Stimmen aus den USA, Mexiko und Kanada zur Fußball-WM  WM unter Wolkenkratzern

Eine Illustration des Globus mit Sprechblasen, in denen verschiedene Satzzeichen dargestellt sind © Goethe-Institut, Ricardo Roa

Liegt Nordamerika im Fußballfieber? Und wie politisch ist das größte WM-Turnier aller Zeiten? Zur Weltmeisterschaft haben wir Stimmen und Meinungen aus den Gastgeberländern USA, Kanada und Mexiko eingeholt. Eine Bestandsaufnahme, die von ansteckender Begeisterung bis hin zu gleichgültigem Schulterzucken reicht.

An einem Samstag Mitte Mai sehe ich zufällig in der Ecke unserer Drogerie Fan-Artikel zur Fußballweltmeisterschaft. Von knallbunten Badetüchern bis zu Trinkbechern ist alles bereits um 25% heruntergesetzt. Kein gutes Zeichen für die WM in den USA. Und tatsächlich, die Massenbegeisterung fehlt. Wen ich in der Kleinstadt Somers in New York auch anspreche, zuckt nur mit den Schultern oder schaut mich fragend an, wenn ich über die kommende Weltmeisterschaft spreche. „In welcher Sportart?“, fragt der Kassierer an der Supermarktkasse. „Interessiert mich nicht“, sagt der Angestellte in der Postfiliale und zeigt auf einen American Football-Wimpel der Greenbay Packers, den er sich an die Wand gehängt hat.  

Jugendliche in den USA streben Fußballkarriere an

Das Klischee von Fußball als Stiefkind in der US-Sportlandschaft bewahrheitet sich in meinem Umfeld. Aber was wären die USA, wenn es nicht auch das andere Extrem gäbe: James Brinn, Shane Carroll und Joe Bojaj sind begeisterte Fußballspieler. Die Somers High School Schüler spielen seit über zehn Jahren für den lokalen Fußballverein und seit der 9. Klasse auch für die Schulmannschaft. Fußballkarrieren werden hier meist schon ab der 6. Klasse geplant, College Coaches bekommen Videos der Spieler zugeschickt und spezielle Turniere werden besucht, um die Aufmerksamkeit der Trainer zu erlangen. Das ist auch der Traum der drei Schüler, die der Fußball-Weltmeisterschaft mit Begeisterung entgegensehen: „Ich werde ein Spiel in Los Angeles in der Hollywood Bowl sehen“, erzählt James (18). Auch Shane (16) hat Karten für das Spiel England gegen Panama. Beide wünschen sich, dass die USA gewinnen, aber fiebern auch für andere Länder wie die Niederlande und Deutschland mit. „Unser Torwart ist Deutsch-Amerikaner. Er hat mich inspiriert, Deutschlandfan zu werden“, sagt Joe Bojaj (17). 
Portrait von Ernie Goodwin, Vereinsvorsitzender FC Somers  (left), high school Fußballspieler Shane Carroll, James Brinn (mit Fußball in der Hand) and Joe Bojaj stehen auf der Torlinie des Schul-Fußballfeldes.

Portrait von Ernie Goodwin, Vereinsvorsitzender FC Somers (left), high school Fußballspieler Shane Carroll, James Brinn and Joe Bojaj | © privat / © Benn Baran

