entscheidung. Entweder du bekommst meinen Körper, oder du bekommst meine Geschichte. Beides kann ich dir nicht geben. Zu ihrer Überraschung entscheidet sich Jan für ihre Geschichte. Aber auch eine platonische Liebe ist und bleibt eine Liebe. Übrigens spielt „1988“ zwischen Berlin und Krakau. Es erscheint im September. Vielleicht gibt es ja noch einmal eine Neuauflage von bln_krk.