Sprechstunde – die Sprachkolumne Darf ich du sagen?

Siezen oder Duzen – das ist manchmal die Frage. Findet auch Hasnain Kazim und schaut sich auf der Welt um: Wie funktionieren Anreden in Skandinavien und im asiatischen Raum, in Behörden, Redaktionen und Parteien? Und wie funktionieren sie gelegentlich auch nicht? In jedem Fall aber bilden sie das Leben ab. 

Von Hasnain Kazim

Illustration: Person, die ein Schild mit der Aufschrift „Du? Sie?“ hält Darf ich dich duzen? Oder ist das übergriffig? | © Goethe-Institut e. V./Illustration: Tobias Schrank
Liebe Leserin, lieber Leser, was hältst du davon, dass ich dich ab jetzt duze? Ist das für dich in Ordnung, obwohl wir uns nicht kennen? Oder empfindest du das als befremdlich, gar übergriffig? Ist dir das zu viel Nähe?
 
Ich kenne Menschen, die es „voll okay“ finden, wenn man einander sofort duzt, unabhängig vom Alter, von der gesellschaftlichen Stellung oder wie gut man einander kennt. Andere reagieren pikiert. Oft, aber nicht immer, sind die einen eher progressiv, liberal, politisch links, die anderen mehr bürgerlich, konservativ, politisch rechts. Und Junge duzen mehr als Alte. Falls du jetzt protestierst: Ich kann's nicht beweisen. Aber ich glaube, bei den Grünen duzen sie einander mehr als, sagen wir, in der CDU.

 Die Form wahren

Die einen wollen gesellschaftliche Unterschiede und Machtgefälle, die sie als ungerecht empfinden, erodieren, indem sie auf sprachlicher Ebene Unterschiede abbauen: 'Lasst uns einfach du sagen!' Die anderen sehen im Siezen Höflichkeit und respektvolle Distanz zum Gegenüber.
 
Ich kann beides nachvollziehen. Ich finde, dass man auch im Duzen respektvoll, höflich, distanziert sein kann. Ich finde aber auch, dass es Teil des menschlichen Miteinanders ist, die Form zu wahren. Wie haben wir uns erwachsen und ernst genommen gefühlt, als wir ab der elften Klasse von unseren Lehrerinnen und Lehrern plötzlich  gesiezt wurden! (Okay, manche fanden es auch albern.)

Per Du mit dem Regierungschef

In Schweden ist das Sie quasi abgeschafft, schon seit den Sechzigerjahren. Bis dahin siezte man viel und benutzte Titel – bis es den Menschen zu viel wurde. Man wollte flache Hierarchien, eine barrierefreie Sprache, wo man nicht lange über die Anrede nachdenken muss, man wollte die demokratische Gesellschaft – alle Menschen sind gleichwertig und haben die gleichen Rechte – in der Sprache abbilden. Der damalige Chef der Gesundheits- und Sozialbehörde, Bror Rexed, schritt avantgardistisch voran: „Kalla mig Bror!“, sagte er, „Nennt mich Bror!“ Von da an duzte er alle und alle duzten ihn, überhaupt duzten fortan alle alle, nur den König und seine Familie nahm man aus, so weit reicht die Gleichheit dann doch nicht.
 
Ganz ähnlich im Nachbarland Norwegen. Dort gibt es, wie im Schwedischen, in der Sprache die Sie-Form, aber niemand benutzt sie. Auch den Regierungschef würde man sofort duzen: „Hei Jonas, gamle kompis!“, „Hallo Jonas, alter Kumpel!“ Ein gamle kompis von mir, der seit vielen Jahren in Norwegen lebt, sagt, sein Norwegischlehrer hätte ihm erzählt, in Norwegen würden eigentlich nur noch pakistanische Lebensmittelhändler Menschen siezen, sonst mache das niemand mehr.

