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Ehrenamt in Deutschland
Kein Zwang, sondern ein Privileg

Deutsches Rotes Kreuz
Deutsches Rotes Kreuz | Quelle: pixabay.com; Foto (Ausschnitt): bhossfeld

Für Annina bedeutet ehrenamtliches Engagement das Privileg, anderen Menschen zu helfen – und die beste Art, seine Freizeit zu nutzen. Für Dominik war es ganz selbstverständlich, sich für andere Menschen zu engagieren, in seiner Familie war das Gefühl der sozialen Verantwortung schon immer stark ausgeprägt gewesen. Für Florian ist freiwilliges Engagement eine Art Perpetuum mobile: Du siehst Menschen, die anderen Menschen helfen, und möchtest sofort selbst aktiv werden. Und Hanna hat gemeinsam mit einer Freundin ein Internetportal ins Leben gerufen, auf dem sich jeder die ehrenamtliche Tätigkeit aussuchen kann, die am besten zu seinen Interessen und seinem Zeitbudget passt.

Von Izabela O’Sullivan

Nach Angaben der Studie „Freiwilliges Engagement in Deutschland“ [1] des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend sind 43,6 Prozent der Wohnbevölkerung Deutschlands im Alter ab 14 Jahren freiwillig engagiert. Personen mit hoher Bildung engagieren sich zu einem deutlich höheren Anteil als Personen mit niedriger Bildung. In den Altersgruppen 14 bis 29 Jahre und 30 bis 49 Jahre liegen die Anteile freiwillig Engagierter am höchsten. Bei den 30- bis 49-Jährigen sind die Frauen zu einem etwas höheren Anteil als die Männer freiwillig engagiert. Die Motive der Engagierten sind vielfältig: Am häufigsten geben Engagierte an, ihre Tätigkeit mache ihnen Spaß. Viele engagieren sich aber auch, um mit anderen Menschen und anderen Generationen zusammenzukommen oder um die Gesellschaft mitzugestalten.

Annina, 27

Annina Annina | Foto © privat Annina arbeitet als Senior Consultant/Chief of Staff für Strategische und Cyberrisikenberatung bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsfirma Deloitte in Berlin. Anninas Arbeit erfordert viel Engagement und ist mit häufigen Reisen ins In- und Ausland verbunden. Dennoch engagiert sich Annina freiwillig in drei Organisationen.
 
Annina liebte es schon immer, viele unterschiedliche Dinge zu tun. Ihr freiwilliges Engagement begann bereits in der Unterstufe, als sie an diversen Arbeitsgemeinschaften teilnahm. Sie arbeitete unter anderem für die Schülerzeitung und den Schulsanitätsdienst.
 
Seit ihrem vierzehnten Lebensjahr ist Annina Mitglied im Deutschen Roten Kreuz, obwohl sie inzwischen mehrfach ihren Wohnort gewechselt hat. „Während meiner Kindheit befand sich eine Rettungswache nicht weit von unserem Haus entfernt. Manchmal kamen die Ehrenamtlichen zum Spendensammeln bei uns vorbei – schon damals wusste ich, dass ich mich in diesem Umfeld engagieren wollte, auch wenn ich mit sechs Jahren noch zu jung dafür war", erklärt sie. Heute ist sie Rettungssanitäterin und war im letzten Jahr stellvertretende Bereitschaftsleiterin in ihrem aktuellen Kreisverband in Berlin. In ihren fünf Jahren in England hat sie sich parallel beim Deutschen Roten Kreuz und bei St John Ambulance in England engagiert.

