Sophie Scholl ist als Teil der Widerstandsgruppe Weiße Rose einer der bekanntesten Namen des deutschen Widerstandes gegen das NS-Regime. Viele verbinden ihn mit Mut und Zivilcourage. Doch dahinter stand auch eine junge Frau, die zweifelte, suchte und sich ihre Überzeugungen erst erarbeiten musste.
Kindheit und familiärer Hintergrund
Sophia Magdalena Scholl wurde vor 105 Jahren, am 9. Mai 1921 in Forchtenberg geboren und wuchs in Ulm auf. Sie war eines von sechs Kindern der Familie Scholl. Ihr Vater, der Lokalpolitiker Robert Scholl, vertrat eine liberale, demokratische Haltung; ihre Mutter Magdalena erzog die Kinder im christlichen Glauben. Die politischen Spannungen der 1930er Jahre waren im Familienalltag präsent, und insbesondere der Vater äußerte, in deutlichem Kontrast zur vorherrschenden Propaganda der faschistischen Regierung, früh Kritik am Nationalsozialismus. Er wurde im Jahr 1942 wegen Beleidigung des Führers zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.
Ein Familienfoto von Sophie Scholl mit ihren Eltern und Geschwistern | Bildnachweis: Familie Hartnagel
Bund Deutscher Mädel
Im Alter von etwa dreizehn Jahren trat Sophie Scholl, wie viele Jugendliche ihrer Zeit, dem Bund Deutscher Mädel bei, dem weiblichen Zweig der Hitler-Jugend. Zunächst war sie begeistert von der Gemeinschaft, den Naturerlebnissen und dem Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Sie stieg zur Gruppenführerin auf und engagierte sich mit großer Energie in der Hitler-Jugend, während ihre Eltern – besonders ihr Vater – diese Entwicklung mit wachsender Sorge beobachteten und die offene Auseinandersetzung darüber nicht scheuten.Aber Sophie hinterfragte das Regime und seine Propaganda, zog ihre eigenen Schlüsse, und wandte sich, insbesondere nach der Verhaftung ihres Bruders Hans im Jahre 1937, von der Bewegung ab.
Ein Blick in ihre Gedanken – Tagebücher und Briefe
Sophie Scholl schrieb von ihrer Jugend an bis kurz vor ihrem Tod Tagebuch. Ihre Aufzeichnungen erzählen von einer jungen Frau, die sich für Musik begeisterte, besonders für Bach und Schubert, die Augustinus, Dostojewski und Rilke las, die die Natur suchte und zugleich in ihren Notizen mit Fragen um Glauben, Politik und ihre Umwelt rang. Ihre Briefe und Tagebücher, veröffentlicht unter dem Titel Hans Scholl, Sophie Scholl: Briefe und Aufzeichnungen (hrsg. Inge Jens, S. Fischer Verlage, 1984), zeigen das Porträt einer wissbegierigen jungen Frau, die es wagte, sich und die Gesellschaft ständig zu hinterfragen.Weiß ich denn, ob ich morgen früh noch lebe? Eine Bombe könnte uns heute Nacht alle vernichten. Und dann würde meine Schuld nicht kleiner, als wenn ich mit der Erde und den Sternen zusammen untergehen würde. – Das weiß ich alles.
