Flüchtlingskrise Im Gespräch mit Jürgen Konrad, ehrenamtlicher Deutschlehrer für Flüchtlinge

Jürgen Konrad mit seinen Deutsch-Schülern aus Syrien (alle sind Akademiker)
Jürgen Konrad mit seinen Deutsch-Schülern aus Syrien (alle sind Akademiker) | Foto: Jürgen Konrad

Wilfried Eckstein, Institutsleiter am Goethe-Institut Washington, im Gespräch mit Jürgen Konrad, ehrenamtlicher Deutschlehrer für Flüchtlinge. Er engagiert sich intensiv im Arbeitskreis Asyl in seiner bayerischen Heimatstadt Kaufbeuren/Allgäu.

Herr Konrad, Sie kommen aus Kaufbeuren, einer kleinen Stadt in Bayern. In den letzten zehn Monaten haben Sie sich dort als Freiwilliger für Flüchtlinge und Asylsuchende engagiert. Was genau war und ist dabei ihre Aufgabe? 

Zuerst hatte ich die Idee Deutschunterricht zu geben, weil die Sprache der Schlüssel zu allem ist. Man muss Deutsch lernen, um sich in die deutsche Gesellschaft integrieren zu können. Ich habe also angefangen Deutsch zu unterrichten. Aber in dem Moment, in dem man mit dem Unterricht beginnt, wird man mit allen möglichen anderen Problemen konfrontiert. Man hilft ihnen mit Unterlagen, bringt sie zum Arzt, geht mit ihnen zum Anwalt etc. Dabei muss man vorsichtig sein, nicht zu tief hineingezogen zu werden, aber andererseits sind das wundervolle Menschen, denen man wirklich helfen möchte. Deutsch zu unterrichten ist ein Nebeneffekt beziehungsweise ein Ziel, Hilfe wird aber immer benötigt.

Sie haben sich für diese Arbeit sehr engagiert. Ist das ein alltäglicher Job? Tun sie das die ganze Woche über oder wie ist das?

Es könnte ein Vollzeitjob sein. Zum Glück bin ich zu 90% pensioniert, also habe ich viel Zeit, aber man muss aufpassen, dass man sich nicht zu sehr hineinziehen lässt. Ich würde sagen, dass ich jeden Tag in Kontakt stehe. Ich kommuniziere oft per Sms, per Whatsapp etc. Und manchmal sind es Telefongespräche, aber es gibt fast jeden Tag Kontakt.

Woher kommen die Flüchtlinge? Ich meine, Sie können auf ihre Anfänge vor zehn Monaten zurückschauen. Sie kennen die derzeitige Situation. Was passiert im Moment?

Ich glaube vor zehn Monaten hatten wir viele Menschen aus dem Kosovo und aus Albanien. Es waren auch schon viele Syrer da, weil der Bürgerkrieg in Syrien schon vier Jahre andauert. Syrer machen also einen großen Anteil aus, aber ebenso Menschen aus Afghanistan, Pakistan und dem Irak. Und natürlich gibt es eine große Gruppe afrikanischer Flüchtlinge, die das Mittelmeer überqueren. Die Mehrheit ist aus Eritrea, einige kommen aus Äthiopien. Ich meine, Eritrea wird als das Nordkorea Afrikas betrachtet. Sie wollen vor dem Militärdienst flüchten und dem ganzen Elend. Es kommen auch Menschen aus Nigeria, Mali und Sierra Leone. Meistens kommen sie aus Somalia, aber definitiv aus Eritrea und Syrien, große Gruppen aus der arabischen Welt. Im Moment haben wir weniger Menschen aus dem Kosovo, aber mehr aus Syrien und ebenfalls aus Eritrea.

Also kommen immer mehr Menschen nach Deutschland. Wie reagiert die lokale Bevölkerung auf die Neuankömmlinge?

Ich glaube, am Anfang gab es etwas Neugier, etwas Ärger auch und einige Leute waren von der Situation etwas überrascht. Inzwischen gibt es einerseits die Angst vor zu vielen Flüchtlingen, aber andererseits ist die Einstellung zum Helfen und zum Unterstützen unglaublich gestiegen. Ich denke die Flut der Flüchtlinge ist genauso stark wie die Flut der Helfer. Es gibt ein großes Netzwerk von Leuten, die sich verantwortlich fühlen, aus Kirchen, aus der Politik, aus dem Rotary Club, aus dem Lions Club, aus allen möglichen Organisationen, dem Roten Kreuz... Jeder ist bereit zu helfen. Eines der Probleme ist, das alles zu organisieren. Aber ich würde sagen, die Bereitschaft zu helfen ist wirklich gestiegen.

Sie haben die Kirchen zuerst genannt. Können Sie etwas über die Rolle der Kirchen im Speziellen sagen? Sie waren immer hilfsbereit, aber hierbei ist besonders, dass viele der Flüchtlinge keine Christen sind.