Neben der Möglichkeit, anderen zu helfen, ist ein wichtiger Faktor für sie auch, dass ihr ehrenamtliches Engagement ihr die Möglichkeit gibt, Menschen kennenzulernen und Freundschaften zu schließen. „Das sind sehr tief gehende Beziehungen. Wir teilen die Leidenschaft anderen Menschen zu helfen und stehen gemeinsam schwierige und schöne Momente durch. Wir haben volles Vertrauen zueinander. Ehrenamtliches Engagement ist keine Pflicht, sondern eine bewusste Entscheidung. Man arbeitet in einem Team zusammen und nimmt Menschen aus einer ganz anderen Perspektive wahr – insbesondere, wenn sie auf einer anderen Wellenlänge liegen als man selbst“, sagt sie.

Neben ihrer Arbeit auf Sanitätsdiensten und ehrenamtlich im Rettungsdienst ist Annina auch in der Schnelleinsatzgruppe im Katastrophenschutz aktiv. So wird sie alarmiert, wenn eine Großschadenslage oder ein Massenanfall von Verletzten vorliegen.
Die größte Herausforderung in ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten war ein halbjähriger Einsatz in Südamerika. Nach ihrem Bachelorabschluss nahm sie 2014/2015 Zeit, um für das Deutsche Rote Kreuz in einem ländlichen Krankenhaus in Bolivien zu arbeiten. „Das Krankenhaus war zehn Fahrstunden von der nächsten größeren Stadt entfernt. Es mangelte an Ausstattung und Personal“, erzählt sie. Annina arbeitete hauptsächlich in der Notaufnahme und im Operationssaal. „Die Arbeit war in mehrerer Hinsicht schwierig. Viele Patienten, die in Bolivien starben, beispielsweise aufgrund fehlender medizinischer Ausstattung oder zu langen Reisezeiten bis zum Krankenhaus, hätten in Deutschland mit dem guten Rettungs- und Gesundheitswesen eine Chance gehabt“, erklärt sie. „Zum anderen musste ich mir ständig selbstbewusst machen, dass ich nur so viel tun konnte, wie es die Umstände erlaubten. Jeder hat seine eigene Strategie, um damit fertig zu werden. Meine Strategie war es, immer hundert Prozent zu geben. Aber ich musste auch lernen, Situationen zu akzeptieren, in denen ich nicht helfen konnte“, sagt Annina. Sie denkt dabei beispielsweise an Krebspatienten. Das Krankenhaus in Bolivien bot keine Krebsbehandlung wie Chemotherapie an – in den meisten Fällen bedeutete eine entsprechende Diagnose das Todesurteil für die Patienten.
 
Nach ihrer Rückkehr aus Bolivien teilte Annina ihre Erfahrungen mit ihrer Familie, mit Freunden und anderen interessierten Personen. Trotzdem hatte sie immer wieder das Gefühl, dass sie nur einen kleinen Teil der Geschichte erzählen konnte – den Teil, den sie selbst während ihres relativen kurzen Aufenthalts in Bolivien erlebt hatte. Also beschloss sie, ein Projekt ins Leben zu rufen, das Menschen, die sich beruflich oder ehrenamtlich in sozialen, friedensbezogenen oder humanitären Projekten in ihrem eigenen Land oder ihrer eigenen Region engagieren, eine Stimme geben sollten. Im Rahmen des Projekts VOICE begann sie, Berichte aus aller Welt zu sammeln.

Annina Annina | Foto © privat 2019 veröffentlichten Annina und ihr VOICE Team das Buch A Definition of Snow. „Das Buch enthält 14 Erfahrungsberichte, beispielsweise von Ärzten in Bolivien, einer Lehrerin im Libanon, einer Frauenrechtsaktivistin in Palästina und humanitären Helferinnen im Südsudan und in Kenia“, erzählt Annina. „Diese Menschen erzählen ihre Geschichten selbst, jeder dieser Berichte ist unglaublich stark, berührend und inspirierend. Ein weiteres Buch ist bereits in Planung.“ VOICE ist mittlerweile ein Verein und hat ein festes Team von elf Ehrenamtlichen aus der ganzen Welt.
 
