Das Wesen des Filmemachers und Schriftstellers Alexander Kluge strahlte stets Leichtigkeit aus. Dabei war der Rohstoff seiner Arbeit der Krieg. Ein Nachruf.
Geschichtslehrerin Teichert will einen anderen Umgang mit ihrem Fach. Sie glaubt, dies „den Toten der Kriege“ schuldig zu sein. Alexander Kluges Filmessay Die Patriotin persiflierte 1979 die Geschichtsblindheit bornierter Schulbürokraten. Der Film evozierte einen Stream of Consciousness der verdrängten „Wünsche, Hoffnungen, Ironie, Skepsis, Protestenergie und Irrtümer“, auf die es ihm ankam.Auch seine Produktion lakonischer Kurz- und Kürzestgeschichten war stets in Texturen aus historischem Found Footage eingebettet. Mit enzyklopädischem Zugriff unterzog Alexander Kluge historisches Material seinen pointierten Analysen, holte Subtexte und Widersprüche ans Licht und erfand neue Geschichten hinzu.
Das „aktive“ Publikum wurde zu eigenen Assoziationen aufgefordert. Kluges Bücher und Filme experimentierten mit unterschiedlichen Perspektiven und Zeitebenen, provozierten das „Kino im Kopf“, dem er die größte aufklärerische Wirkung zutraute.
Anregung zu undogmatischer Gedankenarbeit
Ein Jahr nach Deutschland im Herbst, dem kooperativen Episodenfilm der Münchener Film-Szene im Kontext politischer Spannungen, regte Kluges Patriotin zu undogmatischer Gedankenarbeit an. Seine komplexen Materialkonstruktionen folgten einer eigenen, geschichtstheoretisch fundierten Poetologie, die sich als Kritik an verhärteten politischen Frontstellungen und autoritären Logikenverstand.Das Thema Geschichte in unterschiedlichsten Wissensfeldern war Kluges Obsession. 1932 in Halberstadt in eine musische Arztfamilie geboren, prägten ihn die Opern-Schallplatten des Vaters, und vor allem jedoch die prägenden Erfahrungen seiner Kindheit im Krieg. Möglich, mutmaßte ein Kluge-Exeget, dass die Leichtigkeit, die sein gewinnendes Wesen ausstrahlte, aus dem vitalen Überlebenstriumph dieses existenziellen Moments herrührte.
Von der Anwaltskanzlei in die Literatur- und Filmszene
Rohstoff seiner Künste blieb lebenslang die Frage, was im Kriegschaos den Einzelnen geschieht, wie katastrophale Entscheidungen aus Ehrgeiz, Unterordnung und Größenwahn den Tod von Hunderttausenden an militärischen und zivilen Fronten auslösen und wie die Traumata in den absurdesten Formen nachwirken.Nach der Scheidung der Eltern mit der Mutter nach Westberlingezogen, machte er dort das Abitur, studierte in Freiburg, München und Frankfurt (Main) Jura, Philosophie und Kirchenmusik und wurde 1955 mit einer Dissertation über die juristischen Grundlagen studentischer Mitbestimmung promoviert.
Der Überflieger trat zwar in eine Kanzlei ein, öffnete sich aber zunehmend der Literatur- und Filmszene. Theodor Adorno vermittelte dem „lieben Axel“ ein Praktikum bei Fritz Lang, als der seinen Stummfilm Der Tiger von Eschnapur in den CCC-Studios in Berlin neuverfilmte.
In kurzer Zeit stieg Alexander Kluge zu einer Leitfigur des literarischen und kinematografischen Aufbruchs in der Bundesrepublik auf. Sein mit Peter Schamoni realisierter Kurzfilm Brutalität in Stein (1961) über die monströse NS-Architektur in Nürnberg war der Einstand beim einflussreichen Kurzfilmfestival in Oberhausen.
Im Jahr darauf präsentierte er dort das legendäre Manifest, mit dem eine neue Generation den Anschluss an das europäische Autorenkino proklamierte. Parallel gründete er seine Filmproduktionsfirma Kairos, und mit Edgar Reitz begann er 1962 zudem, das Filmstudium an der Hochschule für Gestaltung in Ulm theoretisch und praktisch auszuformen.
