Austin, 27. März 2026  Performative Texan

Porträtfoto von Louise Kenn vor einem bläulich getönten Hintergrund mit einem Turm im Hintergrund. © Goethe-Institut, Ricardo Roa

Texas lieben, trotz allem.

Damn I love Texas, sage ich. I truly do, wiederhole ich und ich frage mich, ob das daran liegt, dass ich aus Bayern bin.

Ich kaufe einen Pin in einem der vielen Second Hand Shops. Ich will ihn sofort an meiner Sammlung an meiner Handtasche anbringen. Er fällt mir runter, direkt in meine neuen Cowboystiefel, die Spitze des Pins genauso gedreht, dass er mir in die Haut pikst. Ich kann den Schuh nicht ausziehen, da er sonst direkt tief in meine Haut gebohrt werden würde. Ich lache, sitze auf dem Boden des Ladens, stecke mit meiner Hand tief in meinem Schuh, während die Verkäuferin einen Kleiderhänger zerbricht. Sie ist so so so sorry, als wäre es ihr Fehler gewesen, und ich muss noch mehr lachen, als ich ihn endlich zu fassen bekomme.
Another good story for the books, rufe ich laut und halte ihn triumphierend zwischen meinen Fingern. Sie schaut mich traurig an, als wäre mein Leben bemitleidenswert.

Damn I love Texas, sage ich, fully aware, dass Austin eine Oase in Texas ist.

Ich sitze am Wasser, direkt am Fluss, Barton Springs, mitten in der Stadt, es erinnert mich an den Eisbach oder die Isar in München, nur dass man Eintritt zahlen muss. Es ist wunderschön, das Wasser kalt, grün und glasklar und hinter den Bäumen thront die Skyline von Austin. Vier Mädchen unterhalten sich neben mir.

I brought this book!
Oh my god, you are so perfomative.
Yeah, they are all talking about it on TikTok, but I feel like mine is even more perfomative.
Oh my goooood, yours is sooooo perfomative, main character much?
That’s so intellectual of you.
You’re like: ‘I’ll learn something’. Like, ‘I’m getting educated’, and I’m over here, like, ‘I love smut’.

You both are perfomative, I’ll never read anything, you can’t make me.

Ich packe mein „The Best American Essays 2025“ Buch zurück in meine Tasche und gehe schwimmen.

Damn I love Texas, sage ich, lasse meinen Kopf in den Nacken fallen und lächle in den Sonnenschein unter der Pride-Flagge.  

Ich gehe zum Rodeo. Ich freue mich auf Rodeo. Ich habe keine Ahnung was mich erwartet. Ich bin blauäugig, naiv.
Bevor die Show beginnt, stehen alle auf. They say the pledge of allegiance, they pray, they sing the national anthem, they thank the troops. Ich stehe zwischen ihnen mit offenem Mund. Ich schließe den Mund auf nicht in den zwei darauffolgenden Stunden, in der ich Männer auf Pferden und Bullen zusehe, wie sie wie eine Puppe hin und her geworfen werden, bis sie runterfallen, wie sie kleine Kälber, die die ganze Zeit unter dröhnendem Lärm in der Halle in einem winzigen Käfig gehalten werden, hinausscheuchen nur um sie sofort wieder mit einem Lasso einzufangen. Das Kalb wird auf den Boden geschleudert, die Menge johlt. Kinder klammern sich an Schafen fest, das Kind, das sich am längsten halten kann, gewinnt. Seine Mutter hat einen glitzernden Anzug, glitzernde Stiefel und einen glitzernden Cowboyhut an und ihre weißen Zähne sehen aus wie frisch gestrichen. Ich bekomme ununterbrochen Gänsehaut, ich weiß gar nicht wohin mit mir, bin überfordert, gehe eine rauchen, die einzige andere Raucherin ist eine Irin, die mir mit dickem irischem Akzent mehrmals sagt: What the fuck is this, they are mental, what the fuck is this place!

Damn, I love Texas, sage ich und gehe Paddeln auf dem Fluss, mache einen Ausflug an Lake Travis, spiele Karten unter blühenden Bäumen, lerne die nettesten Leute kennen.

Ich bin in einer Bar voller cooler Leute, die Bar ist wunderschön und es riecht gut nach Palo Santo. Ich belausche zwei Typen, die neben mir sitzen, und sich gegenseitig von den Frauen erzählen, die sie in letzter Zeit aufgerissen haben.
And then I hit her, er senkt seine Stimme, aber ich kann es immer noch verstehen, I hit her cervix, so it hurt her.
What’s a cervix?
You know like… Er holt sein Handy raus und googelt.
Oh, you mean like, the neck?
No, bro, look, sagt er und sie stecken die Köpfe zusammen und schauen beide angestrengt ins Handy.
Ooooooooh, antwortet sein Buddy. 
Yeah, sagt er und grinst stolz.
Später unterhalte ich mich mit zwei Frauen. Die eine arbeitet für eine Organisation, die Frauen aus dem State bringt, damit sie eine Abtreibung haben können. Die andere für eine Organisation, die Frauen bei sexuellen Übergriffen hilft. Als sie sich verabschieden, warnen sie mich.
Never ever leave your drink alone.
Please, never. Always hold it in your hand!
Also here? frage ich, und schaue mich in der sehr hippen, linken Bar um.
Especially here, antworten sie.

Damn, I love Texas, sage ich. Ich sehe einen Typen mit einem „What the fuck is a Kilometer“-Shirt. Ich sehe ein Plakat, das gegen Abtreibungen warnt. Ich sehe einen „PROUD AMERICAN“- bumper sticker.
No, but I still do, wiederhole ich und kann es mir auch nicht ganz erklären, kann auch nicht verstehen, was es ist, kann mir nicht helfen. Ich fühle mich wohl in Austin, der grünen Oase in einem rechten Texas, das eine Kultur hat, die faszinierend ist.
Die in diesem Text geäußerten Ansichten sind ausschließlich die der Autorin und spiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder Position des Goethe-Instituts wider.