Außerdem ist Annina Präsidentin des Leo-Club Quadriga Berlin, der sich vor allem für Kinder in Berlin engagiert. Dabei sind die Mitglieder regelmäßig in zwei Projekten im Kinderherzzentrum und einer Kinderwohngruppe aktiv. Sie spielen mit den Kindern, basteln, lesen vor oder machen Ausflüge. Dazu organisiert der Club regelmäßig Spendenaktivitäten, um die notwendigen Mittel zu generieren. Auch andere Projekte können so unterstützt werden.

Anninas ehrenamtliches Engagement in diesen drei Organisationen nimmt jede Woche insgesamt etwa 15 bis 20 Stunden in Anspruch. „Ich tue das aus eigenem Antrieb, natürlich zwingt mich niemand dazu. Außerdem verbringe ich diese Zeit überwiegend mit Freunden und tollen Menschen, ich zähle die Stunden also etwas anders“, erklärt sie. Auf die Frage, wie sie ihr Privatleben mit ihrer Arbeit und ihrer intensiven ehrenamtlichen Tätigkeit vereinbaren kann, antwortet sie: „Man muss gut und rechtzeitig planen. Und dringend wissen, welche Organisation einen wann am dringendsten benötigt, damit man eventuell entsprechend priorisieren kann. Gleichzeitig darf man auch in Phasen, in denen eine der ehrenamtlichen Tätigkeiten in gewisser Weise in den Vordergrund rückt, seine Verpflichtungen gegenüber den anderen Organisationen nicht vergessen. Und dabei darf natürlich meine berufliche Leistung auf keinen Fall leiden.“
 
Annina erklärt, ein Ehrenamt sei für sie der beste Weg, ihre Freizeit zu verbringen. „Das macht meine Abende und Wochenenden zu etwas Besonderem. Ich kann mir gar nicht vorstellen, jeden Samstagnachmittag zu Hause auf dem Sofa zu sitzen und Netflix zu gucken“, sagt sie. Als ich Annina frage, woher ihr Bedürfnis rührt, sich ehrenamtlich zu engagieren, korrigiert sie mich sofort. „Ich sehe das nicht als ein Bedürfnis. Ein Ehrenamt sollte kein Bedürfnis sein und auch nichts, das du nur tust, weil es sich gut in deinem Lebenslauf macht oder dir irgendwelche Vorteile bringt. Für mich ist es einfach eine wunderbare Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten einzusetzen, um anderen Menschen zu helfen oder ihnen eine Freude zu bereiten. Es ist ein Privileg, wenn man anderen etwas von sich geben kann“, sagt sie. Sie gibt zu, dass es auch Momente gibt, in denen sie abends von der Arbeit nach Hause kommt und am liebsten einfach nur etwas essen und ins Bett fallen würde. „Doch das Gefühl der Verantwortung überwiegt“, sagt sie. „Es heißt zwar, man könne die Welt nicht allein verändern, aber das stimmt nicht. Jeder noch so kleine Beitrag zählt, und eben das wird dir jeden Tag bewusst, wenn du dich ehrenamtlich engagierst. Das gibt dir Kraft – und auch den Menschen um dich herum.“

Florian, 25

Florian begann während seines Studiums, sich ehrenamtlich zu engagieren. Während eines einjährigen Studienaufenthalts in London stieß er bei einer Veranstaltung seiner Universität auf das Hilfsprojekt Hot Chocolate Society, das heiße Schokolade und manchmal auch Essen, Kleidung und Schlafsäcke an Obdachlose verteilte. „Auf meinem Weg zur Universität sah ich jeden Tag Obdachlose auf der Straße, mitten im Stadtzentrum. „Der Kontrast zwischen der teuren Londoner City und der extremen Armut lässt einen nicht gleichgültig und hat in mir das Bedürfnis geweckt, mich zu engagieren“, erklärt er.
 
