Dilettanten haben meist keinen guten Ruf. Und dies wohl zurecht. Sie pfuschen in der Weltpolitik herum, von der sie nichts verstehen, zetteln Kriege an, die sie weder gewinnen noch beenden können, empfehlen absurde UV-Bestrahlungen zur Behandlung von Virenerkrankungen, können weder eine Rentenreform noch die Energiewende umsetzen, vermasseln ihre Personalpolitik, wissen immer alles besser und verstehen in Wahrheit von den allermeisten Dingen nichts. Diesen Zustand kann man als das späte Ergebnis einer Ermächtigungspolitik verstehen, die mit dem Siegeszug der wohlmeinenden Idee der Partizipation begann und mit Social Media ihren Höhepunkt erreichte: Jeder darf dauernd und immer alles, und wenn ein paar Expert*innen dazwischen grätschen, weil es einfach auch Dinge gibt, von denen man etwas verstehen muss, wenn man sich zu ihnen äußern will, so werden sie als Elitisten geächtet.
Es gilt aber, von diesen Quälgeistern der Gegenwart jene Dilletanten zu unterscheiden, die sich schon durch die bewusst fehlerhafte Schreibweise und das Adjektiv „Genial“ von den Dumpfbacken unterschieden, deren Stumpfsinn uns das Leben erschwert und manchen das Leben kostet. Die „Genialen Dilletanten“ lassen sich als kurzlebiges, kaum fassbares und keinesfalls als „Bewegung“ beschreibbares Phänomen im Deutschland der frühen Achtziger Jahre beschreiben, dessen Protagonist*innen als Reaktion auf die doch etwas monotone Ruppigkeit des Punk das Spiel, den Humor, das Experiment bevorzugten und ihre bewusst ungekonnten Erforschungen neuer Formen der Kunst in allen Medien durchprobten: in der Musik, dem Film, der Graphik, der bildenden Kunst und natürlich im damals relativ neuen Medium Video.
Scan des Geniale Dilletanten Festival Programms Tempodrom Berlin 1981
Halbgötter zerlegt
Am Anfang stand eine Veranstaltung: Das „Festival der Genialen Dilletanten“ im Tempodrom Berlin am 4. September 1981, organisiert von Wolfgang Müller, der die treibende Kraft des Konzept-Kunst-Kollektivs „Die Tödliche Doris“ war. Dem Bierernst und der Wut des Punk stellte „Die Tödliche Doris“ das Grotesk-Absurde und den manchmal bitteren Witz entgegen: Am berühmtesten ist wohl ihr Film „Das Leben des Sid Vicious“ (1981), in dem mit einem kleinen Kind als Darsteller einerseits der skandalumwitterte (aber wohl erfundene) Spaziergang des Bassisten der „Sex Pistols“ nachgestellt wurde, der mit einem Swastika-T-Shirt auf den Champs-Elysees herumflaniert sein soll; andererseits die Ermordung von Vicious‘ Freundin Nancy Spungen, deren Tod Vicious zur Last gelegt, ihm aber nicht nachgewiesen wurde. Auf verwickelte Weise kombiniert der Film die Anzüglichkeit des Punk (ein Kind als Darsteller einer Tötungstat und als Träger eines von der deutschen Justiz inkriminierten Symbols) mit seiner Kritik als infantiles Provokationsgehabe; das Herumgefuchtel des Kindes mit einem Gummimesser zieht nicht nur den Halbgott des Punk ins Lächerliche, sondern auch das Mythengewabere, das ihn seither umgibt.
Heute Disco, morgen Umsturz, übermorgen Landpartie. Dies nennen wir Freiwillige Selbstkontrolle
FSK - Freiwillige Selbstkontrolle
DADA dadadum
Ebenso schräg und zu Anfang auch überaus experimentell ging es bei Der Plan zu, deren Mitglieder sowohl als Musiker fungierten als auch als Betreiber eines Labels (Ata Tak) und einer Galerie. Für ihre Masken und Kostüme, mit denen sie auftraten, standen die Dadaisten Pate, beispielsweise Hugo Ball mit seinem Dada-Kostüm (1916). Die Stücke auf den frühen Alben mit ihrem elektronischem Gefiepse, vor sich hin tippelnder Drummachine und verzerrten Stimmen stehen quer zum geölten Bombastrock der Achtziger: minimalistisch und auf kalkulierte Weise verpeilt rumpeln Der Plan durch eine Welt, die so unheimlich wie grotesk erscheint.
