Deutsches Theater Das zeitgenössische deutschsprachige Drama

Súčasná dráma
© Foto: Ctibor Bachratý

Das zeitgenössische deutsche Drama, ebenso wie die deutsche Literatur, hat verschiedene Gestalten, Formen und Tendenzen. Seine Uneinheitlichkeit ergibt sich unter anderem auch aus der derzeitigen sozialen und politischen, aber auch gesellschaftlichen Situation in Deutschland. 
 

Das deutsche Drama ändert, ebenso wie das deutsche Theater im 21. Jahrhundert, seine bisherige Form und zerstört den Theaterdiskurs, und dies nicht nur innerhalb der deutschen Grenzen, radikal.
Das deutsche politische Theater und das Regietheater, also ein Theater, das von Regie-Persönlichkeiten geprägt ist, achtet auf seine Attraktivität. Mit dem zunehmenden Erfolg der unabhängigen Berliner Szenen wie HAU oder Ballhaus Naunynstraße und der städtischen Berliner Szene wie Maxim Gorki Theater oder neuerlich der Münchner Kammerspiele wird mehr und mehr der Akzent auf neue Autoren gelegt, die erst nach 2000 mit dem Schreiben begonnen haben. Gerade sie haben in das deutsche Theater neue Themen und neue Sichtweisen auf die deutsche Theaterszene gebracht.

Ungeachtet dessen, dass die prestigeträchtigste Würdigung von zeitgenössischen deutschen Stücken, der Mülheimer Dramatiker Preis, schon seit 1976 in Deutschland vergeben wird, sind die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts und das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts eher von Paaren – Autor und Regisseur geprägt (Peter Handke und Claus Peymann, Dea Loher und Andreas Kriegenburg, Marius von Mayenburg und Thomas Ostermeier, Tilmann Köhler und Thomas Freyer). Man denke auch an das Autorentheater von Regisseuren (René Pollesch, Herbert Fritsch, Christoph Marthaler, Armin Petras, sowie die Schöpfer des Dokumentartheaters – Hans-Werner Kroesinger, Milo Rau, die Autoren von Rimini Protokoll, She She Pop oder Rabih Mroué und andere).

Aktuell gibt es in Deutschland einige Preise und Präsentationen des zeitgenössischen Dramas:  das Hamburger Thalia Theater und seine Autoren-Theatertage, die Berliner Schaubühne mit dem Festival des internationalen neuen Dramas, sowie Preise oder einen Markt der dramatischen Texte in Mühlheim, Heidelberg oder das Berliner Theatertreffen.

Ein weiterer Faktor, der die deutsche Plattform und die Vorführung von jungen unbekannten Autoren beeinflusst hat, war Anfang der neunziger Jahre die Entstehung des Szenischen Schreibens an der Hochschule der Künste in Berlin, zur Zeit Universität der Künste, wodurch das zeitgenössische deutsche Drama wesentlich weiterentwickelt wurde. Autoren wie Roland Schimmelpfennig und Oliver Bukowski, die heute Professoren an dieser Universität sind, bieten Modelle für das Schaffen und Schreiben an. Bukowski widmet sich dem sprachlichen Gestus und seiner sozialen Funktion, der Technik des Dialogs, und Schimmelpfennig einer raffinierten Perspektive des Sprechens, dem „Ping-Pong-Dialog”.
Zeitgenössische deutsche Texte werden auf deutschen Bühnen herausgegeben und häufig aufgeführt, dennoch bleibt die direkte Zusammenarbeit eines Dramatikers mit einem konkreten Theater in einem bestimmten Umfang für die Kontinuität des Autors wichtig. Zahlreiche szenische Lesungen sind eine dieser Gelegenheiten. Einige aufgeführten Stücke sind sogar das Ergebnis eines Probeprozesses von Dramatiker und Theater. 

In der deutschen Kritik erklingen jedoch auch kritische Stimmen bezüglich des zeitgenössischen Dramas. Die zeitgenössischen Texte sind laut dieser Kritik zu wenig konfliktgeladen und konzentrieren sich auf Themen, die niemanden beleidigen und die korrekt - also nur am Rande -Probleme der heutigen deutschen Gesellschaft oder der globalen Welt benennen.
 
