Flüchtlingskrise Jugendliche auf der Flucht

Jugendliche auf der Flucht
Jugendliche auf der Flucht | Foto: Ulrich Pointner

Seit vielen Jahren ist München die erste Anlaufstelle in Deutschland für Flüchtlinge. In diesem Sommer haben sich die Zahlen der Asylsuchenden jedoch in einem Masse gesteigert, wie es sich niemand je vorstellen konnte. Ulrich Pointner, der Leiter der SBW Flexible Hilfen der Katholischen Jugendfürsorge erzählt aktuell, wie er die neue Situation erlebt.

Herr Pointner, Sie arbeiten seit mehr als 25 Jahren als Sozialpädagoge und leiten die SBW Flexible Hilfen der katholischen Jugendfürsorge in München, die sich um unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge, sowie um Familien kümmert. Seit diesem Sommer ist vieles anders. Was sind die Bedingungen, mit denen Sie durch die enorme Anzahl von Jugendlichen und Familien auf der Flucht konfrontiert sind?

Obwohl wir bereits seit über einem Jahr besonders intensiv in der Betreuung der jungen Flüchtlinge in der Erstaufnahme tätig sind, hat sich die Situation in diesem Sommer insgesamt nochmals dramatisch verändert. Gerade in München als südlichste Metropole Deutschlands kamen fast täglich tausende Flüchtlinge an, unter denen auch viele unbegleitete Minderjährige sind, für die wir in der Jugendhilfe zuständig sind. Da die Erstaufnahme und Versorgung der Jugendlichen noch immer weitgehend an den Ankommensort gebunden ist, müssen zur Zeit immer ca. 1500 Jugendliche in verschiedenen Aufnahmestellen in München versorgt werden, was eine enorme logistische und betreuerische Herausforderung ist. Die Zahlen der Erwachsenen und Familien mit Kindern, die versorgt werden müssen sind natürlich noch viel höher und führten in München zu weiteren Notaufnahmezentren mit bis zu je 2000 Betten, vorübergehend auch in Hallen des Messegeländes und in Vororten von München. Die logistische Herausforderung wird in gemeinsamer Verantwortung der Behörden, der Hilfsorganisationen und unzähligen Helfern geschultert, was in München wirklich angesichts der großen Herausforderung sehr gut klappt. Aber zunehmend stoßen alle Beteiligten an ihre Grenzen. Angesichts der nicht absehbaren weiteren Entwicklung auf Dauer zeigt sich eine deutliche Überforderung, die nach baldigen Lösungen ruft. Angesichts der großen Problematik droht die Stimmung nun auch in der Bevölkerung inzwischen zu kippen.

In welcher Verfassung kommen die Jugendlichen, die alleine, ohne Eltern ihren Weg machen bei Ihnen an? Erzählen sie Ihnen und Ihrem Team, was sie erlebt haben? Sind sie traumatisiert?

Die Jugendlichen sind oft sehr verunsichert, erschöpft von dem langen beschwerlichen Weg nach Deutschland und sehr belastet durch das was sie erlebt haben. Manche erzählen von traumatischen Erlebnissen auf der Flucht, viele haben Menschen sterben sehen in ihrem Heimatland und insbesondere auch auf ihrem Weg hierher. Nach einer medizinischen Erstuntersuchung stellt sich oft vielfältiger medizinischer, insbesondere auch psychologischer Behandlungsbedarf dar, der in der Regel in der Erstaufnahme gerade bei diesen Mengen an Jugendlichen nur sehr begrenzt befriedigt werden kann. Die Jugendlichen haben oft nur das, was sie am Leib haben und werden von uns mit dem wichtigsten ausgestattet.

Was ist für die jungen Menschen am Wichtigsten? Was sind ihre Erwartungen, Ziele und Hoffnungen? Welche Vorstellungen haben sie von Deutschland?

Die Jugendlichen hoffen zunächst und zuallererst auf einen sicheren Ort, einen Platz wo sie bleiben können und zur Ruhe kommen können. Leider ist die Erstaufnahme hier auch nur eine Durchgangsstation ehe sie an geeignete Orte und Einrichtungen in ganz Bayern weitervermittelt werden können. Die Jugendlichen sind oft unglaublich motiviert, hier möglichst schnell die Sprache zu lernen und in die Schule zu gehen. Sie sind oft voller Hoffnung und ungeduldiger Erwartung auf ein besseres Leben hier und können allerdings auch oft nicht verstehen mit welchen Schwierigkeiten das Leben hier verbunden ist. Sie sind trotz alledem was sie erlebt haben oft voller Lebensmut und ansteckender Lebensfreude, die auch uns Helfer immer wieder motiviert. Die meisten der Jugendlichen möchten in Deutschland bleiben und hier einen Beruf erlernen. 

Wie gehen die Jugendlichen miteinander um, vor allem, wo große kulturelle Unterschiede aufeinandertreffen?

Wo so viele Jugendliche und Menschen auf engstem Raum zusammenleben müssen, gibt es auch Konflikte. In den Erstaufnahmen leben Jugendliche aus verschiedensten Kulturen, aus Syrien, Afghanistan, aus Eritrea, aus Somalia und verschiedenen anderen Krisengebieten auf engem Raum. In der Betreuung der Jugendlichen versuchen wir noch überschaubare Einheiten zu schaffen von 30 bis 60 Jugendlichen, was inzwischen durch die so große Zahl von Jugendlichen auch kaum mehr möglich ist. So es uns gelingt eine gute Willkommensatmosphäre und ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen z.B. durch Sport und viel Tagesstruktur, treten die teilweise großen kulturellen Unterschiede mehr in den Hintergrund. 