Das andere Ende der Skala repräsentieren die Einstürzenden Neubauten. 1980 aus einer Zufallsbegegnung entstanden, entwickeln sie sich innerhalb kürzester Zeit zur Lieblingsband der deutschen Kulturschickeria und werden schon 1982 zur Biennale von Paris und zur documenta eingeladen. Martialischer Lärm mittels Flex und Vorschlaghammer auf selbstgebauten Instrumenten aus Metallschrott, dazu Blixa Bargelds exaltiertes Rezitieren und Herausschreien seiner Texte (immer mit rollendem ERRRR!) verschaffen der Band rasch Kultstatus. Sie scheinen insbesondere im Ausland ein Stereotyp des Deutschen zu verkörpern: rabiat und aus Prinzip verzweifelt, voller Weltendesehnsucht, exzentrisch und extrem. Titel wie „Tabula Rasa“ oder „Kollaps“ spielen erfolgreich auf der Klaviatur der German Angst und unterstreichen den Habitus existenzieller Radikalität.
Die drei genannten Formationen sind nur besonders prominenten Beispiele der Genialen Dilletanten. Es gab eine Vielzahl von oft kurzlebigen und projekthaften Bands und Kollektiven, von denen oft nicht mehr überliefert ist als ein selbst produziertes Tape. Die Genialen Dilletanten versanken bald in der sogenannten Deutschen Welle, deren Seichtheit chart-tauglicher war als das schräge Geschrammel der Genialisten. Doch waren diese weit mehr als das kurzlebige Aufflackern einer sonderbaren Spielart des Post-Punk. Vielmehr repräsentierten sie die bis dato letzte Spielart einer „Kunst des Vergessens“, von der die europäische Kunsttheorie seit dem 19. Jahrhundert träumte: Ein Vergessen der Tradition, die jedoch selbst in einer Tradition stand, nämlich der des entschiedenen Protests gegen Nachahmung, Imitation, Mimikry. Statt nachzuahmen wagte man das Risiko eines völligen Neubeginns, wie er schon so oft gescheitert war. Anstelle eines Wissens der Akademie und des Konservatoriums bevorzugten die Genialen Dilletanten ein „existenzielles Wissen“ (D. Diederichsen) – man weiß, dass man kann, was man tut, einfach, weil man weiß, dass man es tut.
Subjektive Irrwege
Die unmittelbaren Vorfahren der Genialen Dilletanten waren natürlich die Dadaisten. Johannes Theodor Baargeld, von dem der Sänger der Neubauten (bürgerlich Christian Emmerich), Blixa Bargeld, seinen Namen entlehnte, hatte schon 1920 mit Max Ernst eine Publikation veröffentlicht mit dem Titel „schammade. dilettanten erhebt euch“. Wie entgegengesetzt Dadaismus und die Genialen Dilletanten zu jeder Form einer auf Klassizität und Ausgewogenheit zielenden Kunstpraxis standen, vermittelt ein noch so flüchtiger Blick in die Notizen Schillers und Goethes zum Dilettantismus von 1799: Nichts verachteten die Weimarer Heroen mehr als die „subjektiven Irrwege“ der sentimentalischen künstlerischen Pfuscher, denen sie das von der Natur mit Sondergaben bedachte Genie gegenüberstellten.
Goethe-Institut Washington
Wie aber hätte sich der verehrte, in diplomatischen Diensten stehende Geheimrat wohl zu den politischen Irrwegen geäußert, denen sich die Gegenwart gegenübersieht? Mit großer Sicherheit hätte er angesichts des grassierenden Dilettantismus in der wirklichen Welt den mit Presslufthämmern und brennenden Mikrophonen experimentierenden Künstler*innen des Genialen Dilletantismus eine aufmunternde Depesche zukommen lassen. Denn Humor hatte Goethe auch.