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Angelika Nieścier im Gespräch
Die Begegnung mit dem Unbekannten ist das Element des Künstlers

Angelika Nieścier (links) im Konzert
Angelika Nieścier (links) im Konzert | Foto (Ausschnitt): privat

Angelika Nieścier, Komponistin und Saxofonistin, im Zoom-Gespräch mit Joanna Strzałko darüber, wie es den Künstlern während der Pandemie geht.

Wo hat dich die Pandemie erreicht?

In meiner Wohnung in Köln. Genau hier in der Küche (lacht). Aber im Grunde hatte ich sie schon im Januar gespürt, als ich mit meinem New York Trio auf Konzerttour war. Wir spielten unter anderem in der Elbphilharmonie in Hamburg. Meine Mitmusiker flogen aus den USA ein, und ich fragte sie, wie sie sich fühlten und ob sie Masken dabeihätten. Und obwohl sie selbst sagten, dass sie bereits über diverse Schutzmaßnahmen nachgedacht hatten, waren sie überrascht über meine Vorsorglichkeit. Zwei Monate später spielte ich einen Tag vor dem Lockdown in einem Klub in Neuss in Nordrhein-Westfalen. Der Saal war gut gefüllt, aber es lag eine eigentümliche Unruhe in der Luft.
Angelika Nieścier Angelika Nieścier | Foto: privat Wie sehr leidest du unter den Einschränkungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie?

Psychisch geht es mir zum Glück gut. Ich habe keine Probleme damit, allein zu sein. Ich kann mich nicht beschweren, obwohl ich eigentlich im April nach Kuala Lumpur, die Hauptstadt Malaysias, reisen wollte, um ein gemeinsames Projekt mit dem Orang Orang Drum Theater zu realisieren. Und im Mai sollten einige Konzerte in New York stattfinden. Aber was soll man machen? Im Moment herrscht großes Durcheinander, sämtliche Veranstaltungen, die im Frühling stattfinden sollten, wurden in den Herbst oder in den Winter verschoben, die, die im Herbst und im Winter stattfinden sollten, wurden auf nächstes Jahr verlegt, und so weiter und so fort. Es staut sich gerade immer mehr an. Klar bin ich traurig darüber, aber schließlich leidet ja die ganze Welt unter der Pandemie. Menschen sterben, erkranken oder machen sich große Sorgen, weil sie nicht wissen, wie sie das alles bewältigen sollen.

Und wie bewältigst du es?

Mein Leben geht weiter. Ich habe viel zu tun. Ich stehe früh morgens auf, um ein bisschen an der frischen Luft zu laufen, bevor alle anderen nach draußen gehen. Später verlasse ich meine Wohnung nicht mehr, außer um Einkäufe zu machen. Als ich sah, wie sich die ersten Schlangen vor den Geschäften bildeten, dachte ich mir sofort: „Nicht mit mir!“ Ich bin schließlich in Polen aufgewachsen. Als Kind musste ich zwei Tage in der Schlange vor dem Fleischladen stehen, das mache ich nicht noch einmal mit. Wir leben im Jahr 2020, und leere Regale machen mir keine Angst! Ich esse einfach das, was ich im Kühlschrank habe, und überlebe auch.

Aber um zum Beruflichen zurückzukehren: Ich versuche, mich in erster Linie auf meine Musik zu konzentrieren. Ich schreibe und komponiere und bereite mich auf die für September und Dezember geplanten Projekte und Studioaufnahmen vor. Außerdem leite ich digitale Seminare am Institut für Musik der Hochschule Osnabrück. Ich sage meinen Studentinnen und Studenten immer wieder: „Wenn Ihr professionelle Musiker werden wollt, dann versucht, etwas aus dieser Situation zu lernen.“

Woran denkst du dabei?

