Miha Mazzini Skeptiker in Weimar

Miha Mazzini: Skeptiker in Weimar
Miha Mazzini: Skeptiker in Weimar | Robert Kruh

Der Delo-Kresnik-Preisträger Miha Mazzini nahm auf Initiative des Goethe-Instituts Ljubljana an dem internationalen Kultur-Symposium des Goethe-Instituts in Weimar teil, wo er darüber nachdachte, wie  „Teilen und Tauschen“ in dem postsozialistischen Slowenien funktionieren kann.

Ein altes slowenisches Sprichwort heißt: „Mit Honig fängt man Fliegen, mit süßen Worten Leute“ ("Na med se muhe love, na sladke besede ljudje"), und als ich einmal während des Recherchierens für einen Roman durch das Zeitungsarchiv gestöbert habe, hat es mich durchzuckt, dass die Geschichte der Menschheit auch als Geschichte der „Zauberwörter" geschrieben werden könnte, die man heute als „Buzzwords" bezeichnet. Aus einem Mund verbreiten sie sich in viele und es scheint uns, dass wir uns jedes Mal, wenn wir sie aussprechen, dem Moment der Erlösung nähern. Aber je mehr sie sich verbreiten, desto mehr welken sie, und wenn sie verschwinden, werden sie von neuen ersetzt.
Die Teilung und die gemeinsame Nutzung von Gütern sind derzeit heiße Begriffe, die die Lösung für die Probleme der Menschheit versprechen. Ich fand das Symposium in Weimar, das zwischen dem ersten und dritten Juni 2016 vom Goethe-Institut organisiert wurde, eine gute Gelegenheit, dass ich bei den Teilnehmern aus der ganzen Welt überprüfe, wie es mit dieser Angelegenheit aussieht. Und ja, ich wollte immer Goethes Arbeitsraum und jenes Häuschen sehen, das Karl August ihm versprochen hat, damit er nach Weimar kommt.

Die Einführungsvorlesung fiel Jeremy Rifkin zu, der wahrscheinlich ohnehin auf Promotionstournee für sein Buch Zero Marginal Cost society ist, eines der optimistischsten Bücher, die ich jemals gelesen habe, wenn ich Bücher mit Ratschlägen für Gewichtsabnahme und Glückssuche abziehe. Kurzgesagt: alles wird kostenlos sein und es wird genug für alle geben. Hm.
In Amerika gibt es einen besonderen Beruf, den man "Evangelist" nennt, und ich habe schon lange keine bessere Bezeichnung gehört.
Während der Rede tat es mir leid, dass ich nicht irgendwo unter dem Vorleser sitze und in das Publikum schaue. Diejenigen Gesichter, die ich bei der Bewegung des Kopfs jedoch erhascht habe, haben alle möglichen Nuancen gezeigt, von Skepsis bis Begeisterung. Schon während des Lesens des Buches haben sich mir Fragen gestellt, auf welche ich auch während der Vorlesung keine Antwort bekommen habe. Zum Beispiel: Warum würden Autohersteller die Teilung und gemeinsame Nutzung der Autos anstatt des individuellen Eigentums so begeistert unterstützen? Ist die Begeisterung tatsächlich nur die Negierung der Realität? Und ist sie überhaupt möglich, wenn wir von der Realität nicht abrücken? Oder werden wir nur von Zeit zu Zeit hineingerissen? So wie Tomáš Sedláček, der in seiner Rede irgendwie zu Penissen gekommen ist und dann festgestellt hat: "Jeder hat doch einen!". Aus eigenen empirischen Erfahrungen kann ich zusichern, dass dem nicht so ist, und kann dem Gott für die Freuden des Lebens danken.

Unten den Bekundungen aus der ganzen Welt konnten wir Leute hören, die für gemeinsame Räume der Treffen, Workshops und Verbindungen in Gemeinschaft sorgen, und jene, die Dienste oder Leistungen austauschen (die sogenannten Zeitbanken) oder versuchen, mit ihren Applikationen ganz konkrete Fälle zu lösen, zum Beispiel Verkehrsstaus in ihren Großstädten. Auch hier gibt es viele Leute, die von der Technologie verblendet wurden und sie bei ihrer Arbeit nicht nur als Werkzeug ansehen, sondern als Ziel der Tätigkeit selbst. Technische Begeisterte denken, dass die Zukunft das Schloss ist, das von der richtigen Applikation aufgeschlossen wird. Sie müssen es nur programmieren und die Welt wird gerettet. "Tatatata!" werden die Engelscharen blasen und wir alle werden bis zum Ende unserer Tage glücklich leben.

