Agnieszka Polska erhält den Preis der Nationalgalerie 2017 Starker Gegenwartsbezug

Wręczenie nagród: Agnieszka Polska i Sandra Wollner (Zwyciężczyni nagrody Förderpreis für Filmkunst 2017)
Die Preisverleihung: Agnieszka Polska und Sandra Wollner (Gewinnerin des Förderpreis für Filmkunst 2017) | Foto © offenblen.de

Der renommierte Preis der Nationalgalerie geht in diesem Jahr an eine polnische Künstlerin. Über die Hintergründe des diesjährigen Wettbewerbs und die Ausstellung im Hamburger Bahnhof berichtet die Kuratorin und Kunstkritikerin Marta Czyż.

Berlin ist seit den Achtzigerjahren eine Stadt der Inspiration, Herausforderung und künstlerischen Freiheit. Dazu trägt nicht nur die von der Kunstszene geschaffene Atmosphäre bei, sondern auch die Bedingungen, unter denen Künstler in dieser Stadt leben und arbeiten können. Die konsequente Schaffung einer kulturellen Infrastruktur resultierte in zahlreichen Stipendien, Residenzprogrammen und Ateliers (zum Beispiel im Künstlerhaus Bethanien) sowie in einer Vielzahl privater Galerien, öffentlich zugänglicher privater Kunstsammlungen und öffentlicher Ausstellungsinstitutionen. Die Stipendien werden in erster Linie vom DAAD vergeben, doch daneben gibt es auch regionale und lokale Fördermittel. Auch wenn die Warschauer Galerienszene immer mehr an Fahrt gewinnt – und in diesem Jahr über zwanzig Galerien am Warsaw Gallery Weekend teilnahmen – ist die Zahl der Galerien in Berlin noch immer dreißigmal so hoch: Zurzeit gibt es in der deutschen Hauptstadt etwa 600 Räumlichkeiten, in denen zeitgenössische Kunst präsentiert und gehandelt wird. Einen besonderen Status genießen Künstler aus anderen Ländern und Kulturen. Dank zahlreicher Zuwendungen für künstlerische Projekte wird die Stadt seit Jahren von Künstlern geradezu belagert. 

Ein prestigeträchtige Selektion

Eines der eindrucksvollsten Ergebnisse dieser kulturpolitischen Maßnahmen ist der Preis der Nationalgalerie, der 2000 vom Verein der Freunde der Nationalgalerie in Berlin ins Leben gerufen wurde. Er wird alle zwei Jahre an Künstler und Künstlerinnen vergeben, die zum Zeitpunkt der Nominierung nicht älter als vierzig Jahre sind. Teilnahmeberechtigt sind Künstler und Künstlerinnen aller Nationen, die in Deutschland leben und arbeiten. Seit 2011 wird alle drei Jahre zusätzlich der Preis der Nationalgalerie für junge Filmkunst vergeben. Der Gewinner des Preises erhält eine Einzelausstellung in einem der Häuser der Nationalgalerie, zu der auch eine Publikation erscheint. Von der Bedeutung dieser Auszeichnung zeugen unter anderem die anschließenden Erfolge der Preisträger wie Anne Imhof, Monica Bonvicini, Omer Fast und Cyprien Gaillard, denen der Preis der Nationalgalerie zum internationalen Durchbruch verhalf.

Das Prozedere des Wettbewerbs ist unkompliziert, die nominierten Künstler müssen jedoch einen strengen Selektionsprozess durchlaufen. Zunächst wurden ausgewählte Direktoren und Kuratoren, die im Bereich der zeitgenössischen Kunst tätig sind, aufgefordert, einen Kandidaten für den Preis der Nationalgalerie zu benennen. Diese bildeten die Longlist des Wettbewerbs. Auch Mitglieder des Vereins der Freunde der Nationalgalerie waren vorschlagsberechtigt. Im Februar 2017 kam die erste Jury zusammen, um aus den vorgeschlagenen Kandidaten vier Künstler auszuwählen – die Shortlist des Wettbewerbs. Ab diesem Zeitpunkt arbeiteten die vier nominierten Künstlerinnen an einer gemeinsamen Ausstellung, die im September im Hamburger Bahnhof in Berlin präsentiert wurde. Anschließend wurde eine zweite Jury gebildet, (deren Zusammensetzung im Rahmen eines Empfangs zur Eröffnung der Biennale von Venedig im Mai 2017 bekannt gegeben wurde), die schließlich die Preisträgerin ermittelte. Entscheidend für die Bewertung waren nicht ausschließlich die Werke in der Ausstellung, sondern das künstlerische Gesamtwerk. Die diesjährige Preisträgerin wurde am 20. Oktober im Rahmen eines großen Festaktes im Hamburger Bahnhof bekannt gegeben.

