Liegt Nordamerika im Fußballfieber? Und wie politisch ist das größte WM-Turnier aller Zeiten? Zur Weltmeisterschaft haben wir Stimmen und Meinungen aus den Gastgeberländern USA, Kanada und Mexiko eingeholt. Eine Bestandsaufnahme, die von ansteckender Begeisterung bis hin zu gleichgültigem Schulterzucken reicht.
An einem Samstag Mitte Mai sehe ich zufällig in der Ecke unserer Drogerie Fan-Artikel zur Fußballweltmeisterschaft. Von knallbunten Badetüchern bis zu Trinkbechern ist alles bereits um 25% heruntergesetzt. Kein gutes Zeichen für die WM in den USA. Und tatsächlich, die Massenbegeisterung fehlt. Wen ich in der Kleinstadt Somers in New York auch anspreche, zuckt nur mit den Schultern oder schaut mich fragend an, wenn ich über die kommende Weltmeisterschaft spreche. „In welcher Sportart?“, fragt der Kassierer an der Supermarktkasse. „Interessiert mich nicht“, sagt der Angestellte in der Postfiliale und zeigt auf einen American Football-Wimpel der Greenbay Packers, den er sich an die Wand gehängt hat.Jugendliche in den USA streben Fußballkarriere an
Das Klischee von Fußball als Stiefkind in der US-Sportlandschaft bewahrheitet sich in meinem Umfeld. Aber was wären die USA, wenn es nicht auch das andere Extrem gäbe: James Brinn, Shane Carroll und Joe Bojaj sind begeisterte Fußballspieler. Die Somers High School Schüler spielen seit über zehn Jahren für den lokalen Fußballverein und seit der 9. Klasse auch für die Schulmannschaft. Fußballkarrieren werden hier meist schon ab der 6. Klasse geplant, College Coaches bekommen Videos der Spieler zugeschickt und spezielle Turniere werden besucht, um die Aufmerksamkeit der Trainer zu erlangen. Das ist auch der Traum der drei Schüler, die der Fußball-Weltmeisterschaft mit Begeisterung entgegensehen: „Ich werde ein Spiel in Los Angeles in der Hollywood Bowl sehen“, erzählt James (18). Auch Shane (16) hat Karten für das Spiel England gegen Panama. Beide wünschen sich, dass die USA gewinnen, aber fiebern auch für andere Länder wie die Niederlande und Deutschland mit. „Unser Torwart ist Deutsch-Amerikaner. Er hat mich inspiriert, Deutschlandfan zu werden“, sagt Joe Bojaj (17).
Portrait von Ernie Goodwin, Vereinsvorsitzender FC Somers (left), high school Fußballspieler Shane Carroll, James Brinn and Joe Bojaj | © privat / © Benn Baran
„Wenn man sagt, dass man Politik und Sport trennen sollte, ist das ja an sich schon politisch“.
WM löst gemischte Gefühle aus
So sehen das auch die Freunde von Arminia-Bielefeld-Fan Dennis Kastrup (49), der seit zehn Jahren in Kanada lebt.„Erst wollten mich viele besuchen, aber letztendlich kommt jetzt niemand“, erzählt der freie Journalist und Gründer von Life Story Audio, einem Service, der Menschen das Aufzeichnen ihrer Lebensgeschichten ermöglicht. „Ich sehe der WM mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits habe ich mich damals gefreut, als Kanada als Gastgeberland ausgewählt wurde, aber WM-Fußballspiele sind einfach zu teuer geworden. Die Tickets, die Anfahrt, Parken, Hotel und Versorgung, da bezahlt man ja locker für ein Spiel 1000 Dollar. Das mache ich nicht mehr mit. Fußball sollte für alle erschwinglich sein. Anderseits freue ich mich dann, wenn es los geht, dass ich die Spiele mit Freunden hier sehen kann. Meistens schaue ich europäischen Fußball. Die Spiele sind dann wegen der Zeitverschiebung immer mittags oder nachmittags. Jetzt kommen sie aber auch abends. Das wird toll.“
Dennis Kastrup mit kanadischem Freund im Fußballstadion beim Freundschaftsspiel Kanada gegen Irland am 5. Juni | © Dennis Kastrup
Ganz andere Töne kommen aus New York City, wo Lisa Hollenbach vom Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland das Sportereignis durchweg positiv einordnet:
Fußball ist in den USA im Gegensatz zur WM 1994 längst keine Nischensportart mehr.
Lisa Hollenbach mit dem offiziellen WM-Fußball im Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in New York | © Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in New York
Mexiko im Fußballfieber
Am größten scheint derzeit die Fußballbegeisterung in Mexiko zu sein. Meine Kollegin Angélica Cruz Aguilar aus Mexico City berichtet von großen Plakatwänden und vielen Fanartikel-Ständen: „Auch in Gesprächen taucht das Thema ständig auf – sei es im Büro, in Cafés oder auf der Straße. Die Stadt ist voller Vorfreude. Ich habe auch gelesen, dass viele Hotels ausgebucht sind und die Nachfrage nach Tickets enorm ist, sodass es inzwischen schwer ist, noch welche zu bekommen“, erzählt sie. Sie selbst freue sich auf die Watch Partys, die das Goethe-Institut mitveranstaltet.Auch am Goethe-Institut Chicago ist die Stimmung bestens. Das gesamte Team machte einen Betriebsausflug zum Freundschaftsspiel Deutschland gegen die USA.
Das Team des Goethe-Instituts Chicago vor dem Freundschaftsspiel Deutschland gegen USA in Chicago | © Goethe-Institut Chicago
Gleichzeitig war die Begeisterung für die US-Mannschaft im Stadion riesig. Besonders beeindruckt hat mich die Reaktion auf ein amerikanisches Tor: Sofort gab es ein Feuerwerk, "Free Bird" wurde über die Lautsprecher gespielt und der Stadionsprecher heizte die Stimmung mit voller Energie an. Diese Mischung aus Sportevent und Show ist etwas, das man so wirklich nur in den USA erlebt.
Für mich persönlich war es spannend, beide Perspektiven gleichzeitig zu erleben. Ich bin mit der deutschen Kultur aufgewachsen, lebe aber seit vielen Jahren in den USA. Bei so einem Spiel merkt man besonders, wie sehr man sich in beiden Welten zu Hause fühlt“, berichtet die 36-Jährige, die einen amerikanischen Vater und eine deutsche Mutter hat und in Nürnberg geboren wurde. Sie möchte, dass Deutschland die WM gewinnt und trägt auch gern mal ein Deutschlandtrikot: „Darauf werde ich immer wieder von Fremden angesprochen, die fragen, ob ich mich auf die WM freue. Daraus entstehen oft nette Gespräche darüber, wie weit Deutschland kommen wird und ob es vielleicht sogar wieder für den Titel reicht. Diese Begeisterung und Neugier auf das Turnier spürt man schon jetzt.
« J’ai remarqué que les maillots de l’Allemagne sont déjà en rupture de stock dans de nombreux magasins de la région de Chicago. »
In der ARD-Tagesschau konnte man deren grenzenlose Begeisterung sehen. Wer also zweifelt, ob die Begeisterung in den USA wirklich trägt, der sollte auf die nächste Generation schauen – sie ist längst fußballverrückt und lässt sich davon so schnell nicht mehr abbringen.