Die Frau in der Weißen Rose
Die Widerstandsgruppe Weiße Rose entstand ab Juni 1942 auf Initiative des Freundeskreises um Hans Scholl und Alexander Schmorell, zwei Medizinstudenten, die gemeinsam in München an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) studierten. Christoph Probst, Willi Graf und später auch LMU-Professor Kurt Huber schlossen sich an. Sophies Wunsch, Teil der Gruppe zu werden, wurde zunächst vom Bruder abgelehnt, doch Sophie ließ sich nicht beirren und etablierte sich zu einem integralen Bestandteil, da sie als Frau an Kontrollpunkten seltener angehalten und durchsucht wurde als ihre männlichen Mitstreiter. Dies machte sie zu einer der wichtigsten Kurierinnen der Gruppe.Laut der Bundeszentrale für politische Bildung boten im gesamten Deutschen Reich lediglich einige tausend Menschen dem NS-Regime aktiv die Stirn, bei einer Bevölkerung von damals rund 80 Millionen Menschen. Der Widerstand beschränkte sich, wie es in zeithistorischen Quellen heißt, auf eine verschwindende Minderheit. Umso wichtiger wird es, den außerordentlichen Mut zu betonen: Eine Studentin Anfang zwanzig, in einer Stadt, in der Nachbarn einander bespitzelten und ein falsches Wort zur Verhaftung führen konnte, war ein Kernteil der Widerstandsgruppe, die insgesamt sechs regimekritische Flugblätter verfasste und verteilte, die die Verbrechen der Faschisten anklagten, Hitler kritisierten und die deutsche Bevölkerung zum Widerstand gegen die Regierung und den Krieg aufriefen.
Am 18. Februar 1943 trug sie gemeinsam mit ihrem Bruder Hans einen Koffer mit rund 1.700 Flugblättern (der 6. Ausgabe) in die Universität München. Sie legten sie in den Eingängen zu den Hörsälen aus. Am Ende des Rundgangs stand Sophie noch oben an der Balustrade des Atriums und schob einen Stapel Blätter über die Brüstung in die Tiefe. Ein Hausmeister sah es, und beide wurden festgenommen. Vier Tage später war Sophie Scholl tot. Sie wurde 21 Jahre alt.
Einer muss ja schließlich damit anfangen. Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele. Nur wagen sie nicht, es auszusprechen.
Was sie uns heute sagt
In einer Zeit, in der Begriffe wie Widerstand, Zivilcourage und Demokratie wieder auf Straßen und in Parlamenten verhandelt werden und, in der viele Menschen das Gefühl haben, dass die Welt um sie herum im Widerstreit zerreißt, haben Sophies Worte an Relevanz nichts verloren.Sophie Scholls Leben lehrt vor allem eins, nämlich wie wichtig es ist, hinzuschauen, unabhängig zu denken, zu hinterfragen und vor allem danach zu handeln, auch wenn es unbequem ist.
So ein herrlicher sonniger Tag, und ich muss gehen. – Aber wie viele müssen heutzutage auf den Schlachtfeldern sterben, wie viele junge, hoffnungsvolle Männer ... Was liegt an meinem Tod, wenn durch unser Handeln Tausende von Menschen aufgerüttelt und geweckt werden.
Heute, 105 Jahre nach ihrer Geburt, scheint die Sonne noch. Wir erinnern uns an das Leben und den Mut von Sophie Scholl. Ihre Entscheidungskraft, moralische Stärke und unumstößliche Menschlichkeit sind ein Vorbild in einer Welt, in der kurzfristige Vorteile häufig Vorrang vor langfristigen Perspektiven genießen und humanistisches Denken und Handeln einmal mehr ins Hintertreffen zu geraten scheint. Sie inspiriert dazu, Überlegungen, Überzeugungen und Zweifeln nachzugehen, und sei man auch mit einer noch so großen andersmeinenden und mächtigen Mehrheit konfrontiert. Das gilt heute genau wie damals.
Quellen
¹Weiße Rose Stiftung e. V. (Hg.): Workshop „Heldenhaft oder ganz normal?“, München 2020, online verfügbar unter: www.weisse-rose-stiftung.de²SWR und WDR planet schule, Materialblatt 1: Zitate von Sophie Scholl, Thema: @ichbinsophiescholl
³aus Else Gebel: Dem Andenken an Sophie Scholl, in: Inge Scholl: „Die weiße Rose“, Fischer Verlag, Frankfurt/Main:1952; 7. Auflage: 1982, S. 77
Mai 2026