Tresor Technoclub Tresor

Tresor in Berlin
© Michael Brossmann

Hatten die Clubs der Wendezeit noch nicht mal eine Steuernummer, kommen sie heute nicht mehr ohne Businessplan aus. Zwei Filme erzählen die Geschichte der Berliner Clubkultur.

Seit dem Mauerfall ist Berlin zu einem zentralen Sehnsuchtsort für Fans elektronischer Musik geworden. Wie es dazu kam, dass ausgerechnet Berlin die Stadt ist, in der man das Wochenende von Donnerstag bis Dienstag verlängert durchtanzen kann und die sogar eine eigene Gattung des Touristen – den Easyjet-Raver – hervorgebracht hat, erzählt ein Film, der jüngst auf DVD erschienen ist. Sub:Berlin von Tilman Künzel handelt vom Tresor, einem Club, der kurz nach der Wiedervereinigung in einer Panzerkammer einer ehemaligen Bank unterhalb des Todesstreifens gegründet wurde.

Eröffnet im März 1991, war der Tresor der Club, der die Aufbruchstimmung der Nachwendezeit in Berlin auf den Punkt brachte. Als die Mauer fiel, kollabierten auch die Behörden in Ost-Berlin. Zuständigkeiten und Besitzverhältnisse waren über Nacht ungeklärt. Plötzlich standen in der Mitte der ehemals geteilten Stadt Umspannwerke, Seifenfabriken, Bunker und Fabriketagen frei. Niemand fühlte sich für die Liegenschaften und Brachen mehr zuständig. In diesen ausgemusterten Orten der jüngeren Geschichte wurde der Technosound aus Detroit zum Soundtrack des Ausnahmezustands. Die Wucht der neuen Klänge brachte Jugendliche aus Ost und West zusammen wie keine andere Kultur.

Temporäre Zonen im Ausnahmezustand

Die Eröffnung des Tresors stellte aber nicht nur die Initialzündung für die Eroberung Ost-Berlins durch die noch junge Techno-Szene dar, sondern sie markiert auch den Beginn eines kultur- und stadtpolitischen Prinzips, welches den Charakter und den Puls des Berliner Nachtleben bis weit in die 2000er-Jahre hinein wie kaum ein anderes geprägt hat: das Prinzip der Zwischennutzung.

Von der Möglichkeit, leer stehende oder brach gefallene Gebäude zu meist günstigen Mietkonditionen zeitlich begrenzt zu nutzen, machten in Folge der Tresor-Eröffnung so gut wie alle renommierten Berliner Clubs der Neunzigerjahre Gebrauch, sei es der Planet, das E-Werk oder das WMF. Es entstand eine schnelllebige und quirlige Kultur des Provisorischen, der Wiederverwertung und des Nomadentums, in der langfristige Pläne und wirtschaftliche Interessen eine eher untergeordnete Rolle spielten.

Jeff Mills © Angie Schwendemann

Never ending story

So erzählt Regina Baer, die erste Club-Managerin des Tresors, in Sub:Berlin, wie im Tresor immer nur das Nötigste renoviert wurde, weil größere Investitionen einer Planungssicherheit bedürfen, welche durch den immer wieder zeitlich begrenzten Mietvertrag aber nie gegeben war. Tatsächlich blieb kaum ein Club viel länger als zwei Jahre in derselben Location, was dazu führte, dass sich das Gesicht des Berliner Nachtlebens ständig änderte. Dass der Tresor erst 2005 schließen musste und ein Jahr später in einem ehemaligen Heizkraftwerk wiedereröffnete, ist da die Ausnahme von der Regel.

Nach den anarchischen Neunzigern trat die Berliner Clubkultur in den frühen 2000er-Jahren in eine neue Phase der Professionalisierung ein. Aus einer Subkultur war mit den Jahren eine Branche geworden, die einen nicht geringen Wirtschaftsfaktor ausmacht. Die Gründung der Club Commission im Jahr 2000, einem als Verein eingetragener Zusammenschluss Berliner Club- und Eventveranstalter, der als Relais-Station zwischen Politik und Club-Interessen fungieren soll, ist nur ein Ausdruck dieser Entwicklung.

Zwischen 2002 und 2004 eröffnete mit dem Watergate, dem Weekend und dem Berghain eine neue Generation von Clubs, die von Beginn an mit langfristigen Mietverträgen ausgestattet waren und dementsprechend in die Gestaltung ihrer Clubs investierten – und die Stadt und ihren internationalen Ruf bis heute prägen. Aber auch die Zwischennutzung verschwand nicht vollständig aus dem Berliner Nachtleben. Die 2010 geschlossene Bar25 ist wohl das bekannteste Beispiel dafür. Mit ihrem Film Tage außerhalb der Zeit erzählen Nana Yuriko und Britta Mischer ähnlich wie in Sub:Berlin die Geschichte und Entwicklung der legendären Bretterbude an der Spree.

Was beide Filme exemplarisch zeigen, ist, wie eng Clubkultur und Stadtentwicklung verbunden sind. Hatten die Clubs der Wendezeit noch nicht mal eine Steuernummer, kommen sie heute nicht mehr ohne Businessplan aus. Natürlich kann man bedauern, dass die Clubs nicht anders agieren als der gehobene Kulturbetrieb, aber es bietet auch eine Menge Möglichkeiten: die Macher der Bar25, die sich gerne als Business-Hippies bezeichnen, kämpfen darum, das 2010 verlassene Areal zu kaufen, um dort ein Kulturdorf mit Club, Studios, Hotel, Wohnungen und einer 24 Stunden-Kita zu errichten. Es wäre ein Erbe, das man dem ersten Tresor auch gewünscht hätte. Der musste einem Bürokomplex weichen.