Gast der Gruppe 47
Ebenfalls 1962 reüssierte er mit seinem ersten Kurzgeschichtenband Lebensläufe als neue Stimme der Nachkriegsliteratur. Er beschrieb Biografien von Tätern und Opfern des NS bis in die 1960er-Gegenwart, lakonisch sachlich wie Fallbeispiele der juristischen Kasuistik. Mit diesem Debüt und dem folgenden Erzählungsband Schlachtbeschreibung war Kluge Gast der Gruppe 47, was im bundesdeutschen Literaturbetrieb einem Ritterschlag gleichkam.Kluges Langfilmdebüt Abschied von gestern trug ihm 1966 den Silbernen Löwen in Venedig und höchste Auszeichnungen im deutschen Film ein. Kluge war maßgeblich in der juristischen Gestaltung des erkämpften neuen Förderinstruments Kuratorium junger deutscher Film engagiert, organisierte Bündnisse mit der Filmkritik und Autoren/Produzenten und verfasste mit anderen flammende filmpolitische Analysen, vor allem in Richtung der mächtigen Fernsehanstalten, deren Beteiligung an der Autorenfilmförderung er einforderte.
In den 1970ern erweiterte Alexander Kluge sein kulturkritisches Engagement durch eine Kooperation mit dem Sozialphilosophen Oskar Negt. Ihre Bücher Öffentlichkeit und Erfahrung (1972) sowie Geschichte und Eigensinn (1981) kreisten um die Idee einer emanzipatorischen Gegenöffentlichkeit bzw. einer Arbeitsorganisation, die die subjektiven Produktionskräfte in den Blick nimmt – beide ein geschätztes Vademecum der neuen Cultural Studies.
Begeistert von Kooperationsprojekten
In seinen Filmen griff Kluge aktuelle Phänomene zunächst noch mit konzisen Plotstrukturen auf. Gelegenheitsarbeit einer Sklavin (1973) beschrieb den Prototyp einer als Mutter und Abtreibungsärztin doppelt belasteten Frau. In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod (1974), einer Ko-Regie mit Edgar Reitz, hielt sich eine „Beischlafdiebin“ mit dem Portemonnaie ihrer Kunden schadlos und beobachtete eine DDR-Spionin die aggressiven Räumaktionen gegen Frankfurter Hausbesetzer. Der starke Ferdinand (1975) brillierte als Satire auf einen durchdrehenden Ex-Polizisten und Werkschützer.1982 in Venedig mit einem Ehrenpreis geehrt, wandte sich Kluge in der Anthologie Bestandsaufnahme: Utopie Film (1983) der zunehmenden Krise des neuen deutschen Films zu. Sein Film Die Macht der Gefühle (1983) versuchte in einem Gewitter aus absurden Plotskizzen und Opernszenen, der Liebe und dem musikalischen „Kraftwerk der Gefühle“ auf die Spur zu kommen.
Gespräche mit Wissenschaftlern und Künstlern
1987 erfand sich Alexander Kluge neu. Er gründete eine TV-Produktionsplattform, die das Vakuum des gesetzlich geforderten Kulturprogramms in den neu eingerichteten privaten Fernsehanstalten kompensierte. Dreißig Jahre sendete dctp, Kluges Kooperation mit einer kapitalstarken japanischen Werbefirma, zu späten Sendezeiten Dokumentarfilme, vor allem jedoch seine eigenen Fernsehmagazine. In kurzen Geschichtslektionen und Spielszenensowie ausführlichen Gesprächen mit Wissenschaftlern und Künstlern blieb er seinen Themen treu.In seiner Schreibklause auf Schloss Elmau verfasste er bis ins hohe Alter Bücher, darunter erweiterte Neuauflagen früherer Publikationen, versehen mit QR-Codes, die den Zugang zu thematisch verwandten Filmen aus dem dctp-Archiv ermöglichen. Die traumatische Erinnerung ans Ende seiner Kindheit 1945 verarbeitete er noch einmal in der Kriegsfibel (2023), und sein Buch Russland-Kontainer, gewidmet der „Russland-Liebe“ seiner in der DDR aufgewachsenen Schwester, setzte sich in Collagenform mit der langen Geschichte des Austauschs und der Konflikte zwischen beiden Ländern auseinander. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine sprach er sich gegen deutsche Waffenhilfe aus. Am 25. März 2026 ist Alexander Kluge im Alter von 94 Jahren in München gestorben.
Alexander Kluges „Eigensinn“ und sein komplexes Spiel mit Widersprüchen im „Geflitz seiner Ideen“ forderten heraus, seine Suche nach den „Möglichkeitsräumen“ der Geschichte wird unvergessen bleiben.
Anmerkung der Redaktion: Dies ist die bearbeitete und gekürzte Fassung eines Beitrags der zuerst bei der taz erschien.
Alexander Kluge und das Goethe-Institut
März 2026