Wenn du künstlerisch tätig bist, musst du bereit sein, dich dem Unbekannten zu stellen. Vor allem wir Jazzmusiker, die wir ständig improvisieren, Grenzen überschreiten und uns bei Auftritten immer wieder auf neue Situationen einstellen müssen. Die Begegnung mit dem Unbekannten ist unser Element.
Angelika Nieścier im Zoom-Gespräch mit Joanna Strzałko Angelika Nieścier im Zoom-Gespräch mit Joanna Strzałko | Vielleicht haben Künstler es derzeit sogar etwas leichter als andere Menschen, weil sie – der gängigen Vorstellung nach – ihre Leidenschaft leben und daran gewöhnt sind, dass das Geld nicht in Strömen fließt.

Na ja, ganz so schlimm ist es auch nicht. Die meisten von uns sind Freiberufler. Wir planen unsere Projekte und die damit verbundenen Einkünfte etwa ein Jahr im Voraus. Das gibt uns eine gewisse finanzielle Sicherheit.

Aber es stimmt schon: Ich bin nicht künstlerisch tätig, weil ich es muss. Das ist etwas, das in mir ist. Ohne dieses etwas könnte ich keine Musik machen.

Welche Auswirkungen hat die Pandemie deiner Ansicht nach auf die Kunst?

Es klingt vielleicht wie ein Klischee, aber jede Krise birgt auch eine Chance. Daran will ich glauben! Ich bin Optimistin und habe die Hoffnung, dass die Pandemie uns dazu bringt, gemeinsam zu handeln und globaler zu denken – dass wir solidarischer sein werden als jemals zuvor. Schließlich will niemand, dass wir erneut in der sozialen Isolation landen. Auch wenn wir alle nur Menschen sind (lacht).

Ich würde mir sehr wünschen, dass wir die richtigen Schlüsse aus der gegenwärtigen Situation ziehen. Indem wir zum Beispiel einen internationalen Fonds für Künstlerinnen und Künstler ins Leben rufen, damit niemand mehr Angst haben muss, seine Arbeit oder seine Wohnung zu verlieren. Dass die Wissenschaftler in aller Welt ihre Kräfte vereinen und gemeinsame Maßnahmen ergreifen – nicht aus finanziellen oder politischen Beweggründen oder um berühmt zu werden, sondern für uns, für die Menschen. Wir sollten endlich anfangen, auf die Menschen zu hören.

Viele sagen, dass sie genug von der ganzen Angstmacherei haben und sich nach etwas Hoffnung sehnen.

Wir sollten uns selbst an die Brust schlagen! Das Virus entstand ja nicht aus dem Nichts, sondern es ist eine direkte Folge unseres Umgangs mit der Natur. Wir müssen begreifen, dass, wenn wir nicht endlich damit aufhören, Tiere zu quälen und Wälder zu roden, die nächste ökologische Krise bereits vorprogrammiert ist. Das dürfen wir nicht vergessen.

Ich habe die Hoffnung, dass wir gestärkt aus dieser Situation hervorgehen werden. Auch wenn ich vielleicht leicht reden habe, weil ich in Deutschland lebe, einem Land, in dem Künstler staatliche Unterstützung erhalten.

Es ist großartig, dass die Stimme der Freiberufler in Deutschland gehört wurde. Uns wurde klar, dass wir eine große und wohl auch wichtige Gruppe darstellen.

Wie sieht diese Unterstützung aus?

Einige Monate nach dem Abschluss meines Studiums an der Folkwang Universität der Künste in Essen trat ich der Künstlersozialkasse bei. Das ist eine wunderbare Institution, die uns Künstler sehr unterstützt. Sie übernimmt die Hälfte der Beiträge für die gesetzliche Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung. Vor ein paar Jahren machte ein Politiker den Vorschlag, die Künstlersozialkasse abzuschaffen, doch der Widerstand war so groß, dass er schon bald einen Rückzieher machte.

Kurz nachdem die Pandemie ausgerufen worden war, bot die GVL, die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten, uns eine Corona-Soforthilfe in Höhe von 250 Euro an – nicht viel, aber immerhin etwas. Außerdem können Freiberufler staatliche Hilfen und Zuschüsse in Höhe von bis zu 9000 Euro beantragen. Schließlich wurden meine Konzerte abgesagt, und ich habe finanzielle Einbußen erlitten. Ich habe einfach ein entsprechendes Formular im Internet ausgefüllt – mit meinem Namen, meiner Steuernummer und einer Liste der abgesagten Veranstaltungen. Und sofort erhielt ich eine Überweisung.

