Amerikabild  I Hear America Singing

Grafik mit einer alten Karte amerikanischer Volkslieder sowie einem Schwarz-Weiß-Detail einer nicht identifizierten Person, die Gitarre spielt. © Goethe-Institut

Für Deutsche war Amerika von Anbeginn an vor allem eines: eine Leinwand, auf die sie ihre Sehnsüchte und Ängste projizierten. Faktenwissen gab es auch, doch dieses hatte kaum je nennenswerte Wirkung auf die – je nach Lage – lustvollen oder furchterregenden Fantasien. Es sind die Verhältnisse in Deutschland, nicht die in den USA, die unser Amerikabild vorrangig prägen.

Der erste dokumentierte Name für den neuentdeckten Kontinent war deutsch: „Amerika“ nannte ihn der Kartograf Martin Waldseemüller 1507. Sechs Jahre später benannte er ihn wieder in „terra incognita“ um. Und dies blieben die USA für Deutsche bis heute. Sie verfügen über eine so konkrete Vorstellung von den USA, dass es fast gleich ist, ob sie vielleicht einmal die Route 66 runtergebrettert sind, in New Yorks 5th Avenue einkaufen waren, gar mal kurz dort gelebt oder nur viel ferngesehen haben. Selbst die eigene Anschauung führt kaum je zur Infragestellung alter, tiefsitzender Vorurteile. Man sieht ja nur, was man zu kennen glaubt.

Seit Friedrich Hegel schauen die Bildungsdeutschen mit arrogantem Dünkel auf Amerika herab. Seine Charakterisierung Amerikas als noch unreifes Land, dem aber eine große Zukunft bevorstehe, prägt seither den deutschen Blick über den Atlantik. Seither? Vielleicht doch nur bis zum End of the American Century[1] …

Der – bis heute in den USA gepflegte - Gründungsmythos von den unbeugsamen, edlen Pilgervätern wirkte in Europa nie so recht plausibel. Was sind schon ein paar religiöse Sektierer im Vergleich zu den Millionen von huddled masses, die aus materiellen Gründen, oft aus schierer wirtschaftlicher Not, zu Füßen der Statue of Liberty[2] in Ellis Island angespült wurden? Der Pursuit of Happiness war von Anfang an vor allem ein Pursuit of Enterprise und Amerika ein Spielfeld ohne Regeln – wie geschaffen für Abenteurer, enterbte Söhne aus niederem Adel, Glücksritter, Kriminelle, Vagabunden. Mein Amerikanistik-Professor Berndt Ostendorf erzählte, er habe im Kirchenbuch der kleinen norddeutschen Gemeinde, aus der seine Familie stammt, den Eintrag gefunden, „der XY Ostendorf spaltete dem Nachbarn den Kopf und ging nach Amerika“. Ostendorf fügte hinzu, besonders gefallen habe ihm das lakonische „und“ im Satz.

Aus dem Streben nach Wohlstand erwächst aber keine Wertegemeinschaft. Schon gar nicht mit anderen Ländern. Und selbst der American Dream ist nicht einklagbar. I started out with nothin’. And I’ve still got most of it left.[3]

Die Nase rümpfen und die Augenbrauen hochziehen über die unkultivierten Hicks drüben überm Teich ist in Deutschland eine rituelle Handlung. Während seit dem 19. Jahrhundert Erzählungen von endlosen Abenteuern und edlen Wilden populär waren, wie etwa die von Friedrich Gerstäcker, Karl May oder Charles Sealsfield, dominierte doch das Narrativ vom primitiven, unkultivierten Materialisten da drüben. Die schönste Schlüsselszene fand ich im Roman „Der Amerikamüde“ von Ferdinand Kürnberger: Der neu aus Europa Angekommene gerät da zu seinem Entsetzen zwischen zwei gleichzeitig aufspielende Orchester:
Beide Orchester vernahmen sich einander vollkommen gut, das schien aber weder ihr, noch ihrer Zuschauer Wohlbefinden im Geringsten zu beeinträchtigen. Einige Kinder, an ihrer englisch-amerikanischen Mundart als reinste Natives kennbar, liefen sogar begierig herbei und stellten sich mit intelligentester Raumabmessung zwischen die spielenden Orchester in die gerechte Mitte, um, wie sie sich zujubelten, »zwei Musik« zu haben. Der Europäer ergriff eine wilde Flucht.[4]