Zum Glück scheint das kein Problem zu sein. Wir haben viele türkische Mitbürger in Kaufbeuren und sie sind Muslime. Wir haben zwei Moscheen in einer kleinen Stadt. Aber wir haben auch viele Kirchen. Und Ramadan hat in diesem Sommer stattgefunden. Es gibt viele türkische Menschen, die helfen. Viele unserer Schüler und unserer Flüchtlinge gehen freitags zur Moschee. Wir beenden die Unterrichtsstunden viertel vor eins, damit sie zur Moschee gehen können. Aber sie gehen auch zu den christlichen Kirchen. Wir haben auch den Fall eines Kirchenasyls. Also gibt es eine große Hilfsbereitschaft, auch von den christlichen Kirchen. Einige arabische Freunde haben wirklich gesagt, dass es eine Schande ist, dass sie mehr Hilfe von den Christen bekommen als von einigen ihrer arabischen Brüder, ihren muslimischen Brüdern aus der arabischen Welt. Zum Glück haben die Kirchen die Möglichkeit, die Dinge, die sie im 16. und 17. Jahrhundert getan haben, zu kompensieren. Und ich bin wirklich beeindruckt von dem ökumenischen Aspekt. Die Ökumene ist wirklich stark und gut darin, sich gegenseitig zu helfen. Wir unterrichten meistens in einem Raum in der Kirche.

Aber die Moscheen helfen auch dabei, die Flüchtlinge willkommen zu heißen. Wie sieht die praktische Vision des Lebens für die Flüchtlinge und Asylsuchenden aus, die kommen und plötzlich da sind. Was erwartet sie? Wie sieht die Perspektive für ihr Leben in dem Moment aus, wenn sie kommen? 

Das ist eine gute Frage. Ich denke zuerst, nachdem sie ankommen, sind sie einfach erschöpft und glücklich, dass sie ein wenig Frieden und Ruhe haben. Jeden Tag werde ich von jemandem gefragt, ob er oder sie mir helfen kann. Sie wollen wirklich helfen. Und ich weiß, dass viele von ihnen zurück in ihre Heimatländer gehen möchten, um sie wieder aufzubauen, wie zum Beispiel Syrien. Die meisten Syrer, die ich kenne, sind sehr dankbar und glücklich, dass sie in Deutschland sind. Aber ihr Traum ist es, wieder zurück nach Syrien zu gehen. Sie scheinen ihr Land alle zu lieben. Sie erzählen mir, dass ihr Land wunderschön war und sie wollen alles tun, um es wieder aufzubauen. Aber ich denke, dass einige, aus Afrika und der arabischen Welt, sich wirklich gerne in Deutschland integrieren möchten und ein Teil der deutschen Gesellschaft werden wollen. Sie wollen ein besseres Leben für ihre Kinder und bessere Ausbildung und all das. Deutschland ist zu einem Vorbild geworden. Es ist wirklich wie ein Zufluchtsort für sie. Das ist eine einmalige Chance für Deutschland. Es ist jetzt beliebt. Ich denke, dass viele auch bleiben wollen. Es hängt alles davon ab, zum Beispiel vom Bürgerkrieg in Syrien. Niemand kann sagen, wann der endet. Das ist wirklich schwer.

Sie werden nach Kaufbeuren zurückkehren und sie haben gesagt, dass Sie mit uns weiterhin in Kontakt stehen und berichten werden, was in Kaufbeuren so los ist. Was sind im Moment die größten Herausforderungen, die sie für die nächsten Tage und Wochen sehen?

Die Flut zu organisieren, weil wir in Kaufbeuren im Moment mehr oder weniger um die 400 Flüchtlinge haben – mit steigender Tendenz. Ich schätze, das werden am Ende des Jahres 1000 sein, weil man in den Nachrichten jeden Tag sehen kann, wie die Flut von Flüchtlingen in München und an den Grenzen steigt. Irgendwie müssen diese Menschen irgendwo permanent leben. Also bin ich sicher, dass wir mehr Menschen in Kaufbereun bekommen werden. Es gibt viele Freiwillige, aber es muss organisiert werden, weil Menschen auch frustriert sind. Sie wollen helfen und niemand kann ihnen sagen, wo und wie sie helfen können. Deutsche haben den Ruf gute Organisatoren zu sein, also hoffe ich und bin noch optimistisch und ich bleibe optimistisch, dass wir die Organisation managen. Ich denke, die größte Herausforderung ist jetzt, wie wir die Flut organisieren können, sodass jeder, der involviert ist, ein gutes Leben hat, auch in Zukunft. 

Vielen Dank und führen Sie Ihre gute Arbeit fort!  
 

Willkommen in Kaufbeuren

1. Gespräch mit Jürgen Konrad

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2. Gespräch mit Jürgen Konrad

Zweites Gespräch mit Jürgen Konrad, ehrenamtlicher Deutschlehrer für Flüchtlinge in Kaufbeuren/Allgäu. In Kaufbeuren sind inzwischen Familien aus Syrien nachgezogen. Wie funktioniert die Aufnahme in dieser Kleinstadt in Bayern? Hören Sie selbst.
 
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3. Gespräch mit Jürgen Konrad

Unser drittes Interview mit Jürgen Konrad. Er unterrichtet ehrenamtlich Flüchtlinge und Asylsuchende. Der Winter in Kaufbeuren ist mild. Jürgen Konrad berichtet über die aktuelle Situation der Flüchtlinge in Kaufbeuren, wie sie sich einleben und im deutschen Alltag zurechtfinden. Hören Sie selbst. 
 
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Jürgen Konrad
Philologe sowie ehemaliger Geschäftsführer eines Exportunternehmens, gibt seit 10 Monaten ehrenamtlich Deutschunterricht für Flüchtlinge.