Ausgesprochen … gesellig Gemütlichkeits­verzögerung

Es ist Herbst. Maximilian Buddenbohm überlegt, zu welchem Thema er diesen Kolumnenbeitrag schreiben kann. Die gemütlichen Herbstrituale sollen es sein. Doch es kommt anders als gedacht.

Von Maximilian Buddenbohm

Foto: Ein aufgeräumter Schreibtisch mit aufgeklapptem Laptop, einer Kerze, Blumen und wenigen Schreibtischutensilien Der Schreibtisch ist bereit, die Kerze steht – es könnte gemütlich werden. Doch wo bleibt der Herbst? | Foto (Detail): Bartek Szewczyk; © Westend61 / mauritius
Nicht immer nur über die großen Themen schreiben, denke ich mir, nicht nur über die Weltkrisen und die Untergangsdramen. Auch mal wieder im sogenannten kleinen Kreis nachsehen und dort etwas finden, in der eigenen Wohnung, in der Familie. Alles übersichtlich halten und sich dann vom Sofa oder vom Schreibtisch aus die Welt erschließen. Das geht auch! Also zumindest theoretisch.

Ich klappe das Notebook auf, ich sehe eine leere Seite im Schreibprogramm an, ich überlege. Inspiration auch einmal in mir selber finden, so etwas. Dabei komme ich darauf, dass es schon Herbst ist, fortgeschrittener Herbst sogar, die sogenannte dunkle Jahreszeit also. Da war doch etwas, dazu gehörten doch gewisse Rituale, wenn man da so herumsitzt. Das herbstliche Herumsitzen ist ein anderes als das im Sommer, da gilt es auch, gewisse Traditionen zu bedienen. Ich gehe zum Schrank und hole mir einen Kerzenständer und eine Kerze, ich zünde mir ein Lichtlein an und stelle es neben mich. „Sehr besinnlich!“, denke ich mir zufrieden und sehe wohlwollend in die kleine Flamme. Bestimmt fällt mir gleich Weiteres ein, manchmal ist auch das mit dem Schreiben nämlich nur eine Frage der Kulisse und der Ausstattung, das kennt man aus dem Theater. Wenn es jetzt allerdings regnen und stürmen würde, dann ginge es vielleicht noch besser, denke ich. Wenn so ein auffrischender Wind ums Haus heulen würde, mit diesem spukhaft pfeifenden Geräusch in der Lüftung des Badezimmers, mit dem beruhigend steten Tropfengetrommel auf den Dachfenstern … schön wäre das. Herbstlich schön, schaurig schön.

Warmer Südwind

Aber nichts ist. Ein eher hübscher Sonnenuntergang da draußen, letztes Tageslicht in goldenen, warmen Tönen. Das Dach des Kirchturms gegenüber funkelt freundlich in den letzten Sonnenstrahlen eines ungemein heiteren Tages. Die Balkontür steht offen, draußen sind 21 Grad. Das wird der Klimawandel sein, was sonst. Aber über den wollte ich heute nicht schreiben, und zwar ausdrücklich nicht. Man muss ihn doch auch einmal nicht wahrnehmen können, überlege ich, oder ist das am Ende schon abwegig, sind wir vielleicht längst so weit, und seit wann genau eigentlich. Die Kerze auf meinem Tisch flackert sachte im allzu lauen Abendwind, der vom Balkon hereinweht. Südwind, denke ich, ein unfassbar warmer Südwind. Im späten Oktober, kurz vor Halloween. Die Kinder werden diesmal wohl schwitzen, in ihren gruselig sein sollenden Kostümen. Und wenn um Mitternacht wirklich Geister erscheinen sollten, werden sie sich erst einmal fragen, ob sie diesmal nicht vielleicht im falschen Monat aus dem Grab gestiegen sind. Aber auch das wollte ich gar nicht denken.

„Mit Kerze?“

Meine Frau kommt nach Hause. Sie sieht mich am Schreibtisch sitzen, sie fragt, was ich mache. „Na, schreiben!“, sage ich etwas gereizt, was ist das denn bitte für eine Frage, wie lange kennen wir uns schon „Mit Kerze?“, fragt sie staunend, als sei das eine vollkommen groteske Idee, sich an einem Oktoberabend auch mal eine Kerze anzuzünden. Sie sieht mich überrascht an und bleibt neben mir stehen, sie erwartet wohl ernsthaft eine Antwort. „Das siehst du ja wohl“, sage ich einen Hauch zu betont. Gleich haben wir so eine unangenehme Krisenstimmung im Raum, die ist fast noch schlimmer als dieser Südwind. Meine Frau sieht mich immer weiter an und nickt langsam. Dann streckt sie ihre Hand aus und schiebt die Kerze etwa fünf Zentimeter weiter nach rechts. Und nickt noch einmal, diesmal deutlich zufriedener wirkend.

