Interview mit Tamar Shapiro über ihren Roman „Restitution“  Nach 1989: Eine Familiengeschichte

Ein Vater mit dunklen Locken steht neben seiner Frau, die kurze blonde Haare hat. Vor ihnen steht ihre Tochter, die Autorin Tamar Shapiro. Neben ihnen stehen ihre Fahrräder, und hinter ihnen sind ein Acker und Bäume.
Autorin Tamar Shapiro als Kind mit ihren Eltern © Tamar Shapiro

Wenn wir heute an die Wiedervereinigung denken, sehen viele von uns strahlende Menschen, Trabis an offenen Grenzübergängen und Fremde, die sich in einer riesigen Feier in den Armen liegen. Doch es gab auch eine andere Seite: Immobilien, die in der DDR enteignet oder von Geflüchteten zurückgelassen worden waren, wurden an die früheren Eigentümer und deren Erben zurückgegeben. Für Menschen, die dort jahrzehntelang gewohnt hatten, bedeutete das oft, ihr Zuhause zu verlieren. In ihrem Roman „Restitution” erzählt Tamar Shapiro von den privaten Folgen, mit denen eine Familie in einem solchen Eigentumsstreit konfrontiert wird.

Was hat Sie dazu inspiriert, Restitution zu schreiben?

Restitution ist nicht autobiografisch, aber manche Aspekte im Leben der Erzählerin spiegeln mein eigenes wider. Meine Mutter ist Deutsche, und ich bin einen großen Teil meines Lebens zwischen den USA und Deutschland hin- und hergezogen. Schon früh habe ich das Hin- und Hergerissensein zwischen zwei Kulturen gespürt, das vermutlich vielen, die GEGENÜBER lesen, vertraut ist – und natürlich allen, die zwei verschiedene Länder ihr Zuhause nennen.
Als Kind war das Deutschland, das ich als mein zweites Zuhause betrachtete, Westdeutschland. Anfang der 1990er-Jahre zogen meine Eltern dann aus den USA ins ehemalige Ostdeutschland. Bei häufigen Besuchen verliebte ich mich in ihre neue Heimatstadt Leipzig – mit ihrer Offenheit und dem Gefühl unendlicher kreativer Möglichkeiten in jenen Jahren des Umbruchs sowie mit ihren atemberaubenden Grünflächen, Wasserwegen und Stadtvierteln. 2017 zog schließlich auch ich selbst mit meinem Mann und meinen Kindern nach Leipzig, wenn auch nur vorübergehend. Es war ein wahr gewordener Traum, zum einen, weil ich Leipzig liebe, und zum anderen, weil ich endlich die Zeit hatte, einen Roman zu schreiben. Während dieser Zeit entstanden die ersten Entwürfe von Restitution, inspiriert von meiner Liebe zu Leipzig, von jahrzehntelangen Beobachtungen und Gesprächen über die fortbestehende Kluft zwischen Ost und West und von einer tiefen Faszination dafür, wie die Stadt und ihre Menschen auf rasche und dramatische Veränderungen reagierten.
Gebäude in Leipzig nach der Wende

Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, Mitte der neunziger Jahre | © Tamar Shapiro

Der Roman Restitution erzählt von Lena, einer Deutschen, die nach einer Scheidung mit ihrer Tochter Kate und ihrem Sohn Martin in den Vereinigten Staaten lebt. Ihre Eltern waren in den 1950er-Jahren aus der DDR in den Westen geflohen und ein anderes Ehepaar zog in ihr Haus. Nach der Wiedervereinigung muss sich Lena mit der Frage auseinandersetzen, ob sie das ehemalige Grundstück ihrer Eltern zurückfordern sollte.
Was hat Sie an dieser besonderen Familiensituation gereizt?


Restitution handelt von vielen Dingen, aber eines der zentralen Themen ist der Verlust: wie Menschen ihn erleben und wie sie darauf reagieren. Viele von uns denken bei Verlust an persönliche Dinge, etwa den Verlust eines geliebten Menschen. Doch natürlich gibt es Verlust auch in einem viel größeren Maßstab. In Restitution erkunde ich die emotionalen Parallelen zwischen dem Verlust von Menschen (sei es durch geografische Entfernung, Entfremdung, Scheidung oder Tod) und dem Verlust von Heimat und Land. Besonders fasziniert mich der Gedanke, dass man sich von einem geliebten Menschen entfernen kann, obwohl er noch Teil des eigenen Lebens ist, genauso wie man seine Heimat oder sein Land verlieren kann, ohne umzuziehen, einfach weil sich alles um einen herum verändert. Die Scheidung, die die Familie zerbrechen lässt, ist nur ein Beispiel für Verlust, aber ein wichtiges, denn sie ereignet sich früh im Leben meiner Erzählerin Kate und ihres Bruders Martin. Sie prägt, wie die beiden auf spätere Verluste reagieren.