Der Vereinsvorsitzende des FC Somers, Ernie Goodwin, schlägt dagegen kritische Töne an: „Ich denke es ist eine Schande, was die USA einigen Teams und offiziellen Spielern antun. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass mich das überrascht. Fans sollten ganz offen unsere Regierung kritisieren, die quasi moderne Konzentrationslager für Immigranten errichtet hat. Ich bin sicher, dass sich Deutsche mit dieser Politik an die 1930er Jahre erinnert fühlen.“ Er glaube, dass Politik eine Rolle im Fußball spielen sollte, weil Sport ein so mächtiges Instrument ist, um eine Botschaft zu verbreiten.
„Wenn man sagt, dass man Politik und Sport trennen sollte, ist das ja an sich schon politisch“.  
Ernie Goodwin, Vereinsvorsitzender FC Somers
„Ich werde die USA anfeuern und jedes Team, das gegen England spielt. Frankreich wird wahrscheinlich den Titel holen, solange Mbappé auch in der Verteidigung aushilft“, lautet die Prognose des eingefleischten Celtic- Fans. Auf seinen eigenen Verein ist er sehr stolz, da der lokale FC Somers so gute Jugendmannschaften hat, dass diese sogar auf Bundesebene gegen andere erfolgreiche Vereine antreten. „Ich liebe Fußball und denke, es ist auch ein strategischer Sport, der viel mit Denkleistung zu tun hat. Zudem kann jeder mitmachen, egal aus welcher Einkommensklasse. Man braucht nur einen Ball“, sagt er abschließend. Selbst wird der Celtic-Fan zu keinem Spiel gehen. Er hält die Ticketpreise für absoluten Wucher.  

WM löst gemischte Gefühle aus

So sehen das auch die Freunde von Arminia-Bielefeld-Fan Dennis Kastrup (49), der seit zehn Jahren in Kanada lebt.

„Erst wollten mich viele besuchen, aber letztendlich kommt jetzt niemand“, erzählt der freie Journalist und Gründer von Life Story Audio, einem Service, der Menschen das Aufzeichnen ihrer Lebensgeschichten ermöglicht. „Ich sehe der WM mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits habe ich mich damals gefreut, als Kanada als Gastgeberland ausgewählt wurde, aber WM-Fußballspiele sind einfach zu teuer geworden. Die Tickets, die Anfahrt, Parken, Hotel und Versorgung, da bezahlt man ja locker für ein Spiel 1000 Dollar. Das mache ich nicht mehr mit. Fußball sollte für alle erschwinglich sein. Anderseits freue ich mich dann, wenn es los geht, dass ich die Spiele mit Freunden hier sehen kann. Meistens schaue ich europäischen Fußball. Die Spiele sind dann wegen der Zeitverschiebung immer mittags oder nachmittags. Jetzt kommen sie aber auch abends. Das wird toll.“
Dennis Kastrup (rechts mit blonden Haaren und Bart sowie dunkelblauem T-Shirt) mit kanadischem Freund (Brille, dunkelhaarig, ebenfalls Bart und weißem T-Shirt) im Fußballstadion beim Freundschaftsspiel Kanada gegen Irland am 5. Juni

Dennis Kastrup mit kanadischem Freund im Fußballstadion beim Freundschaftsspiel Kanada gegen Irland am 5. Juni | © Dennis Kastrup

Die politische Ebene der Weltmeisterschaft stört ihn allerdings: „Wir als Fußballfans finden Gianni Infantino alle furchtbar. Wie der sich anbiedert und Trump die Füße küsst, ist ganz schlimm. In den USA wird das Fußballerlebnis nicht so schön werden. Dass es eine Halftime-Show im Finale gibt, finden wirklich alle schrecklich. In Mexiko und Kanada wird es aber bestimmt super“, ist seine Meinung. Dass Deutschland das Turnier gewinnen wird, glaubt er nicht.  

Ganz andere Töne kommen aus New York City, wo Lisa Hollenbach vom Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland das Sportereignis durchweg positiv einordnet:
Fußball ist in den USA im Gegensatz zur WM 1994 längst keine Nischensportart mehr.
Lisa Hollenbach, Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in New York
"In New York City hat ja jedes Land seine eigene Fankneipe, auch das ist sicherlich einmalig. Ich bin überzeugt, dass sich die Stadt darauf freut, Fußballfans aus aller Welt begrüßen zu dürfen.“
Lisa Hollenbach, deren schwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden ist, hält den offiziellen WM-Fußball in der Hand und steht vor dem Fenster des Generalkonsulats der Bundesrepublik Deutschland in New York, im Hintergrund sind Wolkenkratzer zu sehen.