Einmal in der Woche besuchten die Mitglieder der Hot Chocolate Society Orte, an denen sich Obdachlose aufhielten, und brachten ihnen Dinge, die sie zum täglichen Leben benötigten. „Manchmal hat sich während dieser Aktivitäten auch ein intensives Gespräch mit den Obdachlosen entwickelt“, erzählt Florian.
 
Als Florian nach Berlin zog, wurde er Mitglied eines Patenschaftsprogramms, das Bildungspatenschaften zwischen Ehrenamtlichen und Schülern und Schülerinnen mit arabischem Migrationshintergrund vermittelt. Die Patinnen und Paten unterstützen die Kinder und Jugendlichen bei ihren Hausaufgaben und geben ihnen Nachhilfeunterricht. Außerdem organisieren sie Sportveranstaltungen, Kochkurse und gemeinsame Museumsbesuche.
 
Florian hatte über eine Bekannte von dem Projekt erfahren. Als einer der Ansprechpartner für die teilnehmenden Paten unterstützt er diese bei Fragen oder Herausforderungen in der Patenschaft und organisiert regelmäßig Betreuungs- und Weiterbildungsangebote. Einen Großteil der Aufgaben kann Florian sich flexibel einteilen und so auch nach seinen beruflichen Verpflichtungen am Abend oder am Wochenende erledigen. „Wenn mir jemand mitteilt, dass es Probleme in einer Patenschaft gibt, suchen wir gemeinsam nach einer Lösung. Als Ansprechpartner versuche ich, zwischen den Familien der Patenkinder und den Paten zu vermitteln und Mut zu machen, wenn es mal nicht so gut läuft“, erzählt Florian. „Außerdem haben wir wöchentliche Sprechstunden, in denen die Paten in unser Büro kommen und sich mit uns über die Patenschaft austauschen können.“
 
Die Zahl der interessierten Schülerinnen und Schüler ist höher als die Zahl der teilnehmenden Paten. Deshalb gibt es eine mehrmonatige Warteliste. „Wir versuchen ständig, neue Paten zu gewinnen. Wir gehen an die Universitäten, haben eine Plakatkampagne gestartet, nehmen mit Infoständen an Ehrenamts- und Freiwilligenbörsen teil und sind in den sozialen Medien aktiv. Wir bitten auch die teilnehmenden Paten, ihren Freunden und Bekannten von uns zu erzählen und für uns zu werben“, berichtet Florian.
 
Für Florian war es ganz selbstverständlich, sich ehrenamtlich zu engagieren. „Ich bin mit guten Bildungschancen aufgewachsen, die sich leider nicht allen bieten und hatte deshalb schon früh das Bedürfnis, etwas zurückzugeben“, erklärt er. Nach über fünf Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit sagt er selbst: „Es ist eine sehr bereichernde Erfahrung und erfüllende Aufgabe, bei der ich viel mit anderen Menschen zu tun habe.“
 
Florian sagt, dass auch viele deutsche Schulen und Hochschulen ehrenamtliches Engagement fördern. Auch wenn es nicht verpflichtend ist, wird doch großer Wert darauf gelegt. „Doch am besten funktioniert ehrenamtliches Engagement, wenn es aktiv vorgelebt wird: Wenn du siehst, dass viele Menschen in deiner unmittelbaren Umgebung sich sozial engagieren, möchtest du auch selbst einen Beitrag leisten“, fügt Florian hinzu.
 
Auch die lokalen Behörden unterstützen ehrenamtliches Engagement. „In Berlin gibt es die sogenannte Ehrenamtskarte, deren Inhaber diverse Ermäßigungen und Angebote in Anspruch nehmen können“, erzählt Florian. „Auch die Patinnen und Paten in unserem Programm können diese Karte beantragen. Doch nicht alle wollen die Ehrenamtskarte haben. Manche sagen, ehrenamtliches Engagement beruhe eben darauf, dass man keine Gegenleistung dafür verlangt.“