Frauen im Hamburger Bahnhof

Der diesjährige Wettbewerb wies zwei Besonderheiten auf. Zum einen waren ausschließlich weibliche Künstler nominiert: die aus Venezuela stammende Sol Calero, die in Kairo geborene Iman Issa, die Amerikanerin Jumana Manna und die Polin Agnieszka Polska (dies war das bereits das zweite Mal, dass sich polnische Künstler unter den Nominierten befanden: 2015 schaffte es das polnisch-iranische Künstlerduo Slavs and Tatars auf die Shortlist des Wettbewerbs und gewann schließlich den Publikumspreis). Zum anderen war auch die Kuratorin des Wettbewerbs eine Frau: Dorothée Brill.

Die Ausstellung war äußerst vielfältig: Sol Calero schuf einen Installationsraum, der ästhetische Assoziationen mit Lateinamerika weckte. Ihr Amazonas Shopping Center bestand aus einem zuckersüß dekorierten Schönheitssalon, einer Samba-Schule, einem Reisebüro, einem Internetcafé, einer Wechselstube und sogar einem Kino, in dem eine von Sol Calero produzierte Telenovela – ein weiteres Symbol der südamerikanischen Popkultur – zu sehen war. Indem sie das gesamte Potenzial des Begriffs „Exotik“ ausschöpfte, schuf Calero einen Installationsraum mit einer gehörigen Portion Kritik, aber auch viel Humor.

Jumana Manna präsentierte einen Para-Dokumentarfilm über die Musiktraditionen der rund um Jerusalem lebenden Ethnien. Sie griff darin die Forschungen des Musikethnologen Robert Lachmann auf, der von 1936 bis 1937 eine Sendung im Palästinensischen Rundfunk über die multikulturellen Wurzeln traditioneller Musik leitete. Manna folgte Motiven aus dieser Sendung, suchte die von ihm untersuchten Gemeinschaften auf, führte Interviews und bat um musikalische Kostproben. Auf diese Weise traf sie Kurden, Marokkaner, jemenitische Juden, Samaritaner, Mitglieder städtischer und ländlicher palästinensischer Gemeinden, Beduinen und koptische Christen. Die Künstlerin erforscht die gemeinsamen Motive zwischen diesen Gemeinschaften und hinterfragt geografische Grenzen, die aus kultureller Perspektive fließend sind. Der Film wird durch eine großräumige Installation ergänzt, die an Gerüste erinnert, zwischen denen wie auf einer Baustelle oder einer unfertigen Bühnenkulisse verschiedene Objekte erscheinen: ein Stuhl, eine Matratze und Skulpturen, die an neu skalierte Körperteile erinnern.

Iman Issa wählte einen stärker formal geprägten Ansatz. Die Künstlerin tritt in einen Dialog mit dem ästhetischen Kanon des Schönen, erschafft neue Objekte, die auf bekannten Werken der Kunstgeschichte basieren, und versieht sie mit genauen Beschreibungen. Sie untersucht die Möglichkeit der Vermittlung ästhetischer Bedeutungen anhand der Beschreibung und der Form von Kulturobjekten aus anderen Epochen und Kontexten. Issa erschafft „mentale Abzüge“ dieser Kulturobjekte.