Du fühlst dich also finanziell abgesichert?

Ich bin erleichtert, dass ich in einem Land lebe, das Verantwortung für uns Künstler übernimmt. Es ist großartig, dass die Stimme der Freiberufler in Deutschland gehört wurde. Uns wurde klar, dass wir eine große und wohl auch wichtige Gruppe darstellen. Hut ab! Aber wir dürfen uns nichts vormachen: Es ist nicht alles eitel Sonnenschein. Wir müssen uns genau überlegen, was wir mit diesem Geld anfangen. Es ist nicht so, dass wir diese 9000 Euro jetzt einfach auf den Kopf hauen können. In ein paar Monaten können die Behörden unsere Angaben überprüfen und eine teilweise Rückzahlung der Soforthilfen verlangen.

In Polen ist die Situation für Künstler zurzeit sehr schwierig.

Das wusste ich nicht. Es tut mir leid, das zu hören. Ich war letztes Jahr in Polen, auf dem Jazz-Festival in Sopot. Das war fantastisch! Aber darüber hinaus habe ich seit dem Tod meiner Großeltern vor einigen Jahren keine besondere Beziehung mehr zu Polen. Ich kam mit meiner Mutter und meinem Stiefvater nach Deutschland, als ich elf Jahre alt war – das war 1981, eine Woche, bevor in Polen das Kriegsrecht ausgerufen wurde. Ich war damals traurig, meine Heimatstadt Stettin und meine Freunde zurückzulassen, aber die Entscheidung lag nicht bei mir.

Und in Deutschland hast du dann angefangen, Saxofon zu spielen?

Angelika Nieścier Angelika Nieścier | Foto: Arne Reimer Ja. Ab Mitte der Neunzigerjahre besuchte ich eine Musikschule. Mir gefielen die Saxofon-Soli in den Songs von Sade und Tina Turner. Und als ich an meinem ersten Tag in der Schule überlegte, ob ich jetzt das große oder kleine Instrument nehmen sollte, schnappte sich ein Junge einfach das größere, das Tenorsaxofon. Für mich blieb das Altsaxofon übrig – und ich bin bis heute dabei geblieben (lacht).

Wem verdankst du deinen Sound?

Ich war 17 oder 18 Jahre alt und konnte kaum mein Saxofon richtig halten, da drückte mir ein Freund eine Audiokassette in die Hand und sagte „Hör dir das mal an!“ Das war John Coltrane. Seine Musik überrollte mich geradezu. Dieser Klang, diese Intensität, diese Emotion. Meine gesamte Welt explodierte!

Auch meinen großartigen Lehrern habe ich viel zu verdanken. Sie brachten mich unter anderem mit Strawinskys Le sacre du printemps in Berührung und führten leidenschaftliche Diskussionen mit mir, die mir viel zu denken gaben: darüber, was ich mit meiner Musik ausdrücken möchte, und warum ich das tue, was ich tue.

Ich bin Musikerin und Bandleaderin. Und ich mache gemeinsame Projekte mit Menschen in aller Welt, mit Menschen, die mich inspirieren. Und ich habe das Glück, in Deutschland zu leben, wo man – vorausgesetzt, man hat genügend Willen und Ausdauer – mit seiner Musik nicht nur Erfolg haben, sondern auch davon leben kann.

Im Augenblick kannst du jedoch lediglich im Internet auftreten. Gibst du Online-Konzerte?