Dominik, 28

Dominik Dominik | Foto: © privat Manchmal müssen die DRK-Mitarbeiter zwischen 18 Uhr und Mitternacht bis zu hundert Patienten versorgen. Dennoch leisten sämtliche Mitglieder der Ortsgruppe, in der Dominik aktiv ist, gerne Dienst auf der Bergkirchweih, einem zwölftägigen Volksfest, das jährlich um Pfingsten im mittelfränkischen Erlangen stattfindet. Unter diesen extremen Bedingungen kann man seine Fähigkeiten am besten entfalten. „Die Leute kommen mit unterschiedlichen Problemen zu uns. In den meisten Fällen sind es Fußverletzungen, zum Beispiel aufgescheuerte Fersen. Solche Fälle führen wir nicht einmal in unseren Statistiken auf. Aber manche Patienten haben auch Schnittwunden, Sturzverletzungen oder Kreislauf- und Atemstörungen“, erzählt Dominik. Bei Wunden weiß er sofort, was er tun muss. Am problematischsten sind Atem- und Herzbeschwerden, denn die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Roten Kreuzes dürfen keine Medikamente verabreichen.
 
In manchen Fällen sind die äußeren Umstände – genauer gesagt, das Verhalten der Angehörigen – problematischer als der Gesundheitszustand der Patienten. „Einmal haben wir eine junge Frau behandelt, die einen Schwächeanfall erlitten hatte. Wir stachen ihr in die Fingerspitze, um Ihren Blutzucker zu messen“, erzählt Dominik. „Wenige Tage später bekam mein Kollege einen wütenden Anruf von den Eltern der Patientin. Sie drohten uns sogar mit gerichtlichen Schritten. Die junge Schülerin spielte nämlich Geige und sollte am nächsten Tag auf einem Konzert auftreten. Wegen des Einstichs am Finger konnte sie dies nicht.“
 
Dominik ist durchschnittlich dreimal im Monat für das Rote Kreuz im Einsatz, am häufigsten bei Kultur- und Sportveranstaltungen. Außerdem nimmt er an Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche teil, bei denen die ehrenamtlichen Mitarbeiter von ihrer Tätigkeit berichten.
 
Dominik Dominik | Foto: © privat Soziales Engagement und die Anteilnahme am Schicksal anderer spielte in Dominiks Familie schon immer eine große Rolle. Sein Großvater und seine Mutter waren Lehrer, sein Onkel war ebenso wie Dominik für das Rote Kreuz tätig. „Es ist ein schönes Gefühl, wenn man anderen Menschen helfen kann. Und das betrifft nicht nur die Momente, in denen ich Dienst habe“, sagt Dominik. „Es ist sehr befriedigend, wenn man weiß, wie man in einer Notfallsituation richtig reagiert.“
 
Bei manchen Einsätzen ist Dominik mehrere Tage unterwegs. Als ich ihn frage, wie sich dies auf die Beziehung zu seiner Partnerin auswirkt, antwortet er, ohne zu zögern: „Meine Freundin engagiert sich ebenfalls ehrenamtlich, sie hat volles Verständnis dafür. Sie gibt selbst regelmäßig zweimal in der Woche Nachhilfeunterricht für geistig behinderte Menschen. Meine Einsätze sind nicht ganz so regelmäßig, denn sie sind abhängig vom Veranstaltungskalender, aber unsere Verpflichtungen sind nichts, was uns voneinander trennt. Im Gegenteil: Es ist eine gemeinsame Ebene, auf der wir uns gegenseitig unterstützen.“