Natürlich änderte sich die Lage immer wieder etwas. Die gescheiterten Revolutionäre von 1848 fanden in den USA nicht nur Zuflucht, sondern im Kampf gegen die Sklaverei auch eine neue Aufgabe.
Sobald sich die Frontier schloss, konnte man nun aber nicht mehr einfach weiterziehen. Man musste sich nun zwangsläufig mit seinen Mitbürgern auseinandersetzen. Da aber bis dato Gewalt als präferiertes Mittel der Konfliktbewältigung gegolten hatte, stand das Land immer wieder am Rande von Bürgerkriegen, Gewalt oder Sedition. Es war so zerrissen wie seine Wahrnehmung in Mitteleuropa. Die Gegensätze verschärften sich weiter: Plantagenwirtschaft, Sklaverei und Zölle vs. Industrialisierung; Großstadt vs. Landleben; Red Scare vs. Counter Culture; Beatniks und Hippies vs. Rednecks; Weltpolizei vs. Isolationismus; elitäre Küsten vs. abgehängte Fly-Over States. Ein großer Wisconsin Death Trip[5] verlängert den Trail of Tears direkt in die Brutalität der Segregation und in die Napalmschwaden Vietnams.

Die City on a Hill verlor früh das Gleichgewicht. Sie zerfiel in die vergoldeten Türme der Arroganz und die Shotgun Shacks der Deplorables in ihrem Schatten. Jede Behausung in den USA ist mit metaphorischer Bedeutung ideologisch aufgeladen, vom Home on the Range bis zum Mansion on the Hill. Die Cabin Doors Stephen Fosters[6] oder Henry David Thoreaus[7] von 1854 ähneln fatal den 1936 von Waker Evans in Alabama fotografierten[8].

Mein persönliches Amerika beginnt aber erst so richtig nach dem Zweiten Weltkrieg. Aufgewachsen in München, war ich von Kindheit an umspült von GIs, AFN, US-Touristen, Rock’n’Roll und Hollywood, von Jazz und Blues und der Freiheit weiter Cinemascope-Landschaften. McCarthyism, Watergate, Jim Crow, der KKK und die Morde an King und den Kennedys sind der finstere Kontrast, vor dem dies umso mehr erstrahlt.[9]

Im Amerikanistikstudium fragten wir uns, ob der Westen Deutschlands nach Nazis und Krieg nun amerikanisiert oder modernisiert worden sei. Ich kann aus nahezu jedem Dylan-Song zitieren, kenne aber keine deutschen Volkslieder.

Heute erinnern sich die USA an etwas, das es nie gab. Ich lese, Wim Wenders sei restlos enttäuscht von Amerika. Das bin ich nicht. Denn ich war ja auch nie berauscht davon. Die Ambivalenz war immer da. Seit 250 Jahren prägt sie unseren Blick auf das vertraut scheinende, fremdartige Land. Mein Amerika sind jedoch die überwältigenden Landschaften und die handgemachte Musik, die von ihnen inspiriert wurde. 


Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel war der Anlass für eine Spotify-Playlist mit 250 Musikstücken zum 250. Jubiläum der USA. Viel Vergnügen beim Hören.
© Spotify

Fußnoten

[1] David S. Mason: The End of the American Century. Rowman & Littlefield, New York 2008.
[2] “Give me your hungry, your tired, your poor - I'll piss on 'em
That's what the Statue of Bigotry says
Your poor huddled masses, let's club 'em to death” (Lou Reed: Dirty Boulevard, 1989).
[3] Seasick Steve, 2008.
[4] Ferdinand Kürnberger: Der Amerikamüde. Amerikanisches Kulturbild. Meidinger, Frankfurt a.M 1855, Kap. 1.
[5] Michael Lesy: Wisconsin Death Trip. Pantheon, New York 1973.
[6] In seinem Song „Hard Times Come again no more”, 1854.
[7] Henry David Thoreau: Walden; or, Life in the Woods. Ticknor and Fields, Boston 1854.
[8] Veröffentlicht u.a. in: Let us now Praise Famous Men, Houghton Mifflin, Boston 1941.
[9] Am deutlichsten gegenübergestellt in: Franz Josef Degenhardt: Ja, das ist die Sprache der Mörder (1973):
Ja,
das ist die Sprache der Mörder,
die in fliegenden Festungen
bei Kaffee
Coca
Country- und Rockmusik
von ihren Mädchen sprechen
über Haiphong
oder irgendwo über Laos,
Kambodscha
und wer weiß wo noch bald
den Knopf drücken,
okay sagen.
Aber es ist auch die Sprache
von Angela Davis
und Charlie Parker
und Luther King
und von Millionen,
die schreien
und sprachlos schweigen,
die Sprache der Lieder,
die wir gern hören.
Bei aller Wut -
Vergeßt das nicht.

Mehr zum Thema