Durchforstet man die Feuilletons nach verheißungsvollen deutschsprachigen Debütromanen, wird schnell klar: In punkto literarischem Nachwuchs muss einem nicht bange sein.
Clara Leinemanns Erstling Gelbe Monster erhielt gleich den Debütpreis der lit.COLOGNE 2026. In ihrem Roman seziert die Autorin die gescheiterte Beziehung von Charlie und Valentin, in der Charlie die Kontrolle über sich verliert und gewalttätig wird. Leinemann erzählt diese Geschichte vom Ende aus, mit allen Ambivalenzen und Abhängigkeiten. Die Jury der lit.COLOGNE lobt die plastischen Figuren und die packende Erzählweise – man folge gebannt dem „toxisches Wechselbad aus Aggression und Anhänglichkeit“. „Ein beeindruckender Roman über problematische Beziehungsdynamiken und weibliche Wut“, lautet das Fazit der Jury.Svenja Liesau war nicht nur Schauspielerin und jahrelanges Ensemble-Mitglied am Berliner Maxim Gorki Theater und ist seit der Spielzeit 2023/24 Mitglied im Ensemble des Deutschen Theaters. Sie fand auch noch Zeit, ihren ersten Roman zu schreiben. Für Tobias Lehmkuhl ist Es war nicht anders möglich „ein ebenso vergnüglicher wie dramatischer Absturz-Monolog“ (Deutschlandfunk). Liesau schickt ihre Protagonistin, die Mittdreißigerin Martina, auf eine Reise durch Berliner Kneipen und psychische Krisen. Der Tod ihres Vaters hat sie aus der Bahn geworfen, sie flüchtet sich ins Nachtleben. Vorangestellt ist dem Roman ein Motto, das die Ambivalenz von Rausch und Tragik auf den Punkt bringt: „Mein Leben ist wie Kirmes im Herbst, viel Spaß vor trübem Hintergrund.“ Rasant, rau, originell, pointiert und pointensicher, so der Tenor der Roman-Besprechungen. Man merke der Autorin die Herkunft vom Theater an, für Christian Rakow ist der Roman „voller Trauer und Irrwitz“, die würdige Fortsetzung von Liesaus Schauspielkunst, ihrer ganz speziellen „Art theatraler Eruption“ (nachtkritik.de).
Aus dem Leben von Kunstturnerinnen und Fernfahrerinnen
Son Lewandowski präsentiert mit ihrem Debüt Die Routinen einen Roman aus der Welt des Leistungsturnens. Was für die Zuschauer schwebend leicht aussehen soll, basiert auf einem brutalen System mit enormem Leistungsdruck, harten Trainingsmethoden sowie Missbrauch und Gewalt. Davon, dass der Preis für Perfektion viel zu hoch ist, erzählt Lewandowski. Im Zentrum steht Amik, die auf ihre Turnkarriere und die erschütternde Lebenswelt der Turnerinnen zurückblickt. Der Alltag dieser jungen Mädchen ist von Zahlen dominiert. Niemals dürfen sie ein Gramm zu viel wiegen, erwachsen werden ist verboten. Die titelgebenden Routinen werden unter Schmerzen internalisiert. Lewandowskis Debütroman erhielt durchweg positive Kritiken und war im März 2026 für die SRF-Bestenliste nominiert: „Wie Son Lewandowski in einer kraftvollen, unsentimentalen Sprache die verhängnisvolle Verschränkung von Sport und Politik offenlegt, ist einzigartig.“Einen Roman über eine Aussteigerin und eine LKW-Fahrerin liest man nicht alle Tage. Anja Gmeinwiesers Debütroman Wir Königinnen bietet genau das. Die Ich-Erzählerin ist eine junge Lehrerin mit Lebenskrise, die ihrem Alltag mit Beamtenstatus auf Lebenszeit sowie ihrem Mann in die Piemonteser Alpen entflieht. In der menschenleeren Gebirgslandschaft trifft sie die etwa gleichaltrige Anna, eine toughe italienische Fernfahrerin, die ihren Tiertransporter quer durch Europa steuert und deshalb kaum Zeit mit ihrer fünfzehnjährigen Tochter verbringt. Zwei sehr unterschiedliche Lebenswelten prallen aufeinander, doch die Frauen nähern sich an, obwohl sie sich sprachlich nur über eine manchmal fehlerhafte Übersetzungsapp verständigen können. Eine abenteuerliche Reise und eine zärtliche Liebesgeschichte beginnen. Für Julia Schröder vom SWR ist diese „krachlustige Westernparodie … ebenso spannend wie menschlich erzähltes, klug gemachtes und immer wieder überraschendes Erzählkino“. Die Autorin schaffe es, „ein denkbar männliches Sujet, den Western, ins Weibliche“ zu drehen. Gmeinwieser erhielt zudem den Literaturpreis Fulda 2026, die Jury lobt „die lakonische, präzise Sprache, den grotesken Humor und den Blick für das Absurde wie Anrührende, der bei aller Schonungslosigkeit Raum für Hoffnung lässt“.