Sind Ihnen jemals fundamentalistische Haltungen aufgefallen? Wie gut können sie sich in die neue Lebensumgebung einfügen?

Trotz aller teilweise sehr verschiedenen kulturellen Vorstellungen, die die Jugendlichen mitbringen, ist uns bisher niemand begegnet der wirklich fundamentalistisches Gedankengut verbreiten möchte. 

Was können Sie in Ihrer Einrichtung für sie tun und wo würden Sie mehr Unterstützung benötigen von Institutionen, der Stadt München, dem Land Bayern und auf einer größeren Ebene Europa?

Wir versuchen die unbegleiteten jungen Flüchtlinge hier willkommen zu heißen und Ihnen so weit wie irgend möglich einen guten Start und eine gute Weiterbetreuung anderenorts vorzubereiten. Die Stadt München, die vielen Träger sozialer Einrichtungen und viele Helfer tun hier enorm viel um dies zu ermöglichen. Aber die enorme Belastung der Stadt München und verschiedener südbayrischer Städte braucht noch viel mehr Unterstützung durch andere Regionen, durch das Land Bayern, durch andere Bundesländer und natürlich auf europäischer Ebene. Derzeit konzentriert sich das Problem sehr stark in unserer Region, was schlicht nicht mehr zu stemmen ist. Es ist aber nur auf größerer, auf Bundesebene und insbesondere auf europäischer Ebene zu lösen.

Bekommen Sie auch Hilfe von Ehrenamtlichen? Wie erleben Sie momentan die Stimmung in der Münchner Bevölkerung?

In München gibt es eine unheimlich tolle solidarische Bereitschaft von vielen Bürgern und Ehrenamtlichen in der Hilfe für Flüchtlinge. Hunderte Bürger helfen mit die vielen Flüchtlinge zu versorgen. Am letzten Sonntag feierten 24.000 Menschen unterstützt von der Stadt auf dem Münchner Königsplatz ein Dankekonzert für alle Helfer und die Flüchtlinge zusammen mit vielen tollen Musikern u.a. Herbert Grönemeyer. Ein wunderbares Signal für die Solidarität in der Münchner Bevölkerung, das bundesweit wahrgenommen wurde. Wir waren dabei. Aber in den letzten Tagen und Wochen droht die Stimmung vielerorts zu kippen, weil das Flüchtlingsproblem immer größere Dimensionen annimmt und viele Ängste bei den Menschen verstärkt werden, ob das alles zu schaffen sei.. Und die bereits bestehenden sozialen Probleme hier, die es de facto gibt, werden noch mehr verstärkt (z.B. Wohnungsnot, Armut, soziale Versorgung). 

Wie gehen Sie und Ihr Team mit den neuen Herausforderungen um? Was sind Ihre Hoffnungen, was motiviert Sie? Wo sehen Sie Schwierigkeiten?

Wir versuchen mit unserem Team und unserem Träger soweit uns möglich weitere neue differenzierte Angebote in der Betreuung für Flüchtlinge zu entwickeln. Die jungen Flüchtlinge mit ihrer, trotz der schwierigen Situation, großen Lebensfreude und ihrer großen Motivation hier zurechtzukommen motivieren uns. Auch die solidarische Kooperation vieler Beteiligter am Hilfeprozess und die vielen Hilfsangebote macht Mut. Es macht schlichtweg Freude trotz der vielen notwendigen Belastungen und gibt ein tiefes Gefühl der Sinnhaftigkeit des Tuns.

Wie sehen Sie insgesamt die Chancen einer erfolgreichen Integration für die vielen jungen Menschen, die in Deutschland gelandet sind und eine neue Heimat suchen? Wie sehen Sie die Chancen für Deutschland?

Aus unserer langjährigen Erfahrung in der Arbeit mit unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen wissen wir, dass es sehr wohl gut gelingen kann, sehr viele dieser Jugendlichen hier gut zu integrieren. Wir haben schon viele junge Menschen mit ähnlichem Hintergrund auf ihrem Weg zu einer guten Ausbildung und guter sozialer Integration begleitet. Dafür müssen aber bei dieser großen Zahl sehr große Anstrengungen unternommen werden, dass die Jugendlichen sehr schnell die Sprache erlernen, schulisch und sozial gefördert werden und die Integration in ihr Umfeld bestmöglich gelingt. Sie brauchen intensive Unterstützung dabei, und das kostet erstmal auch viel Geld, das bereitgestellt werden muss. Wir sind überzeugt, dass es sich lohnen wird, denn viele dieser jungen Menschen können uns helfen unser demographisches Problem des beruflichen Nachwuchses mit zu lösen. Zudem glauben wir auch, dass die kulturelle Vielfalt auch eine Chance ist für unsere Gesellschaft die Werte von Toleranz, Solidarität und Mitmenschlichkeit wieder neu zu entwickeln und zu fördern. In unserer rasant sich entwickelnden globalisierten Welt ist es auch ohne die Flüchtlinge eine große Herausforderung mit der kulturellen Vielfalt umzugehen. Die wichtigste Herausforderung sehen wir im täglichen Einüben des friedlichen Zusammenlebens der verschiedenen Kulturen, Religionen und Glaubensrichtungen in verschiedenster Form. Wir versuchen hier als christlicher Träger unseren Beitrag zu leisten.
 

Ulrich Pointner
Diplomsozialpädagoge, Leiter der Flexiblen Jugendhilfe der Katholischen Jugendfürsorge in München, seit 1986 tätig bei einem der größten Träger der Jugendhilfe im Raum München. Gründer und verantwortlicher Koordinator der Flüchtlingshilfe des Trägers, langjährige Erfahrung in der Entwicklung und Umsetzung von integrativen flexiblen Jugendhilfekonzepten.