Sprechstunde – die Sprachkolumne Frauenrap – eine überfällige Begriffsklärung

Wollen wir exklusiven Rap für Frauen und für Männer? Eine rhetorische Frage, findet Taiga Trece. Ihre Antwort lautet nein. Sie nutzt die Gelegenheit, ein paar Begrifflichkeiten zurechtzurücken und plädiert für mehr Frauen im Rapgame.

Von Taiga Trece

Illustration: Eine Person mit Sprechblase, die eine zerbrochene Vinyl-Schallplatte enthält Was soll bitte Frauenrap sein? Exklusiver Rap für Frauen? | © Goethe-Institut e. V./Illustration: Tobias Schrank
Immer wieder ist von Frauenrap die Rede, wenn es um Rap von Frauen geht. Aber der Begriff ist falsch. Denn das würde ja beinhalten, dass Rap die männliche Autorität und Vollmacht zugesprochen wird. Dabei ist Rap vom Ursprung her integrativ, genau wie Musik ganz allgemein.

Nur für Frauen? Nur für Männer? Eher nicht!

Was soll bitte Frauenrap sein? Exklusiver Rap für Frauen? Hat denn schon mal jemand von Männerrap gehört, von exklusivem Rap von Männern für Männer? Und schließlich macht ein homosexueller Rapper auch nicht automatisch Gayrap, weil er schwul ist.

Wieso muss im Zeitalter des Feminismus Musik von Frauen als solche benannt werden, auch wenn es nicht stimmt? Wollen wir da wirklich hin? Brauchen wir tatsächlich Frauenmusik, Frauenpop, Frauenpolitik, Frauenrock usw? Oder brauchen wir einfach nur mehr Frauen im Game?!

Hat Angela Merkel je gesagt: „Ich mache Frauenpolitik“ oder Heidi Klum: „Ich bin ein Frauenmodel“? Wirbt Helene Fischer damit, „Frauenschlager“ zu singen? Nein, nicht vorstellbar. Es wäre eine Degradierung der Kunstform, weil das Geschlecht vor den eigentlichen Akt gestellt wird. Warum also Frauenrap? Ein weiblicher Artist zu sein oder Frauenmusik zu machen, ist ein erheblicher Unterschied. Für mich gilt: Es gibt einfach Rapper und welchem Geschlecht sie angehören, ist doch echt egal.

Oft passen sich Femcees an die männliche Rapwelt an. Denn oft können sie nur bestehen und dazugehören, wenn sie die vorherrschenden Kriterien übernehmen. Sie greifen zu männlichen Waffen und handeln sich dafür Respekt ein. Das ist auch ein Grund dafür, dass sich mehr und mehr Frauen dem feministischen Rap zuwenden. In Playlisten, auf Konzerten und Veranstaltungen ist der Männeranteil sehr hoch, viele Artists setzen deswegen auf ein Publikum, das offener ist, und sprechen mit ihrer Musik bewusst Frauen an.

Den Begriff girlkottieren

Nochmal: Die Kunstform ist Rap. Deswegen sollten wir den Begriff Frauenrap sogar boykottieren – und in diesem Fall girlkottieren. Wie in jeder Musikart, gibt es viele Subkategorien: Gangstarrap, Straßenrap, Boom bap, Battlerap, Poprap, Consciousrap, Cloudrap, Trap, Drill, und so weiter. Diese Kategorien sind nicht aufgeteilt nach Geschlecht und sexueller Orientierung, sondern nach Stil und Message. Frauenrap ist kein eigenes Genre und kann hier nicht mit eingereiht werden.

Allerdings könnte es sich in Zukunft als neues Subgenre durchsetzen. Schließlich bringt die moderne Musik ständig neue Unterkategorien hervor, die ein bestimmtes Publikum ansprechen und sich durch einen eigenen Style präsentieren. Frauen-, Männer- und Gayrap könnten somit zu einem neuen Subgenre werden. Jedes Subgenre hat ein zentrales Thema, über das gesungen wird. Außerdem möchte es meist auch als solches erkannt werden: Über Kleidungsstil, Marken, Farben, Fashion, Slang identifizieren sich die Fans mit ihrer Musik.

Ich zum Beispiel mache Rap, slash Straßenrap, slash Deutschrap, slash bilingualen Rap, slash… Aber nur weil ich eine Frau und eine Rapperin bin, möchte ich nicht, dass meine Musik auf Frauenrap reduziert wird. Ich rede mit den Erfahrungen einer Frau, den Gefühlen einer Frau, aus dem Körper einer Frau und mit der Stimme einer Frau, und ich rede zu Menschen.

Wenn das Geschlecht über das Wesentliche gestellt wird, wenn wir alles in Geschlechtliches einteilen, dann trennen wir Menschen und Zusammenhänge. Mir scheint, dass wir dadurch zu oft Grenzen ziehen und spalten. Besser wäre es, wir machen uns für mehr gemeinschaftliches Miteinanders, Gleichberechtigung und Ebenbürtigkeit stark.

Manchmal wirkt es, als wollten wir uns in der Gleichberechtigungsdebatte verbal neu aufstellen, am liebsten unsere ganze Sprache verweiblichen, als sei dies die ultimative Lösung für das Problem des maskulinen Rufs und der männlichen Dominanz im Hiphop.

Sollen die Jungs doch klarkommen mit der Verweiblichung im Rapgame. Die Zahl der Rapperinnnen steigt sowieso, und je mehr es werden, desto besser sieht man sie, ohne dass sie laut schreien müssen und ihre Stimmen verausgaben.

Von Anfang an am Start

Schon seit Beginn der Hiphop-Ära in den 1970er-Jahren waren Frauen am Start. Sie bekamen nur weniger Aufmerksamkeit als die Männer. Aber auch wenn die allgemeine Meinung von Rap männlich geprägt ist und das Männerbild hier verstärkt in den Vordergrund tritt, ist das noch lange kein rein männliches Terrain. Einzig müssen die Frauen, wie in vielen anderen Bereichen auch, umso härter für ihren Platz im Territorium kämpfen.

Ich komme aus der Szene. Und ich hab mich dran gewöhnt, dass wir nicht immer ernst genommen werden. Ich lass mich aber nicht entmutigen oder unterkriegen. Als Frau des Rap, lebe ich, was ich tue und gehe mit diesem Beispiel voran.

Femcees sind auf Vormarsch. Wir sind keine Sonderkategorie. Es tut sich was. Wir werden normal.
 

Sprechstunde – Die Sprachkolumne

In unserer Kolumne „Sprechstunde“ widmen wir uns alle zwei Wochen der Sprache – als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen. Wie entwickelt sich Sprache, welche Haltung haben Autor*innen zu „ihrer“ Sprache, wie prägt Sprache eine Gesellschaft? – Wechselnde Kolumnist*innen, Menschen mit beruflichem oder anderweitigem Bezug zur Sprache, verfolgen jeweils für sechs aufeinanderfolgende Ausgaben ihr persönliches Thema.