Gespiegelte Hierarchie

Na klar, denke ich, natürlich siezen Pakistaner, denn auf Urdu gibt es nicht nur Sie und du, sondern sogar drei Abstufungen, und die korrekte, höfliche Anrede, der formal respektvolle Umgang sitzt tief in einem drin – selbst wenn man in eine andere Sprache wechselt! (Nur im Englischen geht das nicht, da gibt's eh nur you, da hat man keine Wahl.) In Südasien sind die Gesellschaften viel hierarchischer als in Europa, und das spiegelt sich in der Sprache wider. Man mag das nun kritisieren und anders machen wollen. Es funktioniert nur meist nicht. Als ich mal in Pakistan lebte, arbeitete bei uns ein Koch und Haushälter. Es ist üblich, dass man seine Hausangestellten duzt, sie aber ihren Arbeitgeber siezen. Ich dachte, ich mache mal auf Augenhöhe und sieze ihn.
 
Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr ihn das irritierte! Erst vermutete er, ich machte mich über ihn lustig. Dann dachte er, ich könne nicht richtig Urdu sprechen. Irgendwann hielt er es nicht mehr aus und bat mich, ihn zu duzen. Er siezte mich aber weiterhin – und sagte sogar „Sir“ zu mir. Immer. Ich habe ihn viele Male aufgefordert, das nicht zu tun. „In Ordnung, Sir!“, war stets seine Antwort. Da war nichts zu machen – bis heute. Wenn ich ihn anrufe, sagt er: „Salam, Sir!“
 
Sie merken – ich sieze Sie wieder, verehrte Leserin, lieber Leser! Da steckt noch der Südasiate in mir. Wobei ich es nicht übertreibe mit dem Siezen. In Indien, Pakistan, Bangladesch, Sri Lanka siezt man, wie noch vor gar nicht allzu langer Zeit in Deutschland, seine Eltern. Und die älteren Geschwister. Die Frau siezt ihren Gatten. Wenn es respektvoll und auf Augenhöhe zugeht, siezt er sie auch. Mutet merkwürdig an, finden Sie nicht? Ungerecht und viel zu hierarchisch? Kann man so sehen.

Angemessen

Ich erinnere mich daran, dass mal jemand in Deutschland meinen Vater duzte, wo es wirklich unangemessen war. Ich war noch ein Kind. Wir waren in einer Behörde, es ging um Aufenthaltspapiere für uns, und der Beamte fühlte sich mächtig. Schon damals spürte ich, dass das Duzen hier nicht angemessen war. Eine bewusste Respektlosigkeit gegenüber meinem Vater. Der ließ sich nichts anmerken, vielleicht war es ihm auch egal, aber ich weiß noch, wie ich damals dachte: Das geht so nicht! So etwas werde ich mir nicht gefallen lassen, wenn ich mal groß bin! Auch das steckt immer noch in mir: dieser Verdacht, jemand rede absichtlich von oben herab, wenn er mich ungefragt duzt.
 
Nun könnte man einwenden: Große Güte, das menschliche Miteinander ist doch kompliziert genug, warum muss es auch die Sprache sein? Weil Sprache eben das Leben abbildet! Duzen, wo das Du angemessen ist – und Siezen, wo das Sie besser passt! Finde ich.
 
Oder: das „Hamburger Sie“ – Anrede mit Vornamen, aber Sie: „Peter, könnten Sie mir bitte den Kaffee bringen?“ In einigen Hamburger Redaktionen reden sie so. Ich mag das. Sehr vornehm klingt das. Nicht zu vertraut, nicht zu distanziert. Manche hingegen finden diesen Mittelweg affig. Andere Variante: das „Münchner Du“, auch beim Militär beliebt: Anrede mit Familiennamen, aber Du. „Müller, komm mal her!“
 
Gefallen finde ich auch am Pluralis Majestatis, die Anrede besonders würdiger oder besonders mächtiger Persönlichkeiten in der Mehrzahl. Oder, noch besser, die Anrede in der dritten Person! Der Autor dieser Kolumne hegt die Hoffnung, der Leser, die Leserin ist diesem Text gewogen! Hat er, hat sie Kritik anzubringen? Man weiß es nicht.
 

Sprechstunde – die Sprachkolumne

In unserer Kolumne „Sprechstunde“ widmen wir uns alle zwei Wochen der Sprache – als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen. Wie entwickelt sich Sprache, welche Haltung haben Autor*innen zu „ihrer“ Sprache, wie prägt Sprache eine Gesellschaft? – Wechselnde Kolumnist*innen, Menschen mit beruflichem oder anderweitigem Bezug zur Sprache, verfolgen jeweils für sechs aufeinanderfolgende Ausgaben ihr persönliches Thema.