Lisa Hollenbach mit dem offiziellen WM-Fußball im Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in New York | © Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in New York

Sie gibt zu, dass sich die New Yorker Anfang Juni noch im Basketballtaumel befinden, da die Knicks seit über 50 Jahren die Meisterschaft gewonnen haben. In der U-Bahn dominierten daher noch die blau-orangen Trikots.

Mexiko im Fußballfieber

Am größten scheint derzeit die Fußballbegeisterung in Mexiko zu sein. Meine Kollegin Angélica Cruz Aguilar aus Mexico City berichtet von großen Plakatwänden und vielen Fanartikel-Ständen: „Auch in Gesprächen taucht das Thema ständig auf – sei es im Büro, in Cafés oder auf der Straße. Die Stadt ist voller Vorfreude. Ich habe auch gelesen, dass viele Hotels ausgebucht sind und die Nachfrage nach Tickets enorm ist, sodass es inzwischen schwer ist, noch welche zu bekommen“, erzählt sie. Sie selbst freue sich auf die Watch Partys, die das Goethe-Institut mitveranstaltet.  

Auch am Goethe-Institut Chicago ist die Stimmung bestens. Das gesamte Team machte einen Betriebsausflug zum Freundschaftsspiel Deutschland gegen die USA.  
Das Team des Goethe-Instituts Chicago mit Deutschlandflagge und in Fußballtrikots und Deutschlandhüten, jubelnd vor einer Wolkenkratzerkulisse vor dem Freundschaftsspiel Deutschland gegen USA in Chicago

Das Team des Goethe-Instituts Chicago vor dem Freundschaftsspiel Deutschland gegen USA in Chicago | © Goethe-Institut Chicago

Meine Kollegin Denise Elsman war auch dabei: „Überraschenderweise habe ich deutlich mehr Deutschland- und Bundesliga-Trikots gesehen als USA-Trikots. Auch auf den Rängen wurde viel Deutsch gesprochen, was natürlich ein schönes Gefühl war.

Gleichzeitig war die Begeisterung für die US-Mannschaft im Stadion riesig. Besonders beeindruckt hat mich die Reaktion auf ein amerikanisches Tor: Sofort gab es ein Feuerwerk, "Free Bird" wurde über die Lautsprecher gespielt und der Stadionsprecher heizte die Stimmung mit voller Energie an. Diese Mischung aus Sportevent und Show ist etwas, das man so wirklich nur in den USA erlebt.

Für mich persönlich war es spannend, beide Perspektiven gleichzeitig zu erleben. Ich bin mit der deutschen Kultur aufgewachsen, lebe aber seit vielen Jahren in den USA. Bei so einem Spiel merkt man besonders, wie sehr man sich in beiden Welten zu Hause fühlt“, berichtet die 36-Jährige, die einen amerikanischen Vater und eine deutsche Mutter hat und in Nürnberg geboren wurde. Sie möchte, dass Deutschland die WM gewinnt und trägt auch gern mal ein Deutschlandtrikot: „Darauf werde ich immer wieder von Fremden angesprochen, die fragen, ob ich mich auf die WM freue. Daraus entstehen oft nette Gespräche darüber, wie weit Deutschland kommen wird und ob es vielleicht sogar wieder für den Titel reicht. Diese Begeisterung und Neugier auf das Turnier spürt man schon jetzt.
« J’ai remarqué que les maillots de l’Allemagne sont déjà en rupture de stock dans de nombreux magasins de la région de Chicago. »
Denise Elsman, Relations publiques dans le Goethe-Institut Chicago et le Goethe-Institut Houston
Zwei Trikots unterschrieben von Leon Goretzka und David Raum durfte auch ich mit ihrer Hilfe ergattern. Die beiden Nationalspieler trafen sich am Goethe-Institut Chicago mit Grundschulklassen.
 
In der ARD-Tagesschau konnte man deren grenzenlose Begeisterung sehen. Wer also zweifelt, ob die Begeisterung in den USA wirklich trägt, der sollte auf die nächste Generation schauen – sie ist längst fußballverrückt und lässt sich davon so schnell nicht mehr abbringen.