„What Sun Has Seen“, Agnieszka Polska „What Sun Has Seen“, Agnieszka Polska | © Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Jan Windszus / Courtesy Zak Branicka Galerie, Berlin and OVERDUIN & CO., LA Agnieszka Polska präsentierte zwei Animationsfilme, die die Quintessenz ihres Stils darstellen. Es sind digitale Collagen aus Bildern, Tönen und Texten. Die Bilder und Töne entnimmt sie anderen Kunstwerken, Fotografien und Internetseiten, die Texte verfasst sie selbst. What Sun Has Seen und I Am the Mouth haben keine erkennbare Chronologie, jedoch einen starken Gegenwartsbezug. Die Sonne beobachtet und spricht zu uns, sie berührt universale Themen – wie Menschlichkeit, Sicherheit und die Wahrnehmung der Welt –, die sehr poetisch und ohne Bezug auf konkrete Ereignisse dargestellt werden. Die Künstlerin moralisiert, regt zum Nachdenken an und weist auf den Zerfall der Werte hin. Im Mittelpunkt ihrer Filme steht ein Beobachter, der durch den Akt des Sehens Einfluss auf die Wirklichkeit nimmt: eine Sonne mit menschlichem Antlitz, die mal singt, mal rezitiert und mal durch die Form der Stand-up-Comedy mit uns kommuniziert. Inmitten der beunruhigenden, getragenen Musik erklingt jedoch immer wieder der Gesang „I Got Love“. Polska weiß, dass der Mensch fähig ist, zu reflektieren und einen Einfluss auf die in seiner Welt vorgehenden Veränderungen zu nehmen – trotz des Bewusstseins des Werteverfalls und seiner Auswirkungen auf unseren gesamten Planeten. 

Ein polnischer Triumph

Die zweite Jury, die aus fünf Direktoren und Kuratoren – Sheena Wagstaff, Udo Kittelmann, Hou Hanru, Sven Beckstette und Zdenka Badovinac – bestand, entschied sich dazu, den Preis an Agnieszka Polska zu vergeben. Die Preisverleihung fand am 20. Oktober statt. „In ihrem ganzen Werk thematisiert Polska die drängenden Fragen unserer Zeit“, begründete die Jury ihre Entscheidung. Der Gewinner des Publikumspreises wird am 14. Januar 2018 bekannt gegeben.

Die Entscheidung der Jury lässt sich leicht nachvollziehen. Agnieszka Polska verweist auf das kollektive Bewusstsein, ohne detailliert auf die aktuellen Veränderungen und geopolitischen Konflikte einzugehen, mit denen die Kunstszene meiner Meinung nach bereits übersättigt ist. Ihre Filme haben einen einzigartigen Stil und eine einzigartige Sprache, die die Künstlerin seit Beginn ihres Schaffens kontinuierlich weiterentwickelt hat und die dadurch einen hohen Wiedererkennungswert besitzt. Sol Calero ist für mich die Favoritin auf den Publikumspreis. Ich denke, dass die Besucher ihren angenehmen Aufenthalt im Amazonas Shopping Center und auch die viele Arbeit, die die Künstlerin in dieses Projekt gesteckt hat (insbesondere im Bezug auf die eigens produzierte Telenovela), honorieren werden. Auch Jumana Mannas Projekt war durchaus interessant, doch ihr Versuch, ihren Film mit einer Installation zu verbinden, erwies sich als inkohärent und unfunktional. Iman Issa wiederum setzte sich mit formalen Problemen auseinander, die so oder anders bereits millionenfach behandelt wurden. Ihrer Ausstellung fehlte das Überraschungsmoment, die Entwicklung eines neuen formalen Ansatzes. Sie überzeugte eher durch ihre umfangreiche Recherche und die sorgfältige Katalogisierung der von ihr zitierten Kunstwerke.

„Whatever comes next, it will be built on the words that I tell you“, lauten die prophetischen, gravitätisch und sorgenvoll vorgetragenen Worte der Sonne in Polskas Film – und so lautet auch das Fazit des diesjährigen Wettbewerbs. Der Preis der Nationalgalerie belegt eindrucksvoll, dass Künstler auch heute noch als Propheten wahrgenommen werden, ganz egal, wie laut Medienvertreter und Politiker um sie herum ihre Stimme erheben.
 
P.S. Unmittelbar nach der Bekanntgabe der Entscheidung gaben die vier nominierten Künstlerinnen ein gemeinsames Statement zum Ablauf des Wettbewerbs ab. In einer am 10. November veröffentlichten Erklärung gingen sie auf drei Aspekte ein: Die Herumreiterei auf der Herkunft und dem Geschlecht der Künstlerinnen in den Pressmitteilungen der Organisatoren, den Verlauf des Festaktes, der ihrer Meinung nach eher eine Würdigung der Sponsoren als der beteiligten Künstlerinnen war, und die Frage des Honorars, denn jede der nominierten Künstlerinnen sollte – unabhängig davon, wer den Preis gewonnen hat – für die von ihr geleistete Arbeit angemessen entlohnt werden.