Trotz all dem Gesagten sind im deutschen Drama auch Anzeichen von bestimmten gemeinsamen oder eher ähnlichen Themen zu erkennen.
Auf der einen Seite steht eine Autorengruppe, die sich historischen Themen widmet – die Auseinandersetzung mit dem Holocaust oder der neueren Geschichte (Fall der Berliner Mauer, Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands) wurzelnd in ihren familiären und persönlichen Erfahrungen.
Vor allem Autoren, die aus dem ehemaligen Ostdeutschland stammen, greifen die Reaktionen der Bürger auf, ihre Erwartungen und Enttäuschungen nach der Wiedervereinigung. Dramatisierung von Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“, Dirk Laucke mit den Themen Nationalsozialismus, Rassismus, aber auch Fall der Berliner Mauer. Zum Teil könnten wir in diese Gruppe auch Elfriede Jelinek einschließen, obgleich ihre Themen und ihr Schaffen eigentlich nicht eingeordnet werden kann, weil sie mehrere Themen der skizzierten Bereiche beinhalten und die Themen überschreiten. Obgleich Elfriede Jelinek eine österreichische Autorin ist, ist sie auch in Deutschland tätig. Beweis dafür sind einige Preise, die sie schon mehrmals von den Mülheimer Theatertagen nach Hause gebracht hat.
 
In die zweite Gruppe gehören Dramatiker und Dramatikerinnen mit politischen und also gesellschaftlich aktuellen Themen nicht nur hinsichtlich des heutigen Deutschlands, sondern auch ausgreifend auf europäische Themen: Wolfram Lotz, Rebekka Kricheldorf, Fritz Kater (Pseudonym vom Armin Petras), Marianna Salzmann. Ein weiteres Thema in diesem Gebiet ist die Kapitalismuskritik, die Kritik der globalen Konsumwelt oder des Vergangenheits- und Gedächtnisverlustes in der Zeit der flüssigen Moderne: René Pollesch, Falk Richter, Roland Schimmelpfennig.
 
Persönliche Themen mit sozialer Gesellschaftskritik, die sich mit dem Berufsleben, den zwischenmenschlichen Beziehungen, dem Lebensstil, der Freizeit, den Reisen, dem Körper, der Sexualität oder mit psychischen oder physischen Krankheiten beschäftigen, bilden die Themen des nächsten Gebiets. Die Autoren weisen hier auf das Gefühl der Unsicherheit, der Angst und der Bedrohung in der heutigen Gesellschaft hin. Sie vermitteln primär authentische Erlebnisse: Sybille Berg, Dea Loher, Kajta Brunner, Felicia Zeller, Peter Handke, Ewald Palmetshofer, Marius von Mayenburg, Wolfram Höll.
 
Das Thema der Migration, der Identität, die Durchdringung von verschiedenen Kulturen und Verhaltensweisen in Deutschland beschäftigt eine besondere Gruppe von Autoren. Sie kommen meistens aus den Reihen der neu in die deutsche Gesellschaft integrierten Migranten, die auf Deutsch schreiben.  Dies sind z.B. Autoren aus dem ehemaligen Jugoslawien, Türken, Israelis, Palästinenser, Syrer, Iraner  –  Yael Ronen, Nurkan Erpulat, Azan Garo und schließlich der Regisseur und Autor Rabih Mroué.
 
Die trennende Linie zwischen diesen genannten Themen und Gebieten wird bei einer detaillierteren Textanalyse verwischt. Einzelne Autoren überschneiden sich mit ihren Themen. Die deutsche dramatische Kunst wurde nach und nach zu einer Art Diskussionsplattform, zur Kritik an der Gesellschaft und der in ihr lebenden Menschen. 

Viele Übersetzungen zeitgenössischer deutscher Stücke in alle Sprachen bezeugen, dass die deutschsprachigen Autoren sich mit ihren Texten nicht auf das deutsche Umfeld konzentrieren. Sie sind vielmehr im Stande, mindestens den europäischen Kontext zu umfassen. Die tschechische und polnische Szene zählen zu den aktivsten, in denen das deutsche Drama aufgeführt wird. Es ist aber auch gleichermaßen in der slowakischen Theaterszene beliebt. Zu den slowakischen Regisseuren und den Theatern, die deutsche Stücke bringen, gehören Edo Kudláč, Martin Čičvák, Svetozár Sprušanský, das Theater Aréna und das Slowakische Nationaltheater.