Wir fahren ins Death Valley und skippen eine Tankstelle. Die Amerikanische Weite ist uns ein fremdes Konzept.
Wir fahren ins Death Valley mit halbem Tank. Wir denken uns nichts dabei, so ist das eben, als Europäer, da macht man sich wenig Gedanken um einen halben Tank. Wir fahren ins Death Valley mit halbem Tank und mein Vater hat mir geschrieben, dass wir genug Wasser dabeihaben sollen, und wenn irgendwas passiert, wir nicht weg vom Auto gehen sollen, und ich sage das Mücahit und Lauri und wir lächeln, das ist nett, dass er das sagt, als würde etwas passieren, als könnte uns irgendwas passieren, aber wir haben genug Wasser, sicherlich, das passt alles.Wir fahren also ins Death Valley mit halbem Tank. Es ist Superbloom, ein seltenes Ereignis, once a decade, das letzte Mal 2016. Wir ziehen die Schuhe aus, waten in der Untergehenden Sonne im flachen Salzmeer, starren mit offenen Mündern in die atemberaubende Landschaft, ich pflücke eine einzelne Blume obwohl das verboten ist, und ein riesiger Sonnenball fängt hinter den Bergen an zu versinken.
Wir machen uns auf dem Weg Death Valley mit weniger als dem halben Tank zu verlassen. Wir denken uns nichts dabei, wir sind froh, glücklich, erschöpft, und der Tank ist nur noch bei einem Drittel, aber das macht nichts, wir haben noch eine Reichweite von 150 Meilen, das sind immerhin fast 240 Kilometer, so argumentieren wir, als wir in einem winzigen Ort mit drei Häusern und ein einer einzelnen Zapfsäule mit besonders teurem Sprit vorbei fahren, da wird ja wohl noch eine bessere Tankstelle kommen, da müssen wir doch nicht die erste dahergelaufene Tankstelle nehmen, da muss man doch Auswahl haben, darauf müssen wir uns doch nicht einlassen.
Wir fahren also weiter, mit sehr viel weniger als halbem Tank. Die Sonne ist untergegangen, die Dunkelheit schiebt sich über Death Valley, wir sind immer noch mittendrin, die zuvor eingegebene Route auf dem Bildschirm zeigt uns bis zum Ziel noch 160 Meilen an. Wir biegen auf eine unbefestigte Straße ab. Es ist jetzt finstere Nacht, die Straße holprig, kein einziges Licht weit und breit, unsere Scheinwerfer erleuchten die sich in das nichts erstreckende Landstraße, noch 120 Meilen übrig im Tank, 190 Kilometer, das ist doch viel eigentlich, das ist doch weit, sollte man meinen, da sollt doch noch irgendwie eine Tankstelle kommen, das kann doch nicht sein.
Wir haben überhaupt gar keinen Empfang, nichts zu machen, wir sind schon über hundert Kilometer gefahren und immer noch hier, sagen wir, haha, lachen wir, aber nicht mehr ausgelassen, niemand ist mehr entspannt und ich schaue immer wieder auf mein Handy aber weiterhin nichts zu machen, kein Empfang, absolut gar keiner, SOS zeigt mein Handy an, immerhin, denke ich, immerhin aber sage nichts, sage lieber nichts, weil ich spüre, wie mein Nacken langsam steif wird und mein Magen flau, aber so lange kann das doch nicht mehr dauern, wie lange soll das denn noch dauern, wie weit soll die denn die Zivilisation…
Noch 80 Meilen übrig im Tank. Wir machen die Klimaanlage aus. Wir stecken die Handys aus. Wir löschen das Anzeigelicht des Bordsystems. Wir checken den Empfang. Wieder und wieder checken wir bei allen drei Handys den Empfang. Ein Auto überholt uns mit einem Elan, den wir nicht mehr wagen aufzubringen, rast uns auf der ewigen Strecke in die Dunkelheit davon, der Sternenhimmel ist wahrscheinlich wunderschön, aber wir können nicht stehen bleiben und ihn betrachten, ich bin traurig darüber, aber meine Anspannung überlagert das.
Immer wieder biept das Auto, Reserve blinkt es, und wir reagieren nur mit einem Blick und fühlen uns naiv und dumm, the European mind cannot comprehend this vastness, the European mind is too small for these valleys.
Noch 60 Meilen übrig im Tank als die Straße einen Berg erklimmt. Ich presse meine Lippen aufeinander um nicht zu sagen wie schlimm das ist, mit so einem Tank einen Berg hochzufahren, dass wir ja jetzt noch mehr Tank verbrauchen, dass das alles so naiv von uns war, wie kann man nur so blöd sein, was für ein dummer Gedanke einer Gruppe von Europäern: Sure, im Death Valley, da wird sicherlich sehr bald noch eine Tankstelle sein, was haben wir uns dabei gedacht, was sind wir nur für Trottel, ich sehe uns hier stehen des Nachts und frage mich, ob wir dann von einem anderen Auto was vorbei kommt etwas Sprit bekommen und ob es dann so sein wird, dass ich einen Schlauch in den Mund nehmen muss und es ansaugen, dass wollte ich schon immer mal ausprobieren, eigentlich, denke ich, aber dann haben die Leute doch sowieso überhaupt keinen Schlauch dabei, das heißt sie müssen dann zur Tankstelle und dann als nächstes…
Wir erreichen den Gipfel des Berges. Vor uns erstreckt sich eine Landschaft durchzogen von erleuchteten Straßen. Ich schaue auf mein Handy, ich habe wieder Empfang. Wir fangen an zu lachen, aber nur kurz. Erst an der Tankstelle wagen wir es wieder aufzuatmen.
Das Essen bei Dennys danach schmeckt gut, aber vielleicht auch nur wegen dem Adrenalin.