Hanna, 33

Alles begann mit Beschwerden der Berliner über die vielen Touristen, die vermeintlich nur in die Stadt kommen, die Stadt konsumieren und wieder verschwinden. Hanna und ihre Freundin Stephanie wollten Touristen eine Möglichkeit geben, nicht nur zu konsumieren, sondern einen Beitrag zur positiven Entwicklung der Stadt zu leisten. Auf diese Weise entstand 2013 das Internetportal vostel.de, das Freiwillige, die sich in Berlin sozial engagieren möchten, mit Organisationen und Initiativen verbindet, die Unterstützung für ihre Projekte suchen. „Wie sich herausstellte, war es gar nicht so einfach, ehrenamtliche Aktivitäten für Touristen zu finden, die ja zum Teil kein Deutsch sprechen“, erzählt Hanna. Die ersten Angebote stammten u.a. aus dem Bereich der Obdachlosenhilfe. In diesem Bereich sind ehrenamtliche Helfer aus anderen Ländern besonders gefragt – schließlich sind über 70 Prozent der Obdachlosen in Deutschland nichtdeutscher Herkunft.
 
Als sie ihre Website starteten, hatten Hanna und Stephanie gerade einmal fünf Projekte im Angebot. Heute vermitteln sie Hunderte von ehrenamtlichen Tätigkeiten allein in Berlin – inzwischen sind sie auch in anderen Städten aktiv. Die Resonanz, die ihr Projekt fand, überraschte sie selbst ein wenig, denn bei den Nutzern der Website handelte es sich nur in den wenigsten Fällen um Touristen, sondern überwiegend um Einwanderer, Austauschstudenten und auch Einheimische. In den meisten Fällen sind es junge Leute, die sagen: „Ich wollte mich schon immer sozial engagieren, habe aber nie das Richtige für mich gefunden.“
 
vostel.de hilft nicht nur dabei, ein geeignetes ehrenamtliches Engagement zu finden, sondern erleichtert auch die entsprechenden Abläufe. „Früher musste man in der Regel eine E-Mail an die betreffende Organisation schreiben. Anschließend wurde man oft zu einer Art Bewerbungsgespräch eingeladen und musste schließlich noch eine mehrtägige Schulung absolvieren“, erzählt Hanna. „Mit unserer Plattform wollten wir diese Prozedur vereinfachen und abkürzen.“
 
Zwei Jahre später stellte sich heraus, dass die Vielzahl an Engagementangeboten und Freiwilligen nicht mehr zu handeln war. Hanna und Stephanie hatten nicht genügend Zeit, um sämtliche E-Mails zu beantworten. Also kratzten sie ihre letzten Ersparnisse zusammen und beauftragten einen IT-Spezialisten, eine entsprechende Internetplattform zu entwickeln, die bis heute in dieser Form existiert.
 
Ein großer Teil der Kommunikation erfolgt inzwischen automatisiert. Freiwillige, die sich für ein bestimmtes Projekt anmelden, erhalten wenige Tage vor dem Beginn des Engagements eine Erinnerungs-E-Mail. Und die teilnehmenden Organisationen werden unter anderem darauf hingewiesen, wenn sie Anfragen von Freiwilligen nicht rechtzeitig beantworten. „Statistiken zeigen, dass deine Motivation, an einem Projekt teilzunehmen, um ganze 50 Prozent sinkt, wenn du innerhalb von zwei Tagen keine Antwort auf eine Anfrage erhältst. Nach einer Woche liegt sie praktisch bei Null. Deshalb fordern wir die Organisationen dazu auf, E-Mails so schnell wie möglich zu beantworten. Wenn ein Freiwilliger nicht zu einem Projekt erscheint, für das er sich angemeldet hat, wird er zweimal ermahnt. Beim dritten Mal wird er von der Plattform ausgeschlossen“, betont Hanna.
 