Mithilfe der Technologie verbreiten sich Ideen natürlich blitzschnell, was das Gefühl entstehen lässt, dass wir schneller leben. Aber persönlich fand ich es am interessantesten zu beobachten, wie eine solche Idee, bis zur Universalität abgespeckt, in der lokalen Gemeinschaft landet und wie sie unbewusst verändert werden muss, um sie adoptieren zu können. Während bei Nordländern jeder in seiner Wohnung sitzt und über Technologie alle notwendigen Daten austauscht, damit der persönliche Kontakt so kurz wie möglich ist, vereinbaren die mehr im Süden lebenden Leute über die Technologie nur das gemeinsame Treffen und debattieren dann weiter Live.

Als Mensch, der im Sozialismus aufgewachsen ist, brauchte ich ausnehmend viel Zeit, bevor ich festgestellt habe, wie wichtig das gemeinsame Wohl ist. Die Kommunisten haben natürlich das Unternehmertum und privates Eigentum vernichtet, aber noch stärker haben sie das Gemeinwohl angegriffen, denn sie haben es zu staatlichem Eigentum verändert, also in etwas, was niemandem gehört und weswegen jeder so viel stehlen kann, wie er kann. Deshalb ist das Konzept, für etwas Gemeinsames zu sorgen und seine Früchte zu genießen, in postsozialistischen Staaten vergessen. Bevor ich nach Weimar ging, machte ich eine Umfrage unter meinen Mitbürgern und fragte, was sie sich unter Teilung des Gemeinsamen vorstellen, und bekam überraschende Antworten, meistens Airbnb und Uber. Diese zwei sind natürlich das Hohelied des Kapitalismus. Der erste verändert Gastfreundschaft in Marktware, und der zweite Trampen. Nur in Transitionsstaaten kann jemand über äußerst kapitalistische Unterfangen denken, dass es um eine Regulierung des Gemeingutes geht. In Weimar habe ich die Befragung wiederholt und geeignetere Antworten bekommen. Die Deutschen haben so meistens jenes erwähnt, was schon nahezu nationale Symbole betrifft, Autos, also "Carsharing".

Die Idee über Teilung und Verbindung haben die Dozenten und Debattanten größtenteils als etwas neues vorgestellt; gemäß den Bräuchen der Zeit, die sich für das Alte nicht interessiert, denn sie will aufs Neue anfangen, was lobenswert ist, aber sie wird deswegen die vorherigen Fehler doch wiederholen müssen, was normal ist. Tatsächlich ist aber der grundsätzliche Zustand der Menschheit Verbindung und Teilung. Noch bis vor kurzem gab es überhaupt nicht so viele Gegenstände, dass jeder seinen eigenen haben könnte (schreibt ein Mensch, der aus einem Staat kommt, der die kleinsten Bauernhöfe und die größte Anzahl von Traktoren je Bauernhof hat) und niemand würde darauf kommen, dass Wasser etwas ist, was wir in Flaschen füllen, um die halbe Welt fahren und kaufen müssen. Mit der Individualisierung, auf der die westliche Zivilisation eigentlich gründet, hat auch alles andere, einschließlich der Umwelt, von der Erde über Wasser bis zur Luft, begonnen, in Stücke zu zerfallen. Das Ideal des Konsumdenkens: Jeder ist allein und jeder hat komplett seine eigenen Sachen. Es gibt keinen Planeten, der diese Logik aushalten würde. Deswegen müssen wir uns ihr widersetzen und miteinander umgehen und austauschen, auch in Weimar, was uns das Goethe-Institut ermöglicht hat.

Nach allem Gehörten und Gesehenen denke ich nicht, dass Teilung und gemeinsame Nutzung Tiger in Schafe und die Erde in ein Paradies verändern werden. Ich denke aber, dass es um einen wichtigen Kampf gegen die unbarmherzige Erschöpfung geht und vor allem um einen wichtigen Schritt in Richtung Verbindung. Menschen sind nicht nur Einzelne, wir sind immer Angehörige einer Gruppe. Außer den extremen Psychopathen und Soziopathen tuen wir alles nicht nur für uns, sondern immer auch mit dem Gedanken an den anderen. Teilung und Verbindung ist also ein Kampf, dass wir die Welt gerade den Soziopathen und Psychopathen entreißen.

Als ich nachgedacht habe, wer die beste Schlussrede halten würde, erinnerte ich mich an John Donne, obwohl er schon beinahe vier Jahrhunderte tot ist. Er könnte uns ruhig sein eigenes Lied darüber vorlesen, dass keiner eine Insel ist, sondern wir alle Teile des Kontinents sind. Und es gibt immer Zeit für die Tat und nicht die Zeit für das Fragen, wem die Stunde schlägt, denn sie schlägt immer jedem von uns.