Eine exzentrische Familie und ein Mädchen in einer Männer-WG
Dass Familienromane nicht lang sein müssen, beweist David Vajda mit seinem Roman-Erstling Diamanten, der gerade einmal gut 170 Seiten umfasst. Der Autor erzählt von einer exzentrischen Bohème-Familie, bestehend aus einem ex-jugoslawischem Vater, der seine vier eigenwilligen erwachsenen Kinder als Diamanten bezeichnet, manchmal aber auch als Trottel. Die ganze Familie besteht aus (Lebens)Künstler*innen, die weit über Europa verstreut leben. Die Geschichte kreist um den Tod der Mutter, deren Leiden an einem Hirntumor sich über fünf Jahre hinzog, und darum, wie die Kinder mit diesem Tod umgehen. Viel Handlung gibt es nicht in diesem Roman, aber viel Raum, die Stimmung in dieser chaotischen Familie mitzuerleben. Zelda Biller jubiliert in der NZZ: „Es gibt sie noch, die ernstzunehmende Literatur, denkt man als optimistischer Kulturpessimist erleichtert beim Zuschlagen von Vajdas Roman.“Die kleine Lale wächst in den 1980er-Jahren in einer Männer-Kommune in Westberlin auf, umgeben von der Musik von Ton Steine Scherben und Einstürzende Neubauten. Ihre Mutter war bei Lales Geburt heroinabhängig, also musste das Neugeborene direkt einen Entzug durchstehen. Lales Vater geht kurz nach Lales Geburt in den Knast. Ein Freund des Vaters adoptiert sie, das Baby landet in besagter linksalternativen Männer-WG. Deren Mitglieder kümmern sich wenig um das Kind, sondern mehr um ihre eigenen Bedürfnisse. Alkohol, Drogen, freie Liebe sowie antikapitalistische Attitüden prägen den Alltag, es kommt zu sexuellem Missbrauch. Das ist die ziemlich harte Geschichte in Lilli Tollkiens Debütroman Mit beiden Händen den Himmel stützen. Er speist sich aus autobiografischen Erfahrungen und wird im Feuilleton genau dafür als „starkes Stück Autofiktion“ gelobt – sowie für die Nüchternheit und den nicht anklagenden Ton, mit dem die Abgründe und Ambivalenzen geschildert sind.
Berlin: Berlin Verlag, 2026. 224 S.
ISBN: 978-3-8270-1528-0
Clara Leinemann: Gelbe Monster. Roman
Berlin: Suhrkamp, 2026. 192 S.
ISBN: 978-3-518-43300-3
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe.
Svenja Liesau: Es war nicht anders möglich. Roman
Berlin: Rowohlt Berlin, 2026. 240 S.
ISBN: 978-3-7371-0253-7
Son Lewandowski: Die Routinen. Roman
Stuttgart: Klett-Cotta, 2026, 272 S.
ISBN: 978-3-608-96716-6
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe.
Lilli Tollkien: Mit beiden Händen den Himmel stützen. Roman
Berlin: Aufbau, 2026. 255 S.
ISBN: 978-3-351-04284-4
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe.
David Vajda: Diamanten. Roman
Berlin: Hanser Berlin, 2026. 176 S.
ISBN: 978-3-446-28584-2
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe.
Juni 2026