Lena spricht nie offen mit ihren Kindern über ihre Scheidung, was ein anhaltendes Schweigen in der Familie erzeugt. Was hat Sie an den Folgen des Unausgesprochenen interessiert?

Das Schweigen in Familien ist ein weiteres großes Thema in Restitution. Ebenso das Schweigen über historische Ereignisse. Tatsächlich hängt das Schweigen von Kates Mutter unmittelbar mit den Erfahrungen ihrer Familie in einer dunklen Zeit der Geschichte zusammen. Sie wuchs in den Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs auf. Als Teenagerin floh sie dann mit ihrer Familie von Ost- nach Westdeutschland und landete schließlich nach ihrer Heirat in den Vereinigten Staaten. Durch all das hindurch lernte sie, nicht zurückzublicken. Für sie scheint das zu funktionieren, aber ihre Kinder tun sich schwer damit. Wie verarbeitet man die Ereignisse der eigenen Kindheit, wenn sie weitgehend unbeachtet bleiben und niemand da ist, mit dem man sie verarbeiten kann?

Die Geschwister erleben dieselbe Familiengeschichte oft sehr unterschiedlich. Wollten Sie erkunden, wie sich Erinnerung sogar innerhalb einer einzigen Familie unterscheiden kann?

Ich finde es faszinierend, dass Kinder in derselben Umgebung aufwachsen und doch völlig unterschiedliche Erinnerungen davontragen. Das zeigt viel darüber, wie formbar Erinnerung ist. Aber auch die Annahme, Geschwister hätten zwangsläufig dieselben Erfahrungen, ist fehlerhaft. An entscheidenden Punkten gehen die Erfahrungen von Kate und Martin dramatisch auseinander, und diese Momente der Divergenz werden zu einem Keil zwischen ihnen. Sie glauben, sie müssten einander verstehen, und tun es doch nicht. Unweigerlich weichen die Erwartungen, die sie als Geschwister aneinander haben, Enttäuschung, Verwirrung und Wut. Ja, Erinnerungen unterscheiden sich also innerhalb einer Familie, aber ebenso die Erfahrungen. In Restitution erkunde ich beides.
Natürlich habe ich mich auch deshalb für Geschwister entschieden, weil mich die Parallele reizte zwischen entfremdeten Geschwistern, die eine gemeinsame Basis suchen, und zwei Ländern, die nach Jahrzehnten der Teilung wieder zusammenfinden. In beiden Fällen ist der Prozess prekär, chaotisch und unvollkommen.
Hardcover des Buches “Restitution” auf einem Tisch stehend mit Pflanzen rechts und links

Restitution Buchtitel Hardcover | © Tamar Shapiro/CANVA

Gab es eine bestimmte Szene, Figur oder Beziehung, die sich als besonders schwierig zu schreiben erwies?

Die Teile des Buches, die in den 1950er-Jahren in Ostdeutschland spielen, erforderten bei Weitem die meiste Recherche. Es war schwierig, aber gleichzeitig auch eine wundervolle Erfahrung. Ich habe unzählige Bücher und historische Dokumente gelesen und außerdem mit so vielen Menschen gesprochen, wie ich nur konnte. Ein großes Glück war dabei, Freunde zu haben, die in der Gegend um Leipzig aufgewachsen sind und mich mit ihren Verwandten, Nachbarn und sogar Lehrern in Kontakt brachten. Diese Gespräche (und der viele Kuchen, den ich angeboten bekam) wurden zu einem unerwarteten Glanzlicht des Schreibprozesses.

Der Roman spielt im Schatten der deutschen Wiedervereinigung. Was ist Ihrer Meinung nach der am meisten übersehene Aspekt des Wandels in Ostdeutschland nach 1989?

Ich habe Restitution mit Blick auf ein amerikanisches Publikum geschrieben. Die Frage, die ich mir beim Schreiben stellte, war daher konkret, was in der amerikanischen Erzählung über die deutsche Wiedervereinigung fehlte. Die Antwort lautete: so unglaublich viel! Die Geschichte, die in den USA erzählt wurde, war eine des Triumphs, und der Fall der Mauer war tatsächlich ein Triumph. Er markierte den Sturz eines gewalttätigen, repressiven autoritären Regimes. Aber die Geschichte der Wiedervereinigung ist weitaus komplizierter. Genau diese Vielschichtigkeit, die Mängel der Wiedervereinigung und ihre nachwirkenden Folgen, wollte ich einem amerikanischen Publikum vermitteln.
Der Aspekt der Wiedervereinigung, der mich am meisten interessierte (wenn auch nicht übersehen), war die heikle Eigentumsfrage. Unter den vielen eigentumsbezogenen Fragen, die die Wiedervereinigung aufwarf, greift Restitution ein zutiefst berührendes Beispiel auf: die Rückgabeansprüche früherer Eigentümer, die aus der DDR geflohen waren. Ich habe mich auf diese Ansprüche konzentriert, weil es hier keine einfachen Antworten gibt. Wie prägt ein Ort die Identität? Wer schuldet wem was und warum? Wie lassen sich Schulden, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne, am besten begleichen? Das sind die Fragen, die ich erkunden wollte – Fragen, die das Verhältnis zwischen Ost und West bis heute verwirren.
Hellgelber Trabant mit Leipziger Kennzeichen, der zwischen neueren Autos geparkt ist.