Ich empfinde das als stark übergriffig, und ich sage ihr das auch. Ich meine, auch wenn sie hier in Fragen der Dekoration tendenziell etwas mehr zu sagen hat als ich, was sich in den Jahrzehnten unserer Ehe langsam und durchaus nicht streitfrei so entwickelt hat, werde ich mir doch wohl einmal eine Kerze selbstbestimmt auf den Schreibtisch stellen dürfen, nach meinem Geschmack, Raumempfinden und nach meinen eigenen Vorstellungen von Symmetrie, Stil und Stimmung? Nein? Meine Frau sagt, ich würde heute merkwürdig unentspannt wirken. Dann schüttelt sie den Kopf und geht in einen anderen Raum. Ich schiebe die Kerze etwas zu energisch zurück, auf die Position, die ich gut fand. Sie geht dabei aus. Ich zünde sie wieder an, ich überlege angestrengt weiter. Hier geht es immerhin um etwas, ich sitze beruflich neben dieser Kerze, ich mache das alles ja nicht aus Spaß.

Dekorationsfragen

Vielleicht ist das auch einmal ein Thema für eine später zu schreibende Gesellschaftskolumne, fällt mir nebenbei ein, dass in den meisten Beziehungen, also zumindest in denen, die ich um mich herum kenne, die Frauen in Dekorationsfragen klar bestimmend sind. Das könnte man hinterfragen, heiter oder ernsthaft, wie auch immer, am Ende ist das Thema sicher wieder wesentlich ernster, als es zunächst wirkt, so ist es ja immer. Aber ich weiß nicht recht, das Thema zieht mich heute nicht genug an und ich werde außerdem das Gefühl nicht los, dass die Kerze fünf Zentimeter weiter rechts eben gerade tatsächlich etwas besser ausgesehen hat. Ein eher unangenehmes Gefühl ist das.

Der größere Sohn kommt aus der Schule nach Hause und sieht mich auf dem Weg in sein Zimmer am Schreibtisch sitzen. „Was machst du denn da?“, fragt er. Was ist eigentlich mit meiner Familie los, kennen die mich nicht oder was.  „Ich schreibe!“, sage ich also energisch. „Mit einer Kerze daneben?“, fragt der Sohn erstaunt und hebt die Augenbrauen, als sei das schon wieder so eine verrückt-schrullige Seniorenidee aus dem letzten Jahrhundert: „Du schreibst mit Kerzenlicht?“ „Ja, mit Kerze!“, rufe ich, „Das ist gemütlich und entspannt, das beruhigt meine Nerven! Raus hier!“

Der Sohn geht zu seiner Mutter, ich höre sie leise reden.

Kokeln

Der kleinere Sohn kommt etwas später auch aus der Schule nach Hause und sieht mich am Schreibtisch sitzen, er guckt sofort sehr interessiert. „Mit Kerze!“, sagt er entzückt und mit leuchtenden Augen und ich denke, dass das doch schön ist, wenigstens einer versteht mich hier. Immerhin einer kommt ein wenig nach mir und weiß das rechte Setting zu schätzen. Ich winke den Sohn freundlich zu mir heran. Vater und Sohn vor Kerze, jetzt also der romantische Teil. Der Sohn fährt versonnen mit einem Finger durch die blakende Flamme und fragt, ob er etwas kokeln dürfe. Er habe da in seinem Ranzen gewisse Papiere, die sicher gut brennen würden.

Okay. Ich gebe mich für heute geschlagen. Ich puste die Kerze aus, ich klappe das Notebook zu, das wird diesmal nichts. Das läuft nicht mit der Herbstgemütlichkeit bei 20 Grad und Temperaturrekorden im ganzen Land, ach was, in ganz Europa. Das geht so nicht, und das wollte ich eigentlich heute nur schreiben. Man kann das überall durchsagen, wie auf einem Bahnsteig: Die Gemütlichkeit verschiebt sich auf unbestimmte Zeit. Die Novemberstimmung verzögert sich, die Monate fahren in diesem Jahr in anderer Reihung als sonst. Es gibt erhebliche Störungen im Betriebsablauf der Jahreszeiten.

Ich weiß nicht, was ich machen soll, ich setze mich auf den Balkon. Es ist ein warmer, ein viel zu warmer Abend Ende Oktober 2022, es sind immer noch 20 Grad da draußen.

Es ist dermaßen ungemütlich.

 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Susi Bumms, Sineb El Masrar und Şeyda Kurt. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.