Der Opernball gehört zu Wien wie der Mörtel zum 2024 verstorbenen Bauunternehmer Richard Lugner. Der ließ sich jahrzehntelang medienwirksam von weiblichen Promis zu dem gesellschaftlichen Großereignis begleiten. Stefanie Sargnagel hat eine wahnwitzige Satire auf ihren „Besuch bei der Hautevolee“ geschrieben.
Die Wiener Schriftstellerin Stefanie Sargnagel, die in den späten 2000er-Jahren mit Facebook-Statusmeldungen und Tweets auf Twitter auf sich aufmerksam machte, hat seither einige Bücher geschrieben. Iowa, ihr autofiktionales Buch über einen „Ausflug nach Amerika“, stand 2024 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Ebenfalls im Jahr 2024 hat sie den Wiener Opernball besucht und daraus zunächst eine Theatershow geschaffen und anschließend ein Buch geschrieben, eine „Tour de Force am härtesten Parkett der Welt“.Der Opernball ist zugegebenermaßen ein leichtes Ziel für Spott. Unfreiwillige Komik und Selbstentblößung inklusive Selbstentblödung werden frei Haus geliefert. Doch Sargnagel filetiert die Auswüchse dieser Veranstaltung besonders drastisch. Opernball ist eine schonungs- und schamlose Groteske mit zahlreichen Ausflügen ins Reich des Körpers und in die Tierwelt: „Mief steigt aus den Fleischfalten, … Speichel spritzt durchs Licht der Scheinwerfer“ und am „Männerbusen klimpern Orden“. Insgesamt sehen die Männer aus „wie mutiertes Geflügel: vorne ein Pinguin, hinten eine Schwalbe, oben die Fliege, unten der Spatz“. Ein großer Jahrmarkt der Eitelkeiten also, eine „Stimmung wie in den vergangenen Jahrhunderten bei einer öffentlichen Hinrichtung“.
Langer Hals als Zuchterfolg
In diesem Buch tummeln sich einige Persönlichkeiten, die außerhalb Österreichs wohl kaum jemand kennt. Aber das macht nichts, denn man freut sich ja immer, wenn die Schönen und Reichen, die Boulevard- und Politprominenz ihr Fett wegbekommen. Für die Klatschpresse zählte bis zum Tod des volkstümelnden Baulöwen Richard Lugner ohnehin nur dessen jährlich wechselnde weibliche Begleitung: „Alles, was die internationale Öffentlichkeit wissen will, ist, ob Lugners jeweils neue Freundin Vogi, Schweindi, Hexi, Schwubsi, Stupsi, Pupsi oder Popschi heißt.“Vor noch etwas sei gewarnt: Nicht nur die österreichische High Society, sondern auch das Wienerische kommt nicht zu kurz. Die diensthabenden „Kiberer“ murmeln „fad im Schädl, hocknstad“ (Kiberer sind Polizisten, und ihnen ist einfach langweilig, weil sie auf dem Opernball nichts zu tun haben). Skurril und kurzweilig ist das Büchlein und nach nicht mal 80 Seiten schon wieder zu Ende. Es enthält schöne Bonmots wie etwa: „Je größer die Machtunterschiede in einer Gesellschaft, desto wichtiger ist die Höflichkeit, um darüber hinwegzutäuschen.“ Außerdem entdeckt Sargnagel ein körperliches Distinktionsmerkmal der Adelsdynastien, das diese von den Neureichen abhebt: „Der lange Hals ist ein Zuchterfolg der höheren Gesellschaft.“
Der „Volkskanzler“ kopfüber im Kronleuchter
Bei Sargnagel fallen auf dem Opernball alle Scham- und sonstigen Grenzen. Es wird gekokst, was das Zeug hält. Irgendwann spritzt Blut, und der irrsinnige Tanzabend mutiert zur Ekel-Orgie. Am Ende hängt der „Volkskanzler“ kopfüber im Kronleuchter und pinkelt in die entzückte Menge.Als Nächstes wird Sargnagel über das Münchner Oktoberfest schreiben, dort ist der Exzess ebenfalls kein unbekanntes Phänomen. Sollte sie sich eines Tages auf das politische Parkett wagen wollen, kämen die Münchner Sicherheitskonferenz, ein G7-Gipfel oder das Weltwirtschaftsforum in Davos in Frage. Nur mit dem Zugang dürfte es für Sargnagel bei diesen politischen Großereignissen schwieriger werden, aber vielleicht gilt auch dort: „Der Künstler ist der einzige Lump, der die Klasse wechseln darf.“
Hamburg: Rowohlt Hundert Augen, 2026, 80 S.
ISBN: 978-3-498-00882-6
April 2026