Trabbi in Leipzig | © Tamar Shapiro

Mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung: Welche Gespräche über Ost- und Westdeutschland müssen Ihrer Meinung nach noch geführt werden?

Mit Entsetzen habe ich beobachtet, wie die extreme Rechte im Osten Deutschlands zur prominentesten politischen Kraft aufgestiegen ist. Natürlich gewinnt die extreme Rechte auch im Westen Deutschlands an Zuspruch – Teil eines größeren globalen Trends –, aber nicht in dem Ausmaß wie im Osten, wo jüngste Landtagswahlen und Umfragen schockierende Ergebnisse für die Alternative für Deutschland (AfD) gezeigt haben, eine nationalistische, einwanderungsfeindliche Partei, deren führende Vertreter ein auf Ethnizität beruhendes Verständnis deutscher Identität vertreten und sich einer Rhetorik bedient haben, die an die der NSDAP erinnert. Bei meinen jüngsten Reisen in die ländlichen Gegenden rund um Leipzig war ich bestürzt über die Verbreitung von Hakenkreuz-Aufklebern und über Menschen, die T-Shirts trugen, auf denen sie sich als stolze Nazis bekennen. Die AfD hat Ängste und Ressentiments aufgegriffen, die sich wohl seit der Wiedervereinigung aufgestaut haben, und ich bin überzeugt, dass es entscheidend ist, die Vergangenheit zu verstehen, um einen Weg nach vorn zu finden. Zugleich bin ich aber fest davon überzeugt, dass die dringendsten Gespräche heute nicht die sind, in denen gefragt wird, was wir hätten anders machen sollen, sondern die, in denen es darum geht, was wir jetzt anders machen, um Deutschland als inklusiven und demokratischen Staat zu schützen. Ich fürchte, uns läuft die Zeit davon.

Sie sind in den Vereinigten Staaten aufgewachsen, haben Ihre Sommer aber in Deutschland am Bodensee verbracht. Wie hat diese transatlantische Kindheit Ihr Schreiben beeinflusst?

Neben meinen Sommern am Bodensee, bin ich als Kind mehrere Jahre in Bonn zur Schule gegangen und habe auch in Berlin und Leipzig gelebt. Ich schätze mich sehr glücklich, zwei Länder (und zwei Sprachen) mein Zuhause nennen zu können, doch es bringt eine gewisse Traurigkeit mit sich – das Gefühl, in keinem von beiden je ganz angekommen zu sein. Diese Spannung hat mein ganzes Leben bestimmt, und sie hat auch viele meiner Entscheidungen beim Schreiben des Romans geprägt. Am offensichtlichsten ist die Wahl einer Erzählerin, die wie ich zwischen den Ländern hin- und hergerissen ist. Ich habe Restitution meinen Eltern gewidmet, die mir diese beiden Heimaten geschenkt haben, und ich bin wirklich dankbar für den wunderbar verwirrenden Reichtum, den dieses Zuviel in mein Leben bringt.
Tamar Shapiro als kleines Mädchen in einem Boot auf dem Bodensee, im Hintergrund die Stadt Überlingen.

Tamar Shapiro als kleines Mädchen in einem Boot auf dem Bodensee, im Hintergrund die Stadt Überlingen. | © Mit freundlicher Genehmigung von Tamar Shapiro

Gibt es Unterschiede darin, wie die deutsche und die US-amerikanische Leserschaft auf die Themen des Romans reagieren?

In erster Linie handelt dieses Buch von einer Familie. Es behandelt universelle Themen wie Verlust, Erinnerung und Verrat, die für Leserinnen und Leser in den USA und in Deutschland vermutlich gleichermaßen relevant sind. Was die historischen Elemente des Buches betrifft, freue ich mich sehr, wenn mir amerikanische Leserinnen und Leser erzählen, dass Restitution in ihnen den Wunsch geweckt hat, mehr über die Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands nach dem Krieg zu erfahren. Es bereitet mir große Freude, meinen Roman als Beginn einer Reise für sie zu sehen! Aber auch über die Reaktion der deutschen Leserinnen und Leser habe ich mich sehr gefreut. Jedes Mal, wenn mir jemand erzählt, in meinem Text nicht nur die eigenen Geschichten wiedererkannt, sondern auch etwas Neues gelernt zu haben, mache ich regelrechte Freudensprünge.