Wir hatten bereits vor der Corona-Krise geplant, ein Live-Album mit dem André Nendza Quintett einzuspielen, kamen jedoch erst drei Tage nach dem Beginn des Lockdowns dazu. Wir mussten auf der Bühne zwei Meter Abstand voneinander halten, wir spielten vor leeren Rängen und guckten in die Kamera. Das war eine ganz merkwürdige Atmosphäre. Aber wir hatten eine Menge Zuschauer im Internet, die richtig gut mitgingen: Ständig erschienen irgendwelche Kommentare auf dem Bildschirm: Beifall, nach oben gestreckte Daumen und Ausrufe wie „Yeah!!!“ oder „Wow!!!“. Außerdem unterstützten sie unsere Session auch finanziell. Sie spendeten sehr großzügig und feuerten uns an – und wir gaben alles, was wir hatten. Das Live-Album wird voraussichtlich im Sommer dieses Jahres unter dem Titel Behind Closed Doors erscheinen.

Wenn die Pandemie vorüber ist, müssen wir den Menschen wieder ins Bewusstsein bringen, wie es ist, auf einem Konzert zu sein, Musik live, gemeinsam mit anderen Menschen zu erleben, jeden einzelnen Ton zu spüren.

Was würden wir nur ohne das Internet machen, gerade jetzt?!

Das stimmt. Obwohl ich manche Dinge auch ein wenig kritisch sehe. Ich denke, wir Künstler sollten aufpassen, dass wir uns nicht zu billig verkaufen. Es sollte nicht zu viele kostenlose Live-Streams geben. Ich kann schon verstehen, warum Künstler das tun, aber wir müssen uns auch der Konsequenzen bewusst sein. Wir versuchen schließlich alle, von unserer Kunst zu leben. Wenn sich alle zu sehr an kostenlose Auftritte gewöhnen, womit sollen wir dann Geld verdienen? Selbstverständlich sind wir gerade alle etwas durch den Wind und haben Schwierigkeiten, uns in der neuen Situation zurechtzufinden. Viele Festivals und Klubs streamen Konzerte, doch oft sind die Server dermaßen überlastet, dass die Bild- und Tonqualität sehr schlecht ist. Das ist fatal! Außerdem lassen sich gewisse Dinge nur sehr schwer auf den Bildschirm transportieren, insbesondere, wenn du nicht eine gute Anlage, mehrere Kameras und einen guten Regisseur zur Verfügung hast.

Wenn die Pandemie vorüber ist, müssen wir den Menschen wieder ins Bewusstsein bringen, wie es ist, auf einem Konzert zu sein, Musik live, gemeinsam mit anderen Menschen zu erleben, jeden einzelnen Ton zu spüren. Im Augenblick haben wir leider nicht die Möglichkeit dazu. Und gerade diese Erfahrung fehlt uns am meisten. Wir sitzen vor unseren Bildschirmen und versuchen, ein Gefühl von Gemeinsamkeit zu erzeugen, doch in Wirklichkeit sind wir allein.

Denkst du, dass es in Zukunft wieder große Konzerte geben wird?

Aber sicher doch! Wir müssen uns nur auf die neue Situation einstellen, lernen mir ihr zu leben und aus ihr zu lernen. Ich denke, dass wir uns ohne größere Schwierigkeiten an diverse Sicherheitsmaßnahmen gewöhnen werden. Selbst wenn wir alle Masken tragen müssen, ist das auch kein Drama! Deshalb habe ich keine Zweifel daran, dass es irgendwann wieder Live-Konzerte geben wird. Vielleicht sogar schon Ende dieses Jahres?
 
Angelika Nieścier – (geb. 1970 in Stettin) ist eine deutsche Komponistin und Saxofonistin polnischer Herkunft. 2017 wurde sie mit dem Albert-Mangelsdorff-Preis ausgezeichnet – der wichtigsten Auszeichnung für Jazz im deutschsprachigen Raum, die alle zwei Jahre von der Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ) verliehen wird. Sie gewann auch den ECHO Jazz. Bereits zweimal erhielt sie den Vierteljahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik, unter anderem für ihr Album mit Florian Weber und der NYC Five. Als ihre größten musikalischen Einflüsse nennt sie John Coltrane, Igor Strawinsky, Frédéric Chopin, Wayne Shorter, Steve Lehman und György Ligeti – eine bunte Mischung aus Jazz und Klassik.
  

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