Jährlich besuchen etwa eine halbe Million Nutzer die Website – etwa 60 Prozent von ihnen stammen aus dem Ausland. Die beliebtesten Projekte sind die Mobile Tours for Homeless der Berliner Obdachlosenhilfe, die Berliner Tafel und Bikeygees – ein Verein, der kostenlosen Radfahrunterricht für Frauen und Mädchen anbietet und vor allem geflüchteten Frauen ein völlig neues Leben ermöglicht. „Ohne Fahrrad kommen sie praktisch nirgendwo hin – sie haben kein Auto und können sich keine Fahrscheine für öffentliche Verkehrsmittel leisten. Mit einem Fahrrad sind sie mobil. Der Verein stellt manchen Teilnehmerinnen auch gespendete Fahrräder zur Verfügung“, erklärt Hanna. Doch das ist nicht der einzige Nutzen dieses Projekts. „Die Teilnehmerinnen bauen enge Beziehungen untereinander auf, auf diese Weise entsteht ein echtes soziales Netzwerk. Das Projekt fördert die Begegnung zwischen Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und aus unterschiedlichen Altersgruppen.“
 
Die meisten der von vostel.de vermittelten Freiwilligen sind zwischen 18 und 35 Jahren alt. Einen großen Anteil machen Frauen aus, die an einem bestimmten Punkt ihres Lebens angelangt sind und nach neuen Herausforderungen suchen. Zum Beispiel Frauen, die sich nach den ersten erfolgreichen Jahren im Berufsleben plötzlich die Frage stellen: „Worum geht es bei all dem eigentlich?“ Die nach einer Aufgabe suchen, die ihrem Leben einen Sinn verleiht. „Oder auch Mütter, deren Kinder bereits etwas älter sind und die zwar noch nicht genügend Zeit haben, um zum Beispiel eine Halbtagsstelle anzunehmen, aber genügend Zeit, um sich ehrenamtlich zu engagieren“, sagt Hanna.
 
Sie fügt hinzu, dass das Interesse der Freiwilligen an ihrem Internetportal von Jahr zu Jahr wächst. „Die Form des Engagements hat sich jedoch in den letzten Jahren verändert. Während sich ältere Teilnehmer nach wie vor mehrere Jahre lang für ein bestimmtes Projekt engagieren, suchen jüngere Teilnehmer eher nach zeitlich begrenzten Projekten. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass junge Menschen häufiger ihren Arbeitsplatz oder ihren Wohnort wechseln und sich gerade erst ein Privatleben aufbauen. In diesem Alter ist nichts stabil“, sagt Hanna.
 
vostel.de bietet auch Corporate-Volunteering-Projekte für Unternehmen an. „Vor allem größere Unternehmen versuchen, ihre Mitarbeiter zu ehrenamtlichem Engagement zu ermutigen. Eines der Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten, gewährt seinen Mitarbeitern jedes Jahr 16 zusätzliche freie Stunden für ehrenamtliches Engagement“, erzählt Hanna. „Viele dieser Arbeitgeber treten mit uns in Kontakt, um sich bei der Suche nach geeigneten Aktivitäten für ihre Mitarbeiter beraten zu lassen. Die Projekte, die wir ihnen vorschlagen, zielen nicht nur darauf ab, dass man hinterher ein hübsches Foto für das Firmenalbum erhält. Sie erfordern echtes Engagement.“
 
Hannas Ansicht nach sind unter anderem auch der Klimawandel und das gestiegene ökologische Bewusstsein dafür verantwortlich, dass immer mehr Menschen beginnen, sich ehrenamtlich zu engagieren: Auch wenn sie nicht unmittelbar im Bereich Umweltschutz aktiv sind, wollen sie doch gerne einen eigenen Beitrag leisten und das Gefühl haben, dass man etwas verändern kann, und wenn auch nur in Kleinem. „Ehrenamtliches Engagement ist etwas, das sich in einem bestimmten Moment deines Lebens ganz von selbst ergibt – in dem Moment, in dem du das Bedürfnis bekommst, aus deiner eigenen Komfortzone auszubrechen“, betont Hanna.

[1]          Freiwilliges Engagement in Deutschland. Zusammenfassung zentraler Ergebnisse des Vierten Deutschen Freiwilligensurveys, https://www.bmfsfj.de/blob/113702/53d7fdc57ed97e4124fffec0ef5562a1/vierter-freiwilligensurvey-monitor-data.pdf
 

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