New York, 5. April 2026  New York sehen und nichts sehen

Portraitfoto von Louise Kenn auf einem gelb eingefärbten Hintergrund in New York. © Goethe-Institut, Ricardo Roa

In New York zu beschäftigt mit der Stadt sein, um die Stadt zu sehen. 

Ich bin in Bushwick und in einer Bar und rede mit dem Barkeeper und finde es lustig, später falle ich mit dem Fahrrad hin und werde den Sturz noch lange auf dem Brustkorb spüren, aber jetzt, jetzt ist das egal, jetzt bin ich in New York und wir halten einen Gindrink in der einen Hand und einen fancy Happen Essen in der anderen und lernen eine, zwei, drei, vier, fünf Leute kennen, wir verabreden uns für den nächsten Tag und ich fahre mit dem Fahrrad durch Central Park und laufe und laufe und laufe und sehe so viel, sehe so viel dass ich merke, dass ich kaum was gesehen habe, es reicht nicht, egal wie weit man läuft, Manhattan ist so groß, so voll, so viel und wir bekommen eine Zaubershow von Italienern während wir winzige Happen Pasta essen und werden in einer Bar mit einem riesigen Schwein davor ausversehen gepeppersprayed und dann sind mehr Leute in einer neuen Bar und ich bleibe ewig und rede und rede und rede und fahre lange zurück nach Bushwick und schlafe lange und versuche mehr zu sehen und laufe und laufe und laufe und sehe so viel, sehe so viel dass ich merke, dass ich kaum was gesehen habe,  es reicht nicht, egal wie weit man läuft, Brooklyn ist so groß, so voll, so viel und wir treffen uns am Hafen und ich bemerke, dass New York am Meer liegt, ich weiß, das New York am Meer liegt, aber die Stadt hat mich verschlungen, ich bin tief drinnen, ganz und gar und wir lernen noch eine, noch zwei, noch drei Leute kennen und ich sage ich will ins MoMA aber ich schaffe es nicht ins MoMA, ich stolpere über Ground Zero, immerhin, immerhin irgendwas gesehen, ich habe so viel gesehen und sehe die ganze Zeit nichts, New York ist so groß, so voll, so viel, und wir sind in einer Bar und wir lernen noch sechs neue Leute kennen, ein Abend, so viele Leute, und ich rede und rede und rede und ich spüre wie mein Körper erschöpft ist, aber die Stadt schläft nicht und ich auch nicht und once in New York, you are only once in New York, you can sleep when you’re dead und sie zeigen mir das West Village und sie erzählen mir ihre Lebensgeschichten, Lebensgeschichten die man nur in New York hören kann, und ich bin in einer Bar und rede und rede und rede und lache und ich weiß, ich fliege morgen aber ich schaffe es noch ins MoMA, in letzter Sekunde schaffe ich es noch ins MoMA, und es ist voll und laut und ich laufe und laufe und laufe und sehe so viel, sehe so viel, dass ich merke, dass ich kaum was gesehen habe, es reicht nicht, egal wie weit man läuft, das MoMA ist groß, so groß, so voll, so viel und ich bleibe vor dem Bild Chronic Hollow von Ida Applebroog stehen und mein Herz setzt aus und ich starre, starre minutenlang, falle hinein und erkenne alles, was ich die letzten fünf Wochen erlebt habe, erkenne mich, erkenne die USA, erkenne alles dargestellt wie ich es nicht ausdrücken könnte, und später in meinem Hotel in Tribeca sitze ich auf dem Bett und starre auf die Hochhäuser und die Aussicht und mir läuft eine Träne über die Wange, weil ich so glücklich bin, so glücklich und voll, noch nie mich so erfüllt und ganz gar gefühlt habe, das war das krasseste was ich je getan habe, ich habe mich geändert, diese Reise hat alles geändert, ich kann nicht fassen, dass mir das passiert ist und I am so thankful, so fucking thankful, so blessed, so happy, so full und all die anderen Amerikanischen Superlative. 
Die in diesem Text geäußerten Ansichten sind ausschließlich die der Autorin und spiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder Position des Goethe-Instituts wider.