Reisetrends Auf der Suche nach dem echten Leben

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Illustration: Tymek Piotrowski © Goethe-Institut Polen

Auf ihren Reisen sehnen sich viele Deutsche vor allem nach einem: Authentizität – jenseits vom eigenen Alltag.

Ihren letzten Urlaub hat Marina Meyer in Amsterdam verbracht. Sie hat für zwei Wochen ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft gemietet, ist mit den Mitbewohnern auf Zeit essen gegangen, auf Konzerte und ins Museum. Geblieben ist ihr „das starke Gefühl, dass ich die Stadt so kennengelernt habe wie die Einheimischen, ganz authentisch und ohne Touristenfallen“. Gebucht hat sie die Übernachtung über das Online-Portal Airbnb, das seit 2008 Urlauber mit Privatpersonen zusammenbringt, die ein Zimmer oder eine ganze Wohnung vermieten.

Der Berg ruft

Für Anna Maurer liegt das echte Leben auf dem Berg. Die 42-Jährige kratzt nun schon zum dritten Mal ihren Jahresurlaub zusammen, um auf einer österreichischen Alm den Sommer zu verbringen und als Sennerin zu arbeiten. Sie wird gegen 4 Uhr aufstehen, die Tiere versorgen, sich um den Käse kümmern, Ausflügler bekochen und am Abend „wahnsinnig glücklich“ ins Bett fallen. „Wenn ich im Herbst zurück ins Büro komme, bin ich so erholt wie niemals sonst“, sagt sie.

Immer mehr Deutsche tauschen ihre Wohnung zeitweise gegen eine Almhütte. Jobs finden sie zum Beispiel online unter Almwirtschaft.com. Im Moment suchen dort zum Beispiel eine Abiturientin und ein junges Paar nach einer Stelle.
Viele Berufstätige gehen noch einen Schritt weiter. Sie entscheiden sich für ein Sabbatical, legen ihren eigenen Alltag  für sechs bis zwölf Monate auf Eis. Manche von ihnen bereisen mit den (noch  nicht schulpflichtigen) Kindern die Welt, andere ziehen sich ein Jahr lang auf ein Hausboot zurück.

Fast jeder Zweite wünscht sich ein Sabbatical

Laut einer Studie der Online-Platform Wimdu träumt fast jeder zweite Deutsche (43 Prozent) von einer solchen beruflichen Pause. Internetseiten wie Sabbatjahr.org sind auf die „Auszeit-Beratung“ verschiedener Zielgruppen spezialisiert, schließlich haben Lehrer zu diesem Thema andere Fragen als Abiturienten oder Studenten.

Die Reisebloggerin Ute Kranz hat das Unterwegssein zu ihrem Alltag gemacht. 2014 hat sie ihre Stelle als Kommunikationswirtin – und ihre Wohnung – gekündigt. Seitdem konzentriert sie sich ganz auf das Reisen und ihren Blog Bravebird: „Reiseblogs haben gegenüber den klassischen Reiseführern und Magazinen den Vorteil, dass die Informationen aktuell und meist sehr persönlich sind.“ Zudem hätten viele Blogger ein gutes Gespür für schöne Unterkünfte, Restaurants, Cafés und „besondere Highlights, die den Leser individueller ansprechen als ein Reiseführer, der tendenziell eine möglichst breite Masse bedienen möchte“. Ein weiterer Grund  für den Erfolg  seien „neben inspirierenden Texten und ansprechenden Fotos auch deren Lifestyle, von dem viele Menschen träumen“.

Authentizität ist für Reiseblogger eine wichtige „Währung“

Wie aber schafft man es, authentisch und unabhängig zu bleiben, wenn man auf die Einnahmen des Blogs angewiesen ist? „Gesponserte Artikel, Werbung und Pressereisen sichern zwar das Einkommen, jedoch kann darunter das Interesse und Vertrauen der Leser leiden“, sagt Kranz. Deshalb arbeitet sie extern als Autorin, Social Media-Beraterin oder Fotografin für andere Unternehmen, hat einen Reiserucksack für Frauen entwickelt und schreibt an ihrem ersten Buch. „Durch diese Einkünfte kann man weiter unabhängig reisen und authentische Artikel schreiben.“

Als hauptberufliche Reisebloggerin hat Ute Kranz keinen klassischen Urlaub mehr. „Während sich andere unter Palmen erholen, beginnt mein Job hinter der Kamera und vor dem Laptop. Man muss sich also gezielt Auszeiten nehmen, um nicht am Ende 365 Tage im Jahr seinen Blog und die sozialen Kanäle mit Informationen und Updates zu füttern.“ Mit der steigenden Popularität von Bravebird habe sich herausgestellt, dass sie für viele Leser eine gewisse Vorbildfunktion einnehme. Deshalb gehe sie mit mehr Verantwortungsbewusstsein an Artikel, Fotos und Empfehlungen heran. „Ansonsten versuche ich, ich selbst zu bleiben und nicht nach Trends und Vorstellungen anderer zu leben und zu reisen“, sagt die 40-Jährige.

Fast wie ein kleiner Urlaub: Die Welt kommt in die eigene Wohnung

Wenn die Amsterdam-Reisende Marina Meyer keinen  Urlaub hat, vermietet sie ein Zimmer ihrer kleinen Studentenwohnung an Übernachtungsgäste – und zeigt dann anderen, wo man in ihrer kleinen Universitätsstadt am authentischsten ausgehen kann. Früher hat sie junge Leute aus der ganzen Welt, die sie online über die Internetseite Couchsurfing.com kontaktiert haben, kostenfrei bei sich aufgenommen. Dass sie nun Geld bekomme, sei für sie nicht ausschlaggebend. „Für mich bleibt es das Allerschönste, dass die Welt zu mir in meine Wohnung kommt.“  Das sei eine Art  Urlaub, der auch ihre künftige Reiseplanung beeinflusse. 

Dass inzwischen so viele Deutsche ihre Wohnungen und Zimmer nicht mehr an langfristige Mieter, sondern an kurzfristige Übernachtungsgäste vermieten, verschärft die Probleme auf dem ohnehin angespannten Wohnungsmarkt. Und immer mehr Anwohner finden den eigenen Kiez mittlerweile  überhaupt nicht mehr authentisch. Inzwischen werden die Privatvermietungen auch politisch unterbunden: So hat etwa Berlin ein Zweckentfremdungsverbot für Ferienwohnungen durchgesetzt. Wer sich nicht daran hält, dem droht ein Bußgeld von bis zu 100.000 Euro. Airbnb hat deshalb  Tausenden Berliner Nutzern gekündigt. Marina Meyer ist froh, dass